Überschäumende Freude: Jana Lacey-Krone (r.), Direktorin des Circus Krone, lässt ihren Spanier vor Orchester und Chor steigen.

Weihnachtsoratorium mit Dressurvorführungen im Gestüt Schwaiganger

Pferde tanzen zu klassischer Musik

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Rund 700 Besucher haben in der ausverkauften Reithalle in Schwaiganger ein besonderes Konzert erlebt: Chor, Orchester und Solisten präsentierten Bachs Weihnachtsoratorium, zu dem Pferde tanzten.

Schwaiganger– Konnte diese Kombination gelingen? Sie schien zumindest gewagt – immerhin trafen zwei Welten aufeinander, die ein großes Ganzes ergeben sollten. Eine kalte Reithalle ist kein Konzertsaal, ein Konzertsaal keine Reithalle. Orchester, Chor und Solisten traten, von Heizpilzen gewärmt, unter ungewohnten Bedingungen auf; ebenso die Dressurpferde, die ohne Bande direkt am Publikum Lektionen zeigen sollten, den Dirigenten mit seinen Bewegungen vor Augen.

Konnte das also funktionieren?

Ja, es konnte. Besucher Dr. Günter Steinebach schwärmte: „Es war toll.“ Und Sopranistin Gabi Schretter fand’s „wirklich faszinierend“. Veranstalterin Gerda Prochaska hat mit der Neuauflage von Bachs barockem Weihnachtsoratorium am Sonntag im Haupt- und Landgestüt Schwaiganger aufs richtige Pferd gesetzt. Sie weiß aus Erfahrung, wie ästhetisch und gelungen diese Symbiose sein kann. Also brachte sie noch einmal klassische Musik und Lusitanos, Lipizzaner und Reine Spanische Rasse zusammen, die zum populärsten aller geistlichen Vokalwerke Bachs zu tanzen schienen. Freies Orchester München (Dirigent: Leos Svarovsky), Trompeter der Philharmonie Prag, Münchner Konzertchor sowie Gesangssolisten – Kammersänger Kevin Conners (Bayerische Staatsoper, Tenor), Karla Bytnarova (ehemals Prager Oper, Alt), Holger Ohlmann (Gärtnerplatztheater, Bass) und Gabi Schretter aus Eschenlohe – brachten die ersten drei von sechs Oratoriumsteilen in die Reithalle, die mit rund 700 Zuschauern nach Angaben Prochaskas ausverkauft war. Bachs Werk wurde 1734/35 – etwa zur Gründungszeit der staatlichen Gestüte, wie Dr. Eberhard Senckenberg, Leiter von Schwaiganger, sagte – in Leipzig uraufgeführt und ist heute ein Advent-Dauerbrenner.

Musiker und Sänger kamen ohne Verstärkung aus, die Reithalle bot eine relativ akzeptable Nicht-Konzertsaal-Akustik und barg kein Problem für die Spezialisten. Auch Schretter, die sonst im Kirchenchor Eschenlohe sowie hin und wieder in Partenkirchen singt („Ich bin eigentlich Laiin“), schlug sich mehr als achtbar in der undankbaren Position unter Profis, die beim Stimm-Volumen mehr Potenzial haben mussten.

Bilder: Pferde tanzen zu Bachs Weihnachtsoratorium

Alle Musik verkam zur Untermalung, wenn die insgesamt sieben Pferde ihre Auftritte an passenden Stellen hatten. Können sie zur Musik tanzen? Wer sich auf das Erlebnis einlässt, wird dies beteuern. Der Chor sang „Jauchzet, frohlocket“, während Pferde mit ihren Reiterinnen in historischen Kostümen leichtfüßig, fast schwerelos Dressurlektionen zeigten, mal Traversale, mal versammelten Trab. Oder, wie bei einer Bass-Arie, festlich auf der Stelle stampfend die Piaffe, später das Kompliment (eine Verbeugung) und den ausgreifenden Spanischen Schritt.

Expertin Anja Beran, die auf ihrem Gut Rosenhof im Allgäu ein Ausbildungszentrum für klassische Reitkunst betreibt und international Vorträge über den schonenden Umgang mit Pferden hält, hatte die Choreografie übernommen. Rund zwei Wochen lang war mit den Pferden zu Musik von der CD geprobt worden, das Zusammenspiel mit dem Orchester hatte sich im Vorfeld des Aufwands wegen auf wenige Stücke vor der Veranstaltung beschränkt. „Ansonsten sind wir da ziemlich kalt reingegangen“, sagt Beran. „Es war schwierig, doch dafür haben wir das gut hingekriegt.“ Svarovsky machte mehr Tempo als der Dirigent der CD-Aufnahme; nicht immer passte also die Abstimmung. Zudem seien die Pferde „sehr nervös“ gewesen, sagt Beran. In der Führmaschine neben der Reithalle, vor der ihre Tiere immer wieder warteten, befanden sich Hengste des Gestüts. „Da war Stimmung draußen“, sagt Beran.

Davon bekam das Publikum nichts mit, das drinnen bei eisigen Temperaturen mit dicken Jacken, Mützen und Decken ausharrte. Was die Besucher durch die Fenster sahen, war eher ein Weihnachtsmärchen: das verschneite Schwaiganger, wunderbare Kulisse für Bachs Oratorium. Jana Lacey-Krone, Direktorin des großen Circus Krone, setzte den passenden Schlusspunkt. Sie ließ ihren wunderschönen Spanier frei durch die Halle jagen und immer wieder steigen. Das Pferd strahlte überschäumende Freude aus – wie zuvor Teile von Bachs Musik, die Jesu Geburt feierten. Ein schönes Zusammenspiel.

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