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Zu Wilhelms Fundus zählt eine Postkarte von 1903, die vorne das Bauernhaus zum „Kistler“ zeigt. Heute steht dort der Dorfwirt.
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An seinem Arbeitsplatz im Keller studiert Andreas Wilhelm Rechnungsbücher.
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Das Sägewerk neben dem Bahnhof. 
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So sah die große Kreuzung in Saulgrub vor 100 Jahren aus

Eine Festplatte aus Fleisch und Blut

Altenaus wandelnde Orts-Chronik

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Er hält sie fest – für die nächsten Generationen. Andreas Wilhelm archiviert und digitalisiert Altenaus Ortsgeschichte. Und geht dabei mit der Zeit.

Altenau – Manche suchen die Sauna auf, schwitzen den Stress raus. Andere versinken in packenden Krimis oder seichten Romanen, um abzuspannen. Das ist nichts für Andreas Wilhelm. Lieber brütet er über Rätseln. Das mit den Zahlen. Sein Wellnessprogramm heißt Sudoku.

Eins der Heftchen liegt auf dem Tisch in seinem Wintergarten. Daneben das Tagblatt. Die tägliche Lektüre. Was in seiner Heimat passiert, interessiert den 72-Jährigen. Vor allem die Nachrichten aus Altenau. Niemand kennt das Dorf so gut wie er. Die Geschichte, die Menschen. Seit 25 Jahren sammelt, sortiert und studiert er für die Gemeinde Unterlagen, Urkunden, Bilder. Wilhelm speichert die Informationen ab – im PC, die „gute Erfindung“. Und im Kopf. Jahreszahlen oder Geburtstage von den Mitgliedern alteingesessener Familien – alles archiviert in einem Menschen. Wilhelm muss nicht in einem Buch nachschlagen. Er ist Altenaus wandelnde Orts-Chronik.

Wilhelm kann vieles aus dem Stehgreif erzählen

Sich Dinge zu merken, fällt ihm leicht. Gerade Historisches. Das war schon in der Schule so, sagt der Rentner. Eine beneidenswerte Fähigkeit, mit der er aber nicht prahlt. Aus dem Stehgreif erzählt er von der Errichtung des Forsthauses Unternogg. Jahreszahl? Hat er parat: 1848. Die „Geburtsurkunde“ trägt die Unterschrift von König Ludwig II. „Er durfte sich nicht fest ansiedeln, aber etwas bauen.“ Die Geschichte der Dampfsäge hat er nahezu inhaliert. 1890 von der Allacher Firma Kirsch & Söhne rechts vor der Ammerbrücke erbaut, 1910 abgebrannt, 1915 ging sie neben dem Altenauer Bahnhof – Stoff zu diesem füllt einen extra Ordner samt Listen der Arbeiter, wovon „Zweidrittel Italiener waren“– wieder in Betrieb. „Viele Familien sind hergekommen, um dort zu arbeiten“, sagt der Experte. Und Altenaus Urfamilien? Er zählt eine Auswahl mit Hausnamen auf: Saliter, Jackerle, Holmer, Zotz, Dimpa – der erste Aussiedler. Kinderspielchen für eine Festplatte aus Fleisch und Blut.

Die Unmengen von Unterlagen, die Wilhelm bereits durchgeackert hat, sind ihm nicht immer zugeflogen. Manches war in der Schule gelagert, manches hat man ihm vertrauensvoll in die Hände gelegt, manches ergab sich aus Kontakten zu Gleichgesinnten. Einen wichtigen Teil rettete der 72-jährige Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins. Damals, um 1972, mussten die Lehrer aus dem Landkreis eine Heimatkundliche Sammlung anlegen. Doch mit dem Umzug der damit Betrauten, gingen auch Urkunden auf Reisen. Wilhelm rief an, bekam den Ordner. Darin unter anderem enthalten: Abschriften von vor dem 15. Jahrhundert. Sie wären verloren gegangen, „wenn ich nicht nachfrage“.

Es sind Zeugen der Vergangenheit, die Wilhelm zum Teil zuhause in seinem Keller aufbewahrt. Rechnungsbücher mit blauem Umschlag stapeln sich in einem Regal. Im ersten Exemplar, ein dünnes von 1832/33, sind Hirtenlöhne aufgelistet.

Facebook-Seite ins Leben gerufen

Wilhelm zieht ein anderes aus dem Regal, blättert darin. Manche der vergilbten Seiten haben kleine Löcher aus früheren Zeiten. „Da waren wohl Viecherl dran“, sagt er. Um das Material zu sichern, tippt er die Daten in den Computer ein. Der Ammertaler ist mittlerweile im Jahr 1900 angekommen. Ab und an ging’s bei seiner Archivierungsarbeit zäh voran. Der altdeutschen Schrift wegen. Inzwischen kann er sie fast problemlos lesen. Zur Not spickt er auf dem kleinen Zettel mit den Buchstaben, der über dem Schreibtisch hängt. „Es kommt immer drauf an, welche Klaue geschrieben hat“, sagt der 72-Jährige und lacht. „Manche Bürgermeister haben eigene Buchstaben erfunden.“

Wie viele Stunden er für die intensive Arbeit opfert? Wilhelm kann’s nicht abschätzen. Wenn sein Interesse geweckt ist, schaut er nicht auf die Uhr. Die Ergebnisse seiner Mühen gibt er gerne preis, hält zum Beispiel Vorträge im Blindenheim. Natürlich ohne Notizzettel. Auf eine neue Idee ist er im Zuge des  wiedereröffneten Gasthauses, dem Altenauer Dorfwirt, gekommen. Aus einem Ordner mit Bildern für den Stammtisch wurde ein Auftritt im sozialen Netzwerk Facebook. Schwiegersohn Claus Hornig, einer der Initiatoren des Wirtshaus-Projekts, hat die Seite eingerichtet. Name: Historisches Altenau. Wilhelm postet dort alte Fotos, Postkarten, Auszüge aus Dienstbüchern und schreibt Hintergrundinfos dazu. Ortsgeschichte trifft auf moderne Facebook-Welt. „Die Bücher schaut ja keiner an“, sagt Wilhelm. Er will die Jugend erreichen, ihnen die Vergangenheit ihrer Heimat zeigen, Interesse wecken. Geäußert haben sie sich bisher selten gegenüber dem Online-Chronisten. Aber, sagt Wilhelm mit einem breiten Grinsen: „Sie klicken.“ Den Gefällt-mir-Button.

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