Passionsspiele 2020

Weihnachten mit dem Jesus von Ogau

  • Stefan Sessler
    vonStefan Sessler
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Rochus Rückel ist der neue Jesus von Oberammergau. 2020 wird der Studentdie Hauptrolle bei den berühmten Passionsspielen übernehmen. Eine Weihnachtsgeschichte übereinen 22-Jährigen, der den Sohn Gottes finden muss. Obwohl er kurz glaubte, er sei eher Judas.

Oberammergau – Die letzten Begegnungen mit Jesus waren für Rochus Rückel, 22, wenig erfreulich. Das muss man jetzt an Weihnachten so offen sagen. Beim letzten Abendmahl, das war 2010, musste er einmal als Abendmahldiener einspringen. „Da hab’ ich mich damals richtig gefreut“, sagt Rückel, während er in Oberammergau in einem Wirtshaus sitzt. Aber er ist dann blöderweise aufgeregterweise über sein eigenes Gewand gestolpert, das viel zu lang für ihn war.

Er hätte fast die illustre Gesellschaft aufgeschreckt, den Judas, den Matthäus, den Petrus und all die anderen. Aber es ist dann doch nicht zur Katastrophe gekommen. Jesus konnte das Brot brechen und den Kelch nehmen. Alles gut.

Jetzt hat Rückel selbst die Hauptrolle. Er ist der neue Messias von Oberammergau, erster Auftritt: Mitte Mai 2020. Das ist natürlich super, aber ein anderes Mal, da lief die Begegnung mit Jesus auch nicht optimal für ihn.

Er musste diesmal nicht als Laiendarsteller auf die Bühne – er wollte sich das weltberühmte Passionsspiel in seiner Heimatgemeinde, das nur alle zehn Jahre aufgeführt wird, stattdessen mit einem Spezl anschauen. Er war damals 14. Irgendwann hat der Türeinlasser beide rausgeworfen. „Wir waren ein bisschen unruhig“, sagt Rückel lachend. „Wir haben leise geschwätzt.“ Er hat die Passion, die letzten fünf Tage im Leben Jesu, nie ganz gesehen. Noch immer nicht.

Jesus und Rochus, sie müssen noch ein bisschen zueinander finden. Aber das schaffen sie, daran besteht kein Zweifel. Dieser junge Mann ist erfrischend ehrlich und gleichzeitig nachdenklich. Der Student der Luft- und Raumfahrt, Hobby-Drachenflieger und Hobby-Autoschrauber sagt Sätze wie: „Jesus ist das größte Vorbild, das man haben kann.“ Oder: „Wenn ich weiß, was Jesus für mich ist, dann weiß ich, wer er ist.“

Rückel ist kein eifriger Kirchgänger und auch nicht im Bibelkreis – trotzdem gehört Jesus seit ein paar Monaten fest zu seinem Leben. Ende Oktober hat Passionsspielleiter Christian Stückl den jungen Mann zum Hauptdarsteller gemacht. Seitdem ist das Leben von Rückel ein bisschen ein anderes, obwohl er ganz überzeugend den Eindruck vermittelt: Schaff ich schon, ich lass mich doch jetzt nicht verrückt machen, obwohl Menschen aus allen Flecken dieser Erde in das kleine oberbayerische Dorf pilgern, um zu sehen, wie sie anno 2020 Tag für Tag den Jesus ans Kreuz nageln.

„Ich habe einen Riesenberg Respekt vor der Rolle“, sagt er, „als Jesus muss man die Menschen mitnehmen.“ Man muss die Herzen der Zuschauer rühren, man muss für Gänsehaut sorgen. Für einen kleinen Schauer, den die Leiden Christi bei Gläubigen schon immer auslösen. Eine schwierigere Rolle, wenn man nicht gerade Papst sein will, hat das Christentum nicht zu vergeben. Jesus von Oberammergau – das ist eine Rolle, die man wahrscheinlich ein Leben lang nicht los wird.

Es gibt Darsteller, die haben ihren Ruhm sofort versilbert. Der Oberammergauer Wirt Toni Preisinger, Hauptrolle anno 1950, hat bei sich in der Alten Post Christus-Postkarten mit seiner Unterschrift verkauft, Stückpreis 30 Pfennig. Ein anderer ging angeblich auch außerhalb der Passionsspiele segnend durchs Dorf.

