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Alter Kutter: die Sea-Eye wurde umgebaut .
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Im Einsatz: Johann Hautmann auf dem Schiff.
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Angezündet wird das Boot nach der Bergung der Flüchtlinge.
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Gezeichnet sind die Menschen, denen die Sea-Eye vor der Küste Libyens zu Hilfe gekommen ist. Viele sind seekrank, im und am Boot stinkt es dementsprechend.

Dem Tod ins Gesicht gesehen

Flüchtlingseinsatz auf dem Mittelmeer: Ammertaler erlebt Dramatisches

Zwei Wochen Mittelmeer: Johann Hautmann aus Wurmansau ist von seinem Hilfseinsatz für Flüchtlinge zurückgekehrt. Was er erlebt hat, ist wohl für immer ins Gedächtnis eingebrannt.

Wurmansau – „Wenn man einmal in die Gesichter gesehen hat“, sagt Johann Hautmann. Wenn man einmal die völlig entkräfteten Menschen in ihren kleinen Booten vor sich hatte, dann versteht man wohl erst, was dort auf dem Mittelmeer wirklich los ist. Hautmann muss es wissen. Er kennt nicht nur Berichte von Flüchtlingsdramen aus dem Fernsehen. Der 64-jährige Wurmansauer war vor Ort an der libyschen Küste. An Bord der Sea-Eye, einem alten Kutter, der nur ein Ziel hatte: Menschenleben zu retten. Auch wenn das nicht immer möglich war.

Ein Bild, das dem Ammertaler jetzt, kurz nach der Rückkehr von seinem zweiwöchigen Hilfseinsatz, immer wieder vor dem geistigen Auge erscheint, ist die Wasserleiche, auf die die Sea-Eye gestoßen ist. „Eine Frau“, sagt er mit belegter Stimme. „Sie hat furchtbar ausgeschaut.“ Und ist wohl schon seit Ostern in den Wellen getrieben. Damals gerieten tausende Flüchtlinge in Lebensgefahr. So viele, dass auch die Sea-Eye irgendwann völlig überfüllt und manövrierunfähig war. Und das, obwohl der einstige Fischkutter der gleichnamigen Hilfsorganisation aus Regensburg eigentlich keine Menschen aufnimmt, sondern ihnen nur zu Hilfe eilt, sie mit Rettungswesten und zur Not ärztlich versorgt.

Für mehr ist zu wenig Platz auf Sea-Eye. Auf ihr gibt es auch nur zwei Kajüten für die achtköpfige Crew. Johann Hautmann hat deshalb mit vier anderen in wenige Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum übernachtet. An Schlafen war in den ersten Tagen aber eigentlich nicht zu denken: Der Seegang war so stark, dass sich das Boot bis zu 30 Grad auf und ab bewegt hat. „Man ist praktisch im Liegen nur hin- und her gerollt.“ Dann das ständige Brummen des Generators und der Wachdienst, der in drei- bis vierstündigen Schichten eingeteilt ist. „Irgendwann bist Du dann so müd’, dass Du einfach schläfst.“ Und irgendwann hatte sich auch die See wieder beruhigt.

Technisches Problem bei der Sea-Eye

Gut war das Wetter trotzdem nicht. „Wir hatten anfangs ganz schlechte Sicht.“ Es wurde auch mit den besten Ferngläsern schwer, die Flüchtlingsboote auf dem Wasser zu erkennen. Wo die Sea-Eye hin soll, wird ihr per Koordinaten dabei von der Rettungsleitstelle in Rom durchgefunkt. Wie im Fall eines Schlauchbootes, das zu sinken drohte. „Wir haben bis in die Nacht gesucht“, erzählt Hautmann. Doch ohne Erfolg. Wo war das Schlauchboot, haben die Menschen irgendwie überlebt? Hautmann weiß es nicht. „Wenn ich daran denke“, sagt er, „dann läuft es mir noch heute kalt den Buckel runter.“

Nie vergessen wird er auch einen anderen Einsatz, als die Sea-Eye zu zwei kleinen Holzbooten gerufen wurde. Rund 120 Menschen, die zusammengekauert auf Hilfe hoffen. „Viele von ihnen waren seekrank“, erzählt Hautmann. Man sah ihnen an, wir schlecht es ihnen ging. Zur Crew der Sea-Eye, von der aus der Ammertaler die Hilfsaktion verfolgt hat, gehörten eine Ärztin und ein Sanitäter. Sie sind ins Beiboot gestiegen, zu den Flüchtlingen gefahren und haben sie versorgt, bis das nächste große Schiff sie aufnehmen konnte. In dem Fall die Aquarius der Organisation „Ärzte ohne Grenzen.“

„Es kann nicht sein, dass Menschen vor unserer Haustür ertrinken.“

Die Sea-Eye sollte eigentlich zwei Wochen im Einsatzgebiet vor Libyen patrouillieren. Doch ein technisches Problem mit der Kühlung hat diese Zeit verkürzt. „Das Schiff ist eigentlich ein Museum“, erklärt der Ammertaler. Nach der 30-stündigen Rückfahrt musste es im Heimathafen in Malta erst einmal repariert werden. So kam es auch, dass die Crew passen musste, als sich zum Ende ihres Einsatzes noch einmal die Leitstelle aus Rom gemeldet hat. „Die Zustände waren ähnlich schlimm wie an Ostern“, sagt Hautmann. Nicht helfen zu können, habe natürlich niemanden an Bord gefallen. „Die Stimmung war schon sehr gedrückt.“

Wenn der Ammertaler an die Zeit auf dem alten Kutter, die vielen Wachdienste und die Einsätze zurückdenkt, dann ist für ihn eines schon jetzt klar. „Ich werde es wieder machen.“ Für ihn kommt es nicht in Frage, sich nur daheim die schlimmen Bilder im TV anzusehen. Er muss selbst helfen. „Es kann nicht sein, dass Menschen vor unserer Haustür ertrinken.“

Infos

zur Hilfsorganisation gibt es im Internet: http://sea-eye.org

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