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Das Akkordeon ist das Lieblingsinstrument des Wahl-Oberammergauers Rolf Dietrich.

Musik gibt wieder Lebensfreude

Dieser 89-Jährige begeistert mit dem Keyboard

Oberammergau - Er ist Musiker aus Leidenschaft. Das Talent von Rolf Dietrich, der seit einem Jahr in Oberammergau lebt, wurde zufällig bei einem Auftritt im "Bems'l" entdeckt. Seither zeigt er dort seine   Qualitäten als Keyboarder. Mit 89 Jahren. 

Gerahmte Fotos im Zimmer von Rolf Dietrich erzählen von einem bewegten musikalischen Leben. Zu sehen ist ein interessant aussehender, dunkelhaariger Mann mit Akkordeon als Bandleader in verschiedenen Musikkapellen. Den erkennt man in dem 89-Jährigen, der sich aus seinem Sessel erhebt, nicht wieder. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Doch für die Musik brennt Rolf Dietrich immer noch, oder besser gesagt: wieder. Vielleicht kann man sogar sagen, die Musik hat ihm vor einem Jahr noch einmal das Leben wieder gegeben. Da nämlich entdeckten die Musiker im Bems‘l seine Qualitäten als Keyboarder. Seitdem spielt er jeden Donnerstag bei den Jamsessions mit, sehr zur Freude der Musikfreunde und Zuhörer.

Sein Leben hat so wieder Sinn bekommen nach einer Zeit der Krise. Für einen alten Menschen ist es sicherlich schwer, an einem fremden Ort Fuß zu fassen. Der gebürtige Leipziger lebt erst seit einem Jahr in Oberammergau. Seine beiden Töchter, schon lange im Dorf ansässig, holten ihn zu sich und brachten ihn im Seniorenwohnheim Ammertal unter. „Ich habe Jahrzehnte alleine gelebt in einem kleinen Häuschen“, erinnert sich der Witwer. „Ich bin ein bisschen ein Feinschmecker – und mit dem Kochen ging das jetzt nicht mehr.“ Nach seiner fünfjährigen Kriegsgefangenschaft hatte Dietrich sich nämlich geschworen „ich esse nur noch, was mir schmeckt“ und immer selbst gekocht. Die plötzliche Unselbständigkeit, die fremde Umgebung, halb erblindet durch eine Augenoperation vor drei Jahren - „die ersten Wochen hier war ich so down!“

Erster Auftritt beim Bems'l: "So bin ich noch nie gefeiert worden"

Doch dann kam Besuch aus der alten Heimat. Am Abend gingen alle zum Bems‘l. Dort stand ein kleines Keyboard. „Spiel doch mal“, hieß es. „Ich hab ein bisschen gespielt, war so versunken und begeistert, auf einmal hatte ich Schlagzeug und Bass. Ich dachte, ich bin im falschen Film.“ Dann gab es auch noch tollen Beifall aus dem Publikum. „Da muss unser Chef da oben die Hände im Spiel gehabt haben!“ staunt Dietrich. „Das unerwartete Feedback hat mich in die Höhe getragen. So bin ich noch nie gefeiert worden, und die Mitmusiker sind so nett.“

Zum Keyboardspielen kam er mehr auf Umwegen über den Beruf. „Bei mir war die Musik Nebenjob.“ Hauptberuf: Elektroniker. Aber weil Dietrich so musikalisch war, ließ sich letztlich beides miteinander kombinieren. Viele Jahre lang hat er bei verschiedenen Firmen für elektronische Orgeln und Keyboards gearbeitet und sich das Spielen auf den Instrumenten selbst beigebracht. Als Zehnjähriger hatte er Akkordeon-Unterricht bekommen. Akribisch kontrollierte damals der Vater die Fortschritte, denn die Familie hatte nicht viel Geld. „Ich habe nie geübt, ich habe alles von alleine gelernt“, sagt Dietrich. Sein Akkordeonlehrer wollte, dass er Musik studiert. Doch dann war Krieg und alles kam anders

Was er nicht alles erzählen kann aus seinem Leben! Ein Hin und Her und Auf und Ab. Oft sind er und seine Familie umgezogen wegen beruflicher Wechsel. Leipzig, Ludwigsburg, Herford waren einige der Stationen. Wie ein Abenteuer mit viel Glückslotterie schildert Dietrich seine Flucht nach Westdeutschland in den 1950-er Jahren. Just als die Volkspolizei Versuche startete, den 23-Jährigen anzuwerben, war dieser „gedanklich schon im Westen und hatte Fluchtpläne geschmiedet.“ An welchen Orten Rolf Dietrich auch immer lebte: die Musik war immer dabei. Tanzmusik, Evergreens, lateinamerikanische Klänge: seine Bands traten in Kneipen und bei Veranstaltungen auf. Man wurde herumgereicht, wie das so üblich ist, wenn einer etwas kann.

Früher spielte er in Weinlokalen

Besonders gern erinnert sich Dietrich an seine Zeit in Ludwigsburg, wo er regelmäßig ein Weinlokal bespielte. Eines Abends kam Peter Frankenfeld mit seinem Fernsehteam. Diese Leute wollten natürlich nach der Sperrstunde nicht nach Hause. Ohne Gage weigerten sich die Jungs zu spielen. An diesem Abend strich die Band dann doch gutes Geld ein, nachdem Frankenfeld sein Portemonnaie gezückt hatte und die anderen Fernsehleute ebenfalls. Wegen der Sache verlor Dietrich vorübergehend sein Engagement in dem Lokal – weil der Wirt nämlich Strafe zahlen musste wegen Überschreitung der Polizeistunde. Doch ohne ihn ging es dort nicht – er wurde zurückgeholt und durfte weiter spielen.

Ein prachtvolles, über 60 Jahre altes Akkordeon liegt bei Rolf Dietrich auf dem Sofa. Liebevoll schaut er es an. „So etwas gibt es gar nicht mehr. Das ist noch mit Holz gebaut, alles solide, kein Plastik.“ Ein Leben lang waren seine Finger über die Tastaturen gewirbelt. Jetzt ist es schwierig geworden, mehr wegen der Augen, sagt er. Aber der Gedanke, dass seine Hände jetzt mit dem anderen Instrument Musikklänge erzeugen, zaubert ein zufriedenes Lächeln in sein Gesicht.


Juliane Klieser

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