Steht in ZDFzoom Rede und Antwort: Ohlstadts Bürgermeister Christian Scheuerer. foto: sj

Fernseh-Dokumentation über Cyber-Kriminalität findet Aufhänger in Ohlstadt

Trinkwasserversorgung: Schlupfloch für Hacker abgedichtet

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In einer Reportage über Cyber-Kriminalität hat das Fernsehformat ZDFzoom die Gemeinde Ohlstadt fokussiert. IT-Experten deckten auf, dass Hackern vorübergehend Tür und Tor zur Steuerung der Trinkwasserversorgung offen standen. Die Lücke wurde schnell geschlossen.

Ohlstadt– Fernsehteams sind in Rathäusern meist gern gesehene Gäste. Bürgermeister nutzen vielfach die Chance, ihren Ort ins rechte Bild zu rücken, PR zu betreiben.

Bei Christian Scheuerer (parteifrei) hielt sich die Freude in Grenzen. Als die TV-Leute von ZDFzoom anklopften, ging es für ihn eher um Schadensbegrenzung als um Werbung fürs Dorf. „Es gibt schönere Dinge“, sagt er. Ohlstadt fand sich plötzlich exemplarisch als Aufhänger einer Dokumentation über Cyber-Crime und Datenklau wieder. Das ist unangenehm – und doch spricht der Erste Bürgermeister von „Glück im Unglück“. Denn zum einen entstand kein Schaden, zum anderen stießen keine Kriminellen darauf, dass die nagelneue Steuerung der Ohlstädter Trinkwasserversorgung – die Anlage zwischen Brunnen und Hochbehälter – übers normale Internet vorübergehend angreifbar gewesen wäre. Es waren zwei von den „Guten“: IT-Studenten von Internetwache.org aus Berlin, die sonst Unternehmen in Sachen Websicherheit beraten und für ZDFzoom Zugriffsmöglichkeiten demonstrierten. Dabei stach ihnen ausgerechnet die offene Steuerung in Ohlstadt ins Auge: „eine Einladung für Kriminelle“, sagen sie. Es bestand das theoretische Risiko, dass Hacker die Pumpen-Kontrolle von außen übernehmen und die Leistung erhöhen oder reduzieren. Scheuerer räumt im Fernsehinterview auf die Frage, ob er von der Nachricht schockiert gewesen sei, ein: „Ja, auf alle Fälle.“ Im Nachhinein betont der Bürgermeister, dass „glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt ein tatsächliches Problem bei der Versorgungssicherheit bestand“. Laufen die Pumpen anormal, werden automatisch beide Wasserwarte alarmiert, die auf Handbetrieb schalten.

Dennoch bleibt die Frage: Wie konnte das passieren?

Scheuerer spricht von einem Fehler des beauftragten Ingenieurbüros. Dieses habe die Tür zur nagelneuen Steuerung „für einen kurzen Zeitraum“ geöffnet, um von außen unterstützend eingreifen zu können, falls Anfangsschwierigkeiten auftreten. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn (BSI) schlug nach der Entdeckung bei der Gemeinde Alarm, woraufhin das Ingenieurbüro, das den Auftrag zur Sanierung und Erneuerung der Steuerungstechnik erhalten hatte, die Lücke schloss. „Ich bin heilfroh, dass die Mitarbeiter von Internetwache.org draufgekommen sind“, sagt Scheuerer. „Das war ein allgemeiner Warnschuss: Man muss sich bewusst machen, dass auch eine kleine Kommune wie wir ganz schnell in so ein Schlamassel rutschen kann.“

Der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz, Prof. Dr. Thomas Petri, weiß um solche Probleme: Vor allem sehr kleine Kommunen besäßen gar nicht die Mittel, um sich eine sehr gute IT-Abteilung zu leisten. Manchmal machten „das Leute hobbymäßig. Dass auf diese Weise Sicherheitslücken entstehen, liegt auf der Hand“. Doch eine Gemeinde müsse ihre Systeme schützen; wer personenbezogene Daten verarbeitet, hat nach Rechtslage hier für ein angemessenes Niveau zu sorgen. Und Kritische Infrastruktur, zu der die Wasserversorgung („eine sensible Geschichte“) zählt, „unterliegt besonderen Sicherheitsanforderungen“, stellt Petri klar. Könne eine Kommune diese nicht seriös stemmen, „dann muss sie den Bereich an zuverlässige Dienstleister auslagern“. Hier gebe es auch Anbieter der öffentlichen Hand. Petri betont: „Generell kann man Kommunen nicht den Vorwurf machen, dass sie fahrlässiger mit solchen Fragen umgehen als andere verantwortliche Stellen.“

Der Markt Garmisch-Partenkirchen etwa setzt auf analoge und digitale Vorkehrungen. Seit vielen Jahren schon müssen Mitarbeiter mit Computerzugang ihren PC sperren oder sich abmelden, wenn sie ihren Schreibtisch auch nur kurz verlassen. Dahinter steckt weniger die Angst vor Cyber-Crime als die Befürchtung, ein Unbefugter könnte die Absenz nutzen, um einen Blick auf sensible Daten zu werfen. Ansonsten, so Sprecherin Ute Leitner, schirmt unter anderem eine Firewall Rathaus-Computer nach außen ab. Zugriffe werden gefiltert und gegebenenfalls blockiert, E-Mails gescannt.

Denn Behörden sind Zielscheiben von Cyber-Kriminellen. Die IT-Infrastruktur des Landratsamtes wird nach Angaben von Sprecher Stephan Scharf „wie alle öffentlich erreichbaren IT-Systeme“ regelmäßig von automatisierten Programmen beziehungsweise Hackern attackiert. „Die Angriffe konnten jedoch stets abgewehrt werden.“ Seit diesem Jahr sitzt in der Behörde ein Informationssicherheits-Beauftragter, der die Landkreisgemeinden in Fragen der IT-Sicherheit berät. Letztlich, so Scharf, sei aber jede Kommune selbst für den Schutz ihrer IT-Struktur verantwortlich.

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