Ein gutes Team: (v.l.) Helferin und ASB-Staffelleiterin Anna Pech, Hundeführerin Ruth Kreppel mit Australian Shepherd Lion und Helferin Edith Brandstetter, die alle zur ASB-Rettungshundestaffel Weilheim/Starnberg gehören.
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Ein gutes Team: (v.l.) Anna Pech, Hundeführerin Ruth Kreppel mit Australian Shepherd Lion und Edith Brandstetter, die alle zur ASB-Rettungshundestaffel Weilheim/Starnberg gehören.

Vermisstensuche im Riegseer Ortsteil  Hagen: Hund im ersten Einsatz schon erfolgreich

Lion findet dementen Mann: Dieser Lebensretter hat den richtigen Riecher

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    vonSilke Reinbold-Jandretzki
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Lion erwies sich bei seiner Premiere als kaltschnäuzig. Er erledigte einfach seinen Job – und das glänzend. Lion hat einem 79 Jahre alten Hagener das Leben gerettet. Der Flächensuchhund von Ruth Kreppel spürte den dementen Mann bei seinem ersten echten Such-Einsatz in einem Waldgebiet auf.

Riegsee/Weilheim – Lion läuft frei vor Ruth Kreppel her; sie folgt ihm mit Anna Pech und Edith Brandstetter, die an diesem Tag ihre Helferinnen sind. Das Team, das der Rettungshundestaffel Weilheim/Starnberg des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) angehört, überquert eine Wiese, bleibt auf einer Kuppel stehen. Auf einmal, wie aus dem Nichts, startet Lion. Der sieben Jahre alte Australian Shepherd schießt den Hang hinab und in ein Waldstück zwischen Murnauer Straße und Oberer Leitenweg – 50 Meter, die ihn zum Lebensretter machen. Dann bellt Lion, immer wieder, bis Kreppel ihn erreicht. So hat er es gelernt und unzählige Male trainiert.

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Das ASB-Team schildert Erlebtes, das rund eineinhalb Wochen zurückliegt. Kreppel, Pech und Brandstetter, die in Weilheim wohnen, haben diesen Sonntag noch genau vor Augen. Ein 79 Jahre alter, dementer Mann aus dem Riegseer Orsteil Hagen galt seit dem Vormittag als vermisst, er benötigte dringend Medikamente. Die Polizei suchte mit diversen Streifen, Hubschrauber sowie Hundeführer nach ihm – und holte am Nachmittag schließlich die Schnelleinsatzgruppe (SEG) Rettungshund Oberland ins Boot. Sechs Rettungshunde-Staffeln von ASB, BRK und Johannitern bilden diese im Verbund schlagkräftige Truppe und decken, im Vermisstensuch-Einsatz immer unter der Führung der Polizei, im Kern die Landkreise Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau und Bad Tölz-Wolfratshausen ab. Hundeführerin Kreppel und ihre Helferinnen bekamen ein Gebiet zugeteilt, brachen vom Kirchplatz in Hagen nach Westen auf. Keine 20 Minuten später schlug Lion, der nach seiner Prüfung im Herbst 2018 den ersten Einsatz überhaupt absolvierte, an – bei dem vermissten Hagener. „Der Mann war geschwächt, aber ansprechbar und ohne sichtbare Verletzungen“, sagt Pech, die Leiterin der ASB-Rettungshundestaffel Starnberg/Weilheim ist. Der 79-Jährige klammerte sich in unwegsamem, abschüssigen Waldgelände an einen Baum, wohl um nicht weiter abzurutschen. Über ihm befand sich ein dichtes Blätterdach, das der Besatzung des Polizeihubschraubers keine Chance gelassen hatte, ihn zu entdecken. Am Ende flog Christoph Murnau den Senior in die Unfallklinik. Er hat überlebt, auch weil Lion ihn fand. „Wir haben uns natürlich gefreut“, sagt Kreppel, betont aber: „Das war ein Erfolg der ganzen SEG.“ Konkurrenzkampf gibt es nicht: „Ganz im Gegenteil, alle haben sich mitgefreut“, sagt Pech. Sie konnte dieses Glück kaum fassen, das sie nach unzähligen Suchen in den vergangenen zehn Jahren zum ersten Mal selbst erlebte. „Und das ist so schnell gegangen.“

Suche nach vermisstem Hagener: Der Fund - ein Höhepunkt im Leben von Hundeführer und Hund

Es war ein besonderer Moment. Einer, der den ehrenamtlichen SEG-Hundeführern und ihren Helfern nicht oft beschieden ist. „Das kommt extrem selten vor, weil man nie sicher weiß, wo sich ein Vermisster befindet“, sagt Kreppel – die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Weilheimerin hat in knapp 20 Jahren etwa 300 Einsätze absolviert und mit dem 79-Jährigen drei Vermisste gefunden. „So etwas ist ein Highlight im Leben von Hund und Hundeführer“, sagt Lothar Olm von der ASB-Staffel. „Die Mehrzahl der Hunde findet nie jemanden.“ Olm fungierte bei der Suche nach dem Hagener als Einsatzleiter der SEG Rettungshund Oberland. 18 Tiere wurden aufgeboten: drei Mantrailer, die stets einer bestimmten Geruchsspur folgen, sowie 15 Flächensuchhunde, darunter Lion. Sie eigenen sich speziell für Areale wie Waldgebiete und zeigen menschlichen Geruch generell an.

Diese ehrenamtlichen Teams stellen für die Polizei in bestimmten Fällen einen wichtigen Baustein dar – wenn es etwa um demente, hilflose oder suizidgefährdete Menschen geht. Müsse man riesige Gebiete absuchen, brauche man Unterstützung und sei für jede Hilfe dankbar, sagt Felix Ditschek, Dienstgruppenleiter der Polizei Murnau. Die SEG sieht er bestens organisiert, „das klappt gut“. Ditschek zieht den Hut vor den Ehrenamtlichen, die „zu jeder Tages- und Nachtzeit“ ausrücken.

Vermisstensuche: Arbeit mit dem Rettungshund übt besondere Faszination aus

Etwa zwei Jahre dauert für Mensch und Hund die Ausbildung, dann folgt die Prüfung, die alle zwei Jahre wiederholt werden muss. Mindestens sechsmal pro Monat wird trainiert, dazu kommen Theorie, Einsatztaktik. Dennoch: Auf Kreppel übt dieses Hobby große Faszination aus. „Es ist eine Freude, mit dem Hund etwas zu machen. Man muss sich extrem auf ihn verlassen können, dass er seinen Job erledigt, und umgekehrt muss er sich auf mich verlassen können.“ Der Mensch sei für die Systematik zuständig. „Nur wenn dieses Zusammenspiel funktioniert, ist man auch erfolgreich.“ Das reizt sie, macht ihr Spaß. Diese Freude gilt auch fürs Tier: „Die Hunde lieben ihre Arbeit über alles, sie ist für sie das Höchste“, betont Olm.

Lion dürfte indes nicht bewusst gewesen sein, dass er eine große Tat vollbrachte. „Er hat einfach das getan, was er gerne macht“, sagt Kreppel. Der Australian Shepherd weiß, was es bedeutet, wenn er seine Kenndecke, das Geschirr, angelegt bekommt. „Das ist seine Arbeitskleidung.“ Im Training wie im Ernstfall ist diese das Zeichen dafür, dass die Suche beginnt. Dann erledigt er seinen Job. Kaltschnäuzig – und im besten Fall mit dem richtigen Riecher.


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