Erinnert an die 51 Toten: Ein Holzkreuz, das am einstigen Richtplatz in Partenkirchen aufgestellt ist. foto: sehr

Rehabilitation für Opfer des Hexenwahns?

Garmisch-Partenkirchen - Verschiedene Orte haben Frauen rehabilitiert, die einst als Hexen verbrannt wurden. Im Landkreis steht die Diskussion erst am Anfang.

Gut 400 Jahre ist es her, dass Frauen unschuldig in die Mühlen der Justiz gerieten und dem Hexenwahn zum Opfer fielen. In der Grafschaft Werdenfels wurden um 1590 insgesamt 50 Frauen und ein Mann umgebracht. Warum? Weil sie unter anderem für Krankheiten und Missernten verantwortlich gewesen sein sollen. Vor der Ermordung wurden die Opfer gefoltert, um Geständnisse zu erzwingen. Auch Geistliche standen neben dem Feuer. In Partenkirchen wurde es auf dem Richtplatz angezündet. Die Stelle, die rechts neben dem Polizeiparkplatz zu finden ist, ist heute mit einem kreuz gekennzeichnet.

„Die Frage nach den Hexenprozessen hat einen kirchenrechtlichen und einen moralischen Aspekt“, sagt der Garmischer Pfarrer und Dekantssprecher Martin Karras, Für den kirchenrechtlichen Aspekt sei das Erzbistum zuständig. Dekan Thomas Gröner „wird sich dementsprechend mit der Erzdiözese München und Freising in Verbindung setzten, um zu klären, wie deren Meinung zu dem Thema ist“. Der zweite Aspekt sei die moralische Dimension. „Diese betrifft unsere Pfarreien vor Ort.“

Bislang habe es im Dekanat noch keine Diskussion über das Thema Hexenverfolgung und Rehabilitation gegeben. Aufgrund der Tagblatt-Anfrage werde nun aber geplant, bei einer Dekanatskonferenz darüber zu sprechen. „Selbstverständlich muss und wird sich die Kirche vor Ort ihrer Verantwortung stellen“, betont Karras. „Wir müssen uns dazu aber auch erstmal ein genaueres Bild machen.“

Für den hiesigen Historiker Alois Schwarzmüller waren die 50 Frauen, „die als ‘Hexen‘ verbrannt wurden, nie das, was ihnen eine unkontrolliert wuchernde staatskirchliche und kirchenstaatliche ‘Justiz‘ vor mehr als 400 Jahren zum tödlichen Vorwurf gemacht hat. Bei mir sind sie schon lange rehabilitiert.“ In seinen Augen waren dazu nie juristischen Begriffe und Verfahren notwendig: „Es reicht der Blick in den Abgrund. Wer diesen Blick auch heute noch aushält, der schert sich nicht um Rehabilitierung.“

Diesen Blick in den Abgrund könnte man jedoch öffentlich machen, findet Schwarzmüller. „Eine Begegnung mit den 51 Blutzeugen der Werdenfelser Hexenprozesse, mit Verleumdern und Klägern, mit Richtern und Schindern, mit der Zeit und ihrem Gewand wäre Stoff für eine bewegende Ausstellung im Werdenfels Museum. Und dazu die Frage, wie Kirche und Staat, wie Geschichtsschreibung und Literatur, wie Schule und Öffentlichkeit 400 Jahre damit umgegangen sind.“

Die historischen Vereine könnten das nach Schwarzmüllers Meinung mit den Geschichtsvereinen anpacken, unterstützt von Diözese, Pfarreien und Gemeinden. Zweite Bürgermeisterin Daniela Bittner (CSB) fände „eine gewisse Form der Rehabilitierung angemessen“. Offiziell hält sich das Rathaus aber bedeckt. „Nachdem bislang hierzu noch keine Anfragen oder Anträge eingegangen sind, haben sich weder Verwaltung noch Gemeinderat mit dem Thema befasst beziehungsweise eine Meinung gebildet“, teil Sprecher Florian Nöbauer mit.

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