Mit Hochdruck wird derzeit an der Verlegung der Versorgungsrohre gearbeitet. Vor Ort informiert sich Riegsees Zweiter Bürgermeister Georg Miller (4. v. l.).
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Mit Hochdruck wird derzeit an der Verlegung der Versorgungsrohre gearbeitet. Vor Ort informiert sich Riegsees Zweiter Bürgermeister Georg Miller (4. v. l.).

Riegseer Weiler setzt auf Nahwärme

Leibersberg macht sich unabhängig

Alle helfen zusammen und lassen etwas wirklich Nachhaltiges entstehen: In Leibersberg entsteht ein Nahwärme-Versorgungsnetz.

Riegsee/Leibersberg – Leibersberg wird in Kürze heiztechnisch eine Enklave sein. Unabhängig von allen Ölscheichs und allen Preiserhöhungen für fossile Brennstoffe. In dem Riegseer Weiler zwischen Aidling und Hofheim wird derzeit mit Hochdruck gearbeitet, Gräben werden ausgehoben und Rohre verlegt. Das Herz des dort entstehenden, 350 Meter langen Nahwärme-Versorgungsnetzes stellt ein mit Hackschnitzeln befeuerter 200-Kilowatt-Kessel dar, der künftig neun der zehn Anwesen versorgt.

Die Leitungen hierfür werden derzeit in den Boden verlegt. „Für dieses Projekt war der Zeitpunkt ideal, denn wir hätten in Leibersberg sowieso alle neue Heizungen gebraucht“, sagt Georg Miller, Geschäftsführender Gesellschafter der Bäuerlichen Hackschnitzel-Versorgungs-Gesellschaft (BHVG), der selber in Leibersberg lebt. „Ich hatte da so eine Idee. Daraufhin haben wir uns alle zusammengesetzt und darüber beraten. Mich freut besonders, dass alle Hauseigentümer sofort alle auf diesen Zug aufgesprungen sind.“

8000-Liter-Pufferspeicher

Acht Anlieger heizen bislang mit Öl, einer mit Holz. Auf Millers Grundstück steht bereits das im Frühjahr fertig gestellte Kesselhaus mit 8000-Liter-Pufferspeicher. Was die weitere Verwirklichung betrifft, gehen die Uhren in Leibersberg anders als anderswo. Denn: „Unser Ort ist, wenn man so will, stark handwerkslastig. Wir erledigen die ganzen Bauarbeiten in Eigenregie, bis zu zwölf Mann sind vor Ort. Alles dort sind hoch motivierte Profis. Diejenigen, die sich nicht am Bau beteiligen können, versorgen uns mit Essen und Getränken. Wir erleben zurzeit eine Dorfgemeinschaft, wie wir sie lange nicht mehr hatten“, schwärmt Miller, seines Zeichens auch Zweiter Bürgermeister von Riegsee.

Ende Oktober will er auch das letzte Haus im Weiler am Netz haben und mit Nahwärme versorgen. „Unsere Anlage ersetzt künftig pro Jahr 20 000 Liter Heizöl. Wir benötigen dafür 300 bis 400 Schüttraummeter an Hackschnitzeln. Das ist doch für uns kein Problem“, betont der 50-jährige Initiator.

Nur weil die Leibersberger alle Arbeiten selbst erledigen, kommt den Wärmenutzern ihr Anschluss mit Mauerdurchbruch und Übergabestation sensationell günstig: Die einzelnen Haushalte werden laut Miller mit maximal 2000 Euro belastet. „Und wer seine Ölheizung abmontieren lässt und auf eine Hackschnitzelanlage umstellt, bekommt dafür 45 Prozent Förderung von der Bundesanstalt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.“

Stattliche Staatszuschüsse

Die Errichtung des Heizhauses nebst Kessel hat mit etwa 180 000 Euro zu Buche geschlagen. Dazu das Leitungsnetz mit den Übergabestationen mit weiteren 100 000 Euro: „Dafür gibt es aber großzügige staatliche Zuschüsse.“ Der Clou dabei: „Wir haben in die Gräben bereits Rohre für die Vorbereitung auf Glasfaserleitungen verlegt.“

Zukunftsträchtig, keine Frage. Und wie sieht es mit der Versorgungssicherheit aus, etwa wenn der Kessel einmal ausfallen sollte? „Wenn wirklich alle Stricke reißen, bauen wir mithilfe einer Fachfirma aus Garmisch-Partenkirchen und einem ihrer ‚Hotmobile’ in kürzester Zeit eine Notversorgung auf“, unterstreicht Miller. Auch an den Klimaschutz ist gedacht: „Das Rauchgas aus dem Kessel wird durch einen Elektrofilter gezogen, damit kein Feinstaub in die Atmosphäre gelangen kann.“

Das, was in Leibersberg als Lehrstück praktiziert wird, könne auch in anderen Gemeinden verwirklicht werden, so Millers Vision. Im Oktober soll in diesem Zusammenhang eine Tochtergesellschaft der BHVG gegründet werden, an der sich einige Gemeinden beteiligen wollen.

Absolut von der Nahwärmeversorgung überzeugt zeigt sich der Leibersberger Hauseigentümer Josef Wäspi junior. „Ich hätte ohnehin eine neue Heizung gebraucht, und spare somit die Kosten dafür“, sagt der 42-jährige. „Die Alternativen wären Flächenkollektoren oder eine Tiefenbohrung gewesen, da wäre ich mit über 20 000 Euro dabei. Außerdem ist das Konzept nachhaltig – und das Geld bleibt in der Region.“ Heino Herpen

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