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Seite an Seite: Rudolf und Leni Kühn machen sich im Aidlinger Familienbetrieb für bäuerliche Landwirtschaft und Selbstversorgung stark.

Rathaus-Chef hört nach einer Periode auf

Riegseer Bürgermeister Rudolf Kühn:  Abschied aus der Politik auf Raten

Er ist ein Urgestein der Ortspolitik – nun nimmt er Schritt für Schritt Abschied: Rudolf Kühn hört als Riegseer Bürgermeister auf. Dem Kreistag bleibt der Bio-Bauer erhalten, der sich am politischen Leben weiter beteiligen will.

Riegsee/Aidling – Rudolf Kühn, engagierter Bio-Landwirt, aktiver Kommunalpolitiker und scheidender Bürgermeister von Riegsee, fühlt sich durch die Corona-Krise in seinem Streben bestätigt. „Ich bin echt froh, dass wir unseren Dorfladen haben, dem in diesen Zeiten eine ganz besondere Bedeutung zukommt, weil er die Nahversorgung der Bevölkerung gewährleistet“, sagt er. Das Team übernehme eine ganz wichtige Funktion mit dem Lieferservice für nicht-mobile Bürger. Erst im vergangenen Frühjahr war der Umzug des Ladens in die Räume der ehemaligen VR-Bank in der Ortsmitte gestemmt worden, ein attraktiver und ökologisch sinnvoller Treffpunkt ist entstanden – manche Einkaufsfahrt nach Murnau kann so eingespart werden.

Dieses Ereignis war sicher ein Höhepunkt in der sechsjährigen Amtszeit von Rudolf Kühn. Er wohnt mit seiner Frau idyllisch in einem historischen Bauernhaus in Aidling mit dem schönen Hausnamen „Zum Stigljörg“, das sich seit Generationen in Familienbesitz befindet. Der 65-jährige Vater dreier erwachsener Kinder ist durchdrungen von der Passion, sich für die Umwelt einzusetzen.

36 Jahre Gemeinderat, 24 Jahre Zweiter Bürgermeister, 6 Jahre Erster Bürgermeister – eine stolze Bilanz. „In den Kreistag bin ich wiedergewählt worden, aber ansonsten habe ich kein offizielles Mandat mehr, das reicht jetzt“, versichert Kühn, der sich dennoch weiter aktiv am politischen Leben beteiligen will. Mit Amtsnachfolger Jörg Steinleitner kann er sich aktuell kaum treffen, doch beide telefonieren viel, es besteht gutes Einvernehmen – die Übergabephase ist im Gang.

Riegseer Bürgermeister: 2014 springt Kühn in die Bresche, weil sich kein anderer aus der Deckung wagt

Kühn, damals Vize-Bürgermeister, war 2014 in die Bresche gesprungen, als sich lange kein potentieller Nachfolger für Franz Höcker aus der Deckung gewagt hatte. Er wurde mit deutlichem Votum zum Rathaus-Chef gekürt, sah sich aber stets nur als Übergangs-Bürgermeister für eine Periode. „Die letzten zwei Jahre waren stressig“, sagt Kühn. „Die Kinder waren aus dem Haus und konnten nicht mehr so mithelfen, da war die Arbeitsbelastung hoch. Der Bürgermeister-Job fordert schon sehr.“ Doch in letzter Zeit habe er einige spontane Anrufe bekommen, in denen sich Leute „bei mir bedankt haben für die Arbeit, die ich in den sechs Jahren geleistet habe – das hat mich sehr gefreut“.

Kühn studierte in Weihenstephan Landwirtschaft und übernahm 1985 von einem Onkel den Hof in Aidling mit derzeit 17 Milchkühen. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Noch stärker als bisher will er sich künftig für die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft e.V. einsetzen, eine Interessenvertretung, die auf nachhaltige, sozial- und umweltverträgliche Landwirtschaft setzt. „Wir können aus dieser Krise lernen, dezentrale Versorgungssysteme sind weitaus resilienter, wir müssen wieder zur vielfältigen bäuerlichen Landwirtschaft kommen, so wie früher“, gibt sich der Bio-Bauer überzeugt. „Ohne Selbstversorgung wären wir nach dem Krieg alle verhungert“, habe seine Mutter immer gesagt.

Scheidender Riegseer Bürgermeister: Selbstversorgung ist im Hause Kühn ein zentrales Thema

Selbstversorgung – das ist im Hause Kühn das zentrale Thema. Ehefrau Magdalena ist als Gartenbäuerin und Kräuterpädagogin weithin bekannt und auch als Buchautorin aktiv: „Mein Selbstversorger-Garten“ – der Titel sagt alles. „Ich habe vor, ihr in Zukunft mehr im Garten zu helfen – ich werde ihr Gehilfe, aber sie glaubt es noch nicht so recht … “, sagt der Noch-Bürgermeister verschmitzt. Säen, pflanzen, pflegen, ernten und verarbeiten von Obst, Gemüse und Kräutern, das Wissen der Großeltern bewahren, das ist das hehre Ziel. Eigenverantwortung, Dezentralität und Sparsamkeit – die Grundsätze von Dr. Herbert Gruhl, dem Umweltschützer, Schriftsteller und ÖDP-Mitbegründer, habe er stets als richtig erachtet. „Auch ich habe diesen Weg stets verfolgt und fühle mich nun bestätigt, wenn ich mir das auch weniger drastisch gewünscht hätte“, gesteht Kühn, seit Jahrzehnten Mitglied der ÖDP.

Der Aidlinger blickt positiv in die Zukunft, begreift die Krise als Chance. „Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken, wir kriegen die Kurve“, sagt er voll Zuversicht. „Ich lese sehr viel und gern, vor allem Fachliteratur rund um den Bauernhof, dafür habe ich jetzt dann wieder mehr Zeit.“ Wofür sich Kühn ebenfalls stark machen will, ist ein Schlachthaus in der Gemeinde. „Es kann nicht sein, dass die Tiere herumgefahren werden“, betont der Landwirt. „Früher gab es in Murnau elf Metzgereien, jetzt kann hier nicht mehr geschlachtet werden, das ist schlecht.“

Sohn Georg will einmal den Hof übernehmen, Sohn Johannes, ein Maschinenbau-Ingenieur, betreibt eine Werkstatt auf dem Anwesen, und Tochter Anastasia, selbst aktive Umweltschützerin, studiert Ökologische Landwirtschaft – die Saat der Eltern scheint beim Nachwuchs aufzugehen.

Barbara Jungwirth

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