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Ein Teil des Recherche-Teams: (v. l.) Karl Wolf, Maria Hornberger, Leni Miller, Marie Wolf, Marieluise Bernt, Dr. Marion Hruschka, Markus Veit und Agathe Greinwald.

Sieben weitere Bände folgen

Der Dorfpfarrer als NSDAP-Mitglied

Riegsee - Besonderes Werk: Der Arbeitskreis Geschichte legt den  ersten Teil der Riegseer Ortschronik vor. Das Buch behandelt die Zeit von 1919 bis 1949.

Aufsehenerregendes geschieht am 22. November 1944. An der Stockerwies zwischen Aidling und Höhlmühle stürzt an diesem Freitag ein amerikanischer B-24-Bomber ab. Der Flieger ist Teil eines Geschwaders, das zuvor München angreift. Die Maschine wird getroffen, über Kleinweil/Gröben springen die Mitglieder der Besatzung ab. Kurz bevor der Bomber aufschlägt, steigt auch Pilot George W. Williams aus. Der Mann verbirgt sich zunächst.

Tags drauf ist der Kugler Michl, Landwirt aus Aidling, auf seiner Weide zugange. Der Amerikaner spricht ihn an, mit der Verständigung hapert es allerdings. Irgendwann marschiert das Duo zum Bürgermeister, der dann telefonisch die Murnauer Gendarmerie in Kenntnis setzt. In Aidling ist der Vorfall natürlich Tagesgespräch. Die Buben sind neugierig und drücken sich an der Fensterscheibe die Nase platt. Der US-Soldat wird nach Murnau gebracht, das Bomberwrack müssen die Bauern später mit Ochsen- oder Pferdegespannen zum Bahnhof der Marktgemeinde transportieren.

Acht Monate danach, Mitte 1945, der Krieg ist gerade vorbei, passiert erneut Außergewöhnliches. Zwischen Aidling und Riegsee errichten die Amerikaner ein Kriegsgefangenenlager. Darin halten sie vor allem Angehörige der 5. SS-Panzerdivision Wiking fest. Das Lager ist riesig. Insgesamt sind rund 17 000 Soldaten interniert. Die „Wikinger“ verübten zuvor Kriegsverbrechen in der Sowjetunion, waren am Holocaust beteiligt. Im SS-Lager Riegsee ist der Hunger das Hauptproblem. Eine solche Menge an Menschen zu versorgen, stellt die Amerikaner vor größte Schwierigkeiten. „Einmal baten mich Gefangene um Salz, damit ihre Löwenzahnbrühe ein wenig Geschmack bekommen solle“, erzählt ein Zeitzeuge. Zwölf Jahre zuvor kommen die Nazis an die Macht. In Aidling und Riegsee legt die NSDAP bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag am 5. März 1933 deutlich zu. In Aidling machen 63 Prozent bei den Nationalsozialisten ihr Kreuzchen, in Riegsee sind es 59 Prozent. Im selben Jahr wird Karl Bögner, von 1930 bis 1940 Pfarrer in Aidling, „aus Überzeugung“ Mitglied der Partei. In Riegsee wird Hitler 1934 zum Ehrenbürger ernannt.

Nachzulesen ist all dies und noch viel mehr in Band 3 der Riegseer Ortschronik, den Karl Wolf vom Arbeitskreis Geschichte (AK) im Haus des Gastes vorstellte. Das Buch, das die Zeit zwischen 1919 und 1949 umfasst, ist der erste Chronik-Teil, der erscheint. „Wir haben Band 3 vorgezogen, weil noch viele Zeitzeugen leben und auch Beiträge geliefert haben“, sagt Wolf. Der Zeitpunkt schien dem AK aber auch deshalb passend, weil sich vor nicht langer Zeit der Beginn des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie dessen Ende jährten.

Sieben weitere Bände sollen folgen. Der Zeitplan ist ambitioniert. Wie Wolf erklärt, soll möglichst jedes Jahr ein Buch publiziert werden. Die AK-Mitglieder recherchieren seit mehr als zehn Jahren. In dieser Zeit haben sie viel Material zusammengetragen. Dass die Nazi-Zeit in kleinen Dörfern wie Riegsee, Aidling und Hagen auch 70 Jahre nach Kriegsende ein heißes Eisen ist, deutet Bürgermeister Rudi Kühn (ÖDP) im Vorwort des 232 Seiten starken Buches an. „Die Behandlung gerade dieses Zeitabschnittes im Mikrokosmos unserer Gemeinde ist nicht unproblematisch. Der Konflikt zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Rücksichtnahme auf bestehende Persönlichkeitsrechte war vereinzelt noch nicht lösbar.“ Laut Wolf soll das Werk „kein Selbstzweck“ sein, „sondern zum Nachdenken und zur Diskussion anregen“. Den Leser erwartet ein quellengesättigtes Buch, das auch reich an Anekdoten ist.

Roland Lory

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