Balancieren in 600 Metern Höhe: Extremsportler Quirin Herterich auf den letzten Metern der 2,1 Kilometer langen Slackline, die sein Team zwischen zwei Gipfeln im schwedischen Lappland gespannt hat. 
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Balancieren in 600 Metern Höhe: Extremsportler Quirin Herterich auf den letzten Metern der 2,1 Kilometer langen Slackline, die sein Team zwischen zwei Gipfeln im schwedischen Lappland gespannt hat. 

2,1 Kilometer weit, 600 Meter hoch, drei Stunden land

Altenauer knackt Weltrekord auf der Slackline zwischen zwei Gipfeln in Schweden

  • Josef Hornsteiner
    VonJosef Hornsteiner
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Quirin Herterich hat einen Weltrekord geknackt: In Schweden hat der Altenauer eine Slackline zwischen zwei Gipfeln überquert. 2,1 Kilometer weit, 600 Meter hoch, drei Stunden lang. Durchdacht war alles – bis zum Klogang.

Altenau/Stockholm – Der Schrei hallt weit durch das menschenleere Trogtal in Lapporten. Hier im schwedischen Lappland ist es eigentlich seelenruhig. Doch Quirin Herterich brüllt aus voller Kehle. Kurz sorgt der Aufschrei für Entsetzen: Der Altenauer steht nur auf einer zweieinhalb Zentimeter breiten Slackline, auf der er seit genau drei Stunden balanciert. Ist etwas passiert?

„Ganz und gar nicht“, sagt Herterich. „Ich weiß auch nicht so richtig, warum ich das gemacht habe.“ Es dürfte der große Mix aus Emotionen gewesen sein, der ihn in diesem Moment überkam. Herterich hat einen Weltrekord geknackt. Er lief nur auf einem Kunstfaserband zwischen den beiden Gipfeln Tjuonatjåkka und Nissuntjårro. 2,1 Kilometer, 600 Meter Höhe, drei Stunden lang. Das große Finale nach über neun Monaten Vorbereitung.

Geschafft! Die Freude steht (v.l.) Herterich, Trygve Bruntland und Julian Caleau ins Gesicht geschrieben.

Quirin Herterich stammt aus Altenau und ist Extremsportler. Seit Jahren fasziniert und begeistert er durch spektakuläre Slackline-Aktionen (wir berichteten). Erst im September vergangenen Jahres ist er übers Meer auf den sardischen Zuckerhut gewandert, 490 Meter weit in 130 Metern Höhe. Doch hat ihm das noch nicht gereicht. Auch eine Verschnaufpause wollte er sich nicht gönnen. Wenige Tage nach seinem Erfolg in Sardinien begann er, sich seinem bislang größten Unternehmen zu widmen. Und ohne Übertreibung sollte das Vorhaben im schwedischen Lappland nicht nur einen Weltrekord brechen – es stellt einen Meilenstein in der Geschichte des exotischen Sports dar.

Neun Monate lang bereiten sich 14 Mitglieder rund um Herterich auf die schier unglaubliche Aktion vor. Die beiden Gipfel Tjuonatjåkka (1554 Meter) und Nissuntjårro (1738 Meter) im Abisko Nationalpark trennt eine gewaltige Schlucht. Wie soll da nur eine Slackline gespannt werden? Spezialequipment und Sonderanfertigungen sind nötig. Alleine zwei Tage dauert es, bis die 2,1 Kilometer Luftlinie mit einem Seil überspannt sind.

Verpflegung kommt per Heli: Martin Gravdal ist Teil des 14-köpfigen Slackline-Teams und bringt Lebensmittel.

Nicht die einzige Herausforderung. Als Zeitfenster geben sich die Abenteurer nur elf Tage. Schlaf ist selten, nicht nur wegen der vielen Arbeit. In Lappland geht zur Zeit die Sonne nicht unter, scheint 24 Stunden am Tag. Zwei Lager auf beiden Gipfeln schlägt die Gruppe auf. „Wir haben eine schöne Seite und ein Shit-Hole“, sagt Herterich lachend. Auf der schönen sind die meisten Crew-Mitglieder untergebracht. „Die haben sogar einen Koch.“ Zur anderen Seite gehört Herterich – mit Instantnudeln und Fertiggerichten. Die Verpflegung für die knapp zwei Wochen muss ein Hubschrauber bringen. Die nächste Ortschaft ist sechs Stunden Fußmarsch entfernt.

Hertrich hat Schwierigkeiten beim Start - Slackline ist rutschig

Am Tag des Rekordversuchs meditiert Herterich kurz vor dem Start, macht einfache Aufwärmübungen. Dann setzt er den ersten Schritt – und hat Probleme. „Die Slackline war sehr rutschig. Es dauerte, bis ich meinen Rhythmus gefunden hatte“, erzählt er später. Dabei hat er nichts, bis auf einen Müsliriegel, „wenn mir doch mal die Kraft ausgehen sollte“. Doch die geht ihm nicht aus. Darf ihm gar nicht ausgehen. Denn auf Hilfe kann er auf der Slackline nicht hoffen. „Die Mitte ist eine Todeszone.“ Die Angst ist sein größter Gegner. „Ich machte mir sehr viel Druck, hatte gemischte Gefühle.“ Manchmal scheint es, als komme er nicht von der Stelle. „Das kann sehr schnell in Angst umschlagen.“ Und Angst ist sein größter Gegner. Wenn er stürzt und nicht mehr auf das Seil kommt, „habe ich richtige Schwierigkeiten“. Ein Hubschrauber fliegt nicht. „Er nähert sich keiner Slackline.“ Doch hat Herterich nicht umsonst Wochen, Monate, Jahre auf diesen Moment hintrainiert. „Aufhalten kann mich eigentlich nur ein Herzinfarkt oder ein Unwetter.“ Auch ganz banale Sachen wie der Klogang sind bei drei Stunden ununterbrochener Erstbegehung Thema. „Doch der Körper befindet sich dann im Jagdmodus. Da denkt man überhaupt nicht an so etwas.“ Dann schafft er es – mit einem Freudenschrei.

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