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Vollbepackt kommen die Traktor-Anhänger von ihrer Rundfahrt durch Riegsee zurück. Kurz vor dem Abladen ist die Spannung vor allem bei Vanessa groß. Ist der Müllberg nach vier Wochen wirklich kleiner?

Säcke vor dem Rathaus aufgetürmt

Ein Dorf kämpft gegen Plastikmüll - dank einer Neunjährigen

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Der neunjährigen Vanessa stinkt‘s. Schockiert darüber, wie viel Plastikmüll sich alle vier Wochen in ihrem Dorf angesammelt hat, forderte sie die Einwohner von Riegsee zum Plastikfasten auf.

Riegsee - Vanessa läuft auf das kleine Riegseer Rathaus zu. In jeder Hand ein großer Gelber Sack, vollgestopft mit Plastikmüll. Vor dem Gemeindehaus warten bereits viele ihrer Freunde und einige Mütter. Sogar drei Kamerateams sind gekommen, um die Aktion zu begleiten. Dann geht es los mit dem Traktor: Die Kinder werfen alle Säcke, die vor den Häusern liegen, auf die großen Anhänger. Vor vier Wochen hat die Neunjährige dazu aufgerufen, „Plastik zu fasten“. Heißt, jeder im Dorf sollte so gut wie möglich auf Tetra-Packs, Einkaufstüten oder abgepackte Wurst und Käse verzichten - und so weniger Müll produzieren. Nun wollen die Mädchen und Buben sehen, ob ihr Aufruf etwas gebracht hat und es tatsächlich weniger Müll geworden ist.

Begonnen hat die Aktion bereits im Frühling 2017. Damals radelte Vanessa mit Mama Susanne Binder durch den 500-Seelen-Ort Riegsee im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Dabei fiel ihr auf, wie viel Plastikmüll jeder Haushalt produziert. Die Gelben Säcke, die einmal im Monat eingesammelt werden, lagen abholbereit in Massen vor den Häusern. Für die Schülerin stand fest: „Ich will was dagegen tun.“

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Kinder ziehen von Haus zu Haus

Und das hat sie auch. Mitte März ging die Neunjährige zusammen mit anderen Kindern aus dem Dorf von Haus zu Haus und bat darum, die Gelben Säcke schon am Tag vor der eigentlichen Abholung auf die Straße zu legen. Mit Hilfe dreier Bauern samt deren Traktoren und großen Anhängern haben die Kinder den Plastikmüll dann eingesammelt und vor dem Rathaus aufgetürmt. Anschließend bat Vanessa alle Einwohner, vier Wochen zu fasten. So wenig Plastik wie möglich, das war ihr Wunsch.

Nun, einen Monat später, gab es den Vergleich: Wieder sollte jeder Haushalt seine Ansammlungen der vergangenen vier Wochen am Vorabend rausbringen und wieder haben die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen die Säcke eingesammelt und vor dem Rathaus abgeladen. Das Resultat: „Es ist weniger geworden“, da ist sich Vanessa sicher. Ob es tatsächlich weniger Säcke sind als vor vier Wochen, kann keiner der Beteiligten so genau sagen. Gezählt wurden sie weder beim ersten noch beim zweiten Sammeln. Hier zählt das Augenmaß. Und das reicht für ein gutes Gefühl.

Viele helfende Hände packen mit an und tragen die Gelben Säcke vor das Riegseer Rathaus.

„Sind alle persönlich betroffen“

Johannes Volkmann hat das Plastikfasten mit organisiert und unterstützt.

Denn überzeugt sind die meisten Dorfbewohner von der Aktion so oder so. So auch Johannes Volkmann. Der Riegseer war begeistert von der Idee der Neunjährigen und stand deshalb als Mitorganisator und Unterstützer hinter Vanessa. „Wir wollen die Öffentlichkeit anregen“, sagt er. „Wir sind alle persönlich betroffen, wir merken es nur oft nicht oder verdrängen es.“ So sieht das auch Vanessas Mama Susanne. „Es geht nicht nur um Verpackungen, sondern auch um Mikroplastik, das man verbreitet“, erklärt sie. Ein Umdenken gibt es in Vanessas Familie daher schon länger. Richtig konsequent hätten sie allerdings erst in den vergangenen Wochen auf Kunststoffe verzichtet. Dass in einer Zeit, in der fast alles mit Kunststoff verpackt ist, das Plastikfasten gar nicht so einfach ist, weiß Vanessas Mama aber auch. „Das ist wie bei einer Diät“, versucht Binder zu erklären. „Es dauert, bis man reinkommt.“

Dennoch berichtet Susanne Binder von einer Umstellung, die sich durch den Großteil des Dorfes gezogen hat. „Die meisten haben mir erzählt, dass sich ihr Blick verändert hat“, sagt die Riegseerin. „Sie schauen jetzt ganz anders auf Verpackungen.“ Dabei sind es schon einfache Dinge, die den Plastikmüll reduzieren. „Man kann schauen, dass man Tomaten und Gurken kauft, die nicht in Plastik verpackt sind“, erklärt Vanessa. „Milch in der Flasche und nicht im Tetra-Pack kauft und einen Stoffbeutel zum Einkaufen mitnimmt.“ Kritischer wird es jedoch bei Reis, Linsen oder Nudeln. Diese Produkte ohne Plastikverpackung zu bekommen, sei fast unmöglich, Nudeln in Eile selbst herzustellen, das bezeichnet auch Susanne Binder als „sportlich“.

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Waschmittel und Duschgel in Eigenkreation

Trotzdem lebt Vanessa mit ihrer Familie fast komplett ohne Plastik. Die Zähne putzt sie sich mit einer Holz-Zahnbürste und Schlemmkreide, eingecremt wird mit Kokosöl. Spülmittel, Waschmittel und Duschgel stellen Vanessa und Mama Susanne selbst her. Um auch anderen Familien Tipps zu geben, hat die Neunjährige sogar das Heft „Plastikmüll-Vermeidung“ produziert, in dem sie Tipps für Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis gibt. Diese reichen vom einfachen „kaufe Joghurt im Glas“ über „benutze lieber Holzspielsachen“ bis hin zu „erstelle Deo selbst“.

„Ich geb’ nicht auf, ich mach weiter“, sagt Vanessa vor dem Müllberg am Rathaus. „Mein Ziel ist es, dass Plastik möglichst wenig verwendet wird.“ Professioneller hätte eine Neunjährige an diesem Tag ihre Interviews vor der Kamera wohl nicht führen können. Doch dann, als die Journalisten und Kameramänner ihre Heimreise antreten, malt Vanessa zusammen mit ihren Freunden mit Kreide auf der Straße - und ist einfach nur Kind. Wenn auch ein Kind, das die Welt verändern möchte.

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Tamara Scheid

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