Die Rolle ist auch immer ein Test für den Schauspieler. Hält er es auch bei Eiseskälte am Kreuz aus? Kann er den Text? Hält er dem Größenwahn stand? Rückel hat noch weit über ein Jahr bis zur ersten Aufführung, trotzdem ist er schon mittendrin. Gerade wird der junge Mann mit den dunklen Locken immer wieder gefragt: „Rochus, ist 2018 ein ganz besonderes Weihnachtsfest für dich?“ Weil ja jetzt deine Geburt ansteht, hahaha. Passionshumor.

Er antwortet dann: „Weihnachten wird für mich ziemlich gleich bleiben.“ Er erwartet zumindest keine Erweckungserlebnisse am Heiligen Abend. Er wird mit der Familie zusammensitzen, die ist ziemlich groß. Er hat drei ältere Geschwister. „Der Papa liest immer aus der Bibel“, sagt er. „Zumindest früher hat er das getan.“ Dann werden sie essen. „Forelle, Rindfleisch, Meeresfrüchte – für jeden ist das Essen dabei, das er mag.“ Rückel mag Forelle.

Vielleicht ist es mit der Rolle des Jesus von Oberammergau wie mit dem Glauben. Es dauert, bis man versteht, was vor sich geht. Es dauert, bis man bereit ist, sich darauf einzulassen. Rückel will erst mal ganz normal weiterstudieren, den Text für die Passion 2020 übt er noch nicht. Er will langsam eintauchen in die Welt des Sohn Gottes. „Jeder muss seinen eigenen Jesus spielen“, sagt er. Es gibt immer zwei Darsteller, die sich die Rolle teilen. Frederik Mayet hat 2010 schon den Christus gespielt, er spielt auch 2020 einen der beiden Jesusse. Aber jeder interpretiert ihn anders.

Jesus Rückel pirscht sich an die Rolle ran. Er sagt: „Vielleicht ist Jesus irgendwann ein Vorbild, das man das ganze Leben hat.“ Noch ist er nicht so weit. Mit seiner Freundin hat er alte Fotos der Passionsspiele angeschaut, die Bühne liebt er schon lange, zuletzt hat er im Passionstheater Wilhelm Tell gespielt. Dass er auch diesmal die Hauptrolle bekommt, das wusste er schon eine Nacht vor der offiziellen Verkündung. Obwohl es eigentlich ein kleines Staatsgeheimnis ist. Es gibt in Oberammergau sogar ein inoffizielles Wettbüro, in dem man die Hauptrollen tippen kann.

Spielleiter Stückl hat es ihm schon vorab verraten, damit der Schock nicht so groß ist, damit er sich ein bisschen auf den Trubel vorbereiten kann. Nachdem Stückl es ihm gesagt hatte, hat Rückel sofort gefragt: „Was soll ich jetzt meinen Freunden sagen?“ Der Tipp von Stückl: „Sag einfach, dass du der Judas bist.“

Kurz nach dem Gespräch ging er zu einer Party, wo seine Freunde und seine Freundin schon auf ihn warteten. Alle wussten, dass er gerade mit dem Spielleiter gesprochen hatte. Alle wollten wissen: Und – was kriegst du für eine Rolle? Er hat es erst nicht verraten, die Freunde haben weiter gebohrt, irgendwann hat er gesagt: „Ich bin Judas.“ Ein Kumpel hat sofort gesagt: „Jesus wäre eh nichts für dich.“ Irgendwann am Abend, sagt Rückel, „habe ich selbst geglaubt, dass ich der Judas bin“.

Am nächsten Tag vor dem Passionstheater haben alle ihren Augen nicht getraut. Rochus Rückel ist der neue Jesus, so stand es plötzlich auf der berühmten Schiefertafel vorm Passionstheater. Rückel sagt: „Meine Freundin war gar nicht richtig sauer.“ Weil der Jesus von Oberammergau ein bisschen flunkern darf – wenn es einer guten Sache dient. Aber nur dann. Heiliges Ehrenwort drauf.

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