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Rainlähne in spe: Zwei Dämme sollen Lawinen künftig abfangen – und so die Anwohner und die B2 schützen.

Ortsbereiche bei Lawinenabgang bedroht

Rainlähne: Die weiße Gefahr wird gebändigt

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Mittenwald - Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Die Arbeiten für den Lawinenschutz an der Mittenwalder Rainlähne haben begonnen – nach jahrelangem zähen Ringen mit den Behörden.

Gut 17 Jahre ist es mittlerweile her. Und doch erinnert sich Adolf Hornsteiner noch genau an diesen 23. Februar 1999. Er stand im Ortsbereich im Rain in Mittenwald, als es plötzlich dunkel wurde. Mitten am helllichten Tag. Es war keine Sonnenfinsternis. Eine mächtige Staublawine hatte sich im Karwendel in Bewegung gesetzt und war durch die Rainlähne in Richtung Tal gedonnert. Die Ausläufer reichten bedrohlich nah an die Häuser im Schwarzenfeld, am Waudl und am Arzgrubenweg. Äste flogen bis zum Bahnhof. Seit diesem Tag verfolgt die Mittenwalder Gemeinde ein Ziel: eine Lawinenverbauung für die nostalgische Stelle. Viele Kämpfe hat die Kommune und das Wasserwirtschaftsamt (WWA) Weilheim mit Behörden ausfechten müssen – sei es wegen Naturschutzbelangen oder der Finanzierung. Jetzt startet die Realisierung des Lawinenschutzes. 17 Jahre später.

Die Rodungsarbeiten haben begonnen: Mit einem Zwicker werden Gestrüpp und kleinere Bäume entfernt.

Bürgermeister Hornsteiner (CSU) marschiert mit Vertretern des WWA im unteren Gebiet des Planungsbereichs umher. Dort, wo Lawinen künftig auslaufen sollen. Die Rodungsarbeiten haben bereits begonnen – die Vogelbrutzeit ist vorbei. Ein Bagger mit Zwicker entfernt einen Baum nach dem anderen. Der Rathauschef beobachtet den Fortschritt genüsslich und mit einem gewissen Maß Erleichterung. Über 130 Menschen wären betroffen gewesen, wenn in den 17 Jahren eine Extremlawine abgegangen wäre. In der Verantwortung hätte Hornsteiner gestanden. „Es ist der einzige Lawinenstrich in Deutschland, der ein Wohngebiet bedroht“, macht Peter Hartl vom zuständigen Ingenieurbüro mit Sitz in Tirol deutlich. Bedenken, ob das Vorhaben angesichts der schneeärmeren Winter überhaupt noch relevant ist, hielten den Rathauschef nicht von seinem Ziel ab. „Die Natur belehrt uns immer eines Besseren.“ Außerdem gehe es um den Schutz von Leib und Leben. Deshalb ließ die Marktgemeinde nie locker – und erntet nun den Lohn für ihre Hartnäckigkeit.

Das ist geplant

Sind froh über den Baustart: (v.l) Maximilian Wolff, Johannes Riedl vom WWA und Adolf Hornsteiner.

Zwei Jahre in etwa werden die Bauarbeiten für das 3,5-Millionen-Euro-Projekt – 420 000 Euro investiert Mittenwald, den Rest übernehmen Freistaat (70 Prozent und Bund (15 Prozent) – dauern. Geplant sind zwei Lawinendämme aus Schotter und Erde, die die Schneemassen in einen großen Ablagerungsbereich umlenken. Der große Schutzwall wird sich über 312 Meter erstrecken, mit einer maximalen Höhen von 25 Metern. Der kleine, der parallel zur B 2 verlaufen und im besten Fall heuer „als erstes Bollwerk“ schon stehen soll, kommt auf 140 Meter und rund 13 Meter Höhe. „Die Dämme haben eine Ablenk- und Auffangfunktion“, sagt Hartl. Es sind gigantische Dimensionen, die die Verbauung irgendwann annimmt. Allerdings nicht zu Lasten der Optik. Eine Bepflanzung sorgt dafür, dass sie nicht „als Fremdkörper in der Landschaft“ empfunden werden. Selbst die Baustelle bleibt trotz ihrer Größe unauffällig – zumindest für die Mittenwalder. Das Material wird im Baufeld umgeschichtet. „Im Ort nimmt man davon nichts wahr“, betont Hornsteiner.

Die Sprengungen in den Wintermonaten dagegen schon. Bei einer gewissen Höhe an Neuschnee löst das Straßenbauamt diese via Fernzündung aus. Die weiße Masse setzt sich durch den großen Knall des Wasserstoff-Luftgemischs, das sich in den Kapseln auf den drei Masten, den sogenannten Obelixen, befindet, in Bewegung. „50 Auslösungen sind möglich, dann muss man neu auffüllen“, sagt Johannes Riedl vom WWA. Die Sprengungen dürften dann als Wecker-Ersatz durchgehen. Denn sie sollen in der Früh passieren, weil die B 2 in dieser Zeit nicht befahrbar sein darf. „Wir wollen die Sperrung auf die kürzeste Zeit minimieren“, sagt Abteilungsleiter Riedl.

Materialseilbahn der Mittenwalder Hütte muss verlegt werden

Die Straße hat den Planern in der Vergangenheit schon öfter Kopfschmerzen bereitet. Sie erschwert die Baustelle – wegen des hohen Verkehraufkommens und der „Stromautobahn“, wie sie Hartl bezeichnet, die über dem Baufeld schwebt. Aber „wir können sie nicht wegbeamen“. Erschwerend zu den Hochspannungsleitungen hinzu kommt, dass auch die Tragseile der Materialseilbahn der Mittenwalder Hütte über dem großen Damm verlaufen. Aber auch in diesem Punkt gibt es mittlerweile eine Lösung. Die Talstation wird verlegt, bekommt ein neues Tragseil und eine neue Stütze. „Wir stellen den Ist-Zustand wieder her“, sagt Riedl. Nur ein kleines Stückchen weiter westlich. Die Mittenwalder Alpenvereins-Sektion hat grünes Licht gegeben. Laut Hornsteiner ein Beispiel für die gute Zusammenarbeit. „Wenn nicht alle Stellen bereit gewesen wären, sich an einen Tisch zu sitzen und Kompromisse einzugehen, wären wir heute nicht so weit“, sagt er – nach 17 langen Jahren.

Information

Der Wanderweg, der am Hoffeld beginnt und Richtung Karwendelbahn verläuft, wird wegen der Bauarbeiten in den kommenden Tagen komplett gesperrt.

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