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Am neuen Band beteiligt: Stephanie Schmid-Höck (l.) sowie (v. r.) Marieluise Bernt und Dr. Marion Hruschka (alle Lektorat), Karl Wolf (Texte und Gestaltung), Marie Wolf (AK-Mitarbeiterin).

Arbeitskreis Geschichte stellt neuen Band der Riegseer Ortschronik vor

Unterricht anno dazumal: Ein Lehrer für alle Dorfkinder

Der Arbeitskreis Geschichte hat einen neuen Band der Riegseer Ortschronik herausgebracht. Darin dreht sich alles um das Schulwesen.

Leopold Wohnlich ging gern ins Wirtshaus und galt als streitsüchtig. Für die Orte Aidling und Riegsee war das denkbar ungünstig, denn der Mann unterrichtete ab 1806 für 15 Jahre die Kinder der beiden Dörfer. „Es waren katastrophale Verhältnisse“, betonte Karl Wolf vom Arbeitskreis Geschichte Riegsee (AK) bei einer Veranstaltung im Haus des Gastes. Dabei stellte er den neuesten Band der Ortschronik vor. Er heißt „Die Aidlinger Schule – Gott zur Ehr’, den Schülern zur Lehr’“.

Wohnlich, der 1779 in Dießen zur Welt kam, hatte bei seinem Dienstantritt weder die entsprechende Berufsausbildung, noch hatte er eine Eignungsprüfung absolviert. Damit war er damals aber kein Einzelfall. Sein Hauptproblem waren „seine völlig unzureichenden finanziellen Verhältnisse“, wie es in dem Band heißt. Da half es auch wenig, dass Wohnlich, der Frau und Kinder zu versorgen hatte, nebenher noch als Mesner und Hochzeitslader tätig war. Allerdings hatten auch „seine Arbeitsauffassung und sein Lebenswandel einen nicht unerheblichen Anteil“ an seiner schwierigen Finanzlage. Er selber flehte 1812 beim Landgericht Weilheim darum, mehr Geld zu bekommen, denn er schmachte in Armut. An anderer Stelle beklagte er, er habe „weder Mehl noch Brot im Hause“.

Für Wohnlich war der Fall klar: Schuld an seiner Misere waren allein die Obmänner, der Pfarrer und eigentlich die gesamte Bevölkerung. 1814 legte er noch einen Gang zu und monierte, dass er in den vergangenen achteinhalb Jahren in Aidling erfahren habe, „was ein Sklavendienst unter Hottendoten ist“. Er und seine Familie hätten „Hunger, Verleumdung, Ehrabschneidung über mich bei Obrigkeiten, Verachtung auf alle Weise“ sowie Schimpfreden erdulden müssen. Kurzum: Der Pädagoge beklagte sich über alles und jeden.

Vertreter der Gemeinden ließen beim Landgerichtstermin im Dezember 1814 derweil kein gutes Haar an Wohnlich. Sie beschwerten sich über die „desolate Lebensart“ des Lehrers. Erst vergangene Woche sei er zwei Mal betrunken gewesen und habe keine Schule gehalten. Und „die Feiertagsschule sei in der Art, wie er sie halte, ganz ohne allen Nutzen“. 1819 bestand er, nachdem er mehrfach dazu aufgefordert worden war, seine Lehramtsprüfung. Seine finanzielle Situation änderte sich dennoch nicht. Die Regierung des Isarkreises sicherte ihm 1821 zu, ihn an eine besser bezahlte Stelle zu besetzen.

Der neue Chronikband widmet sich freilich nicht nur den insgesamt 52 Lehrern, sondern unter anderem auch Riegsees Wunsch nach einer eigenen Schule. „Die Riegseer Eltern waren mit der Schulsprengel-Bildung nie recht glücklich“, schreibt Wolf. „Ihre Kinder mussten stets weite Schulwege zurücklegen, früher nach Murnau und ab 1816 nach Aidling.“ Auch wegen der damals unbefriedigenden Besetzung der Lehrerstelle in Aidling sei es schon bald zu Überlegungen gekommen, eine eigene Schule am Ort einzurichten. „Der Wunsch ging nie in Erfüllung.“ Nur einmal fand in Riegsee für ein paar Wochen Unterricht statt. Das war Ende 1951/Anfang 1952. Der Grund: Im Landkreis Weilheim war die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. In Aidling waren 26 Höfe betroffen, in Riegsee drei. So wurde kurzerhand im Gasthof Westner ein Klassenzimmer eingerichtet.

Der Buchveröffentlichung gingen umfangreiche Recherchen in Archiven voraus. Drei Mal fuhr der AK auch ins Bayerische Schulmuseum nach Ichenhausen. „Das ist eine sehr gute Quelle“, sagte Wolf. Die ältesten Fotos, die der AK präsentiert, stammen übrigens aus dem Jahr 1881. Die Anfänge der Aidlinger Schule reichen bis Jahr 1783 zurück.

Das Buch ist bei der Gemeinde Riegsee, beim AK Geschichte, in den beiden Kramerläden sowie bei der Murnauer Buchhandlung Gattner erhältlich. Es kostet 14,90 Euro.

Roland Lory

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