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Das Warten und das Reinigen des Kamins ist eine Hauptaufgabe des Kaminkehrers.

Gesetzesänderung führt zu Preisanstiegen

Im Clinch mit den Glücksbringern: Ammertaler kritisiert Kaminkehrer-Gebühren

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Er ist sauer. Josef Gut aus Wurmansau fühlt sich von Kaminkehrern gegängelt. Der Ammertaler sagt: „Hier bedient sich eine Berufsgruppe nach Gutdünken selbst.“

Wurmansau – Es soll Glück bringen, einen Kaminkehrer oder den goldenen Knopf seiner Jacke zu berühren. Zu Neujahr werden Mini-Schoko-Exemplare gern mit einem Hufeisen oder einem vierblättrigen Kleeblatt verschenkt. Nach derlei Symbolik ist Josef Gut derzeit nicht der Sinn. Der Wormser, der in Wurmansau aufgewachsen ist und dort vor Jahren ein Häuschen am Hang gebaut hat, ist auf die Gilde der Schornsteinfeger derzeit nicht gut zu sprechen. Insbesondere nicht auf den Chef des Kehrbezirks Oberammergau, Bezirkskaminkehrermeister Peter Würsch (46). Gut fährt schwere Geschütze auf, wirft ihm und seiner Gilde „mafiöse Strukturen“ vor.

Nicht gut zu sprechen auf die Zunft der Kaminkehrer ist Josef Gut.

Ins Rollen kam die Geschichte für den 59-Jährigen, als er sich vor einiger Zeit die Kostenabrechnungen für die Kaminkehrerarbeiten an seinem Haus in Wurmansau näher betrachtete. „Bis 2012 waren die Kosten für die jährliche Wartung und Reinigung meines Kamins einigermaßen konstant.“ Dann jedoch wurde diese Dienstleistung vom Gesetzgeber freigegeben, wonach nun jeder Hauseigentümer seinen Kaminkehrer frei wählen und den günstigsten Anbieter aussuchen darf. Das hatte aber zur Folge, dass die Gebühren fortan in die Höhe schossen. Laut Josef Gut stiegen die Preise für sein Haus von 80,77 Euro jährlich in 2012 auf 113,91 Euro in 2016. Für den freiberuflichen SAP-Berater steht diese Steigerung, sprich die Leistung, „in keinem Verhältnis zum geringen Zeitaufwand“. Es sei nicht nachzuvollziehen, warum für fünf oder zehn Minuten Arbeit 100 Euro verlangt würden: „Hier bedient sich eine Berufsgruppe nach Gutdünken selbst.“

Peter Würsch findet die Gesetzesänderung gut, „dass wir seit 2012 auf dem freien Markt endlich auch unsere Preise frei kalkulieren können. Wie übrigens jeder andere Handwerker auch. Nur war das bis dahin niemand vom Kaminkehrer gewohnt. Wir haben nämlich auch unsere Ausgaben.“

Nach einem entsprechenden E-Mail-Verkehr und diversen Telefonaten zwischen dem Bezirkskaminkehrermeister und Gut kam es zum Bruch zwischen Anbieter und Kunde. „Herr Würsch hat mir mitgeteilt, dass er künftig nicht mehr für mich tätig sein will“, erklärt der Wahl-Wurmansauer. Dies bestätigt der Unterammergauer: „Ich habe in meinem Kehrbezirk zwischen Linderhof und Saulgrub 2500 Anwesen zu betreuen. Nie hat es bisher ein großes Problem gegeben. Es ist das Recht des Herrn Gut, sich einen Kaminkehrer seiner Wahl auszusuchen.“

Beschwerdeführer droht Zwangsöffnung

Das wollte der Hausbesitzer dann nach eigenen Worten auch tun. „Bei fünf habe ich nachgefragt, drei haben abgesagt, einer meldete sich nicht und der fünfte gab ein Angebot über 257,28 Euro inklusive Anfahrt ab.“ Für den 59-Jährigen „riecht diese eindeutige Reaktion stark nach Absprache“ zwischen den Leistungserbringern – für Gut „eine Ungeheuerlichkeit“. Würsch kontert vehement: „Mir hier Absprache vorzuwerfen, ist eine Unterstellung, die jeglicher Grundlage entbehrt.“ Jedenfalls schaltete der Hausbesitzer das Landratsamt ein. Der zuständige Abteilungsleiter schrieb unter anderem zurück, dass die Behörde allein für den hoheitlichen Bereich des Kaminkehrerwesens als Aufsichtsbehörde zuständig sei, bei der Preisgestaltung jedoch nicht zum Einschreiten berechtigt wäre. Gleichzeitig wird der Beschwerdeführer aufgefordert, die festgesetzten Arbeiten innerhalb einer Frist bis zum 30. November dieses Jahres ausführen zu lassen. Geschehe dies nicht, sei eine „zwangsweise Durchführung“ erforderlich. Auf Nachfrage erfuhr Gut, dass bei solchen „Zwangsmaßnahmen“ inklusive Wohnungsöffnung durch einen Schlüsseldienst und Strafgebühren locker „über 1000 Euro“ zusammenkommen können. Der gebürtige Ammertaler, der – sobald es seine familiären Verhältnisse in Worms zulassen – nach Wurmansau zurückkehren will, schaltete auch noch andere Behörden ein, die Handwerkskammer, das Bayerische Innenministerium und sogar das Bundeswirtschaftsministerium. Große Unterstützung erhielt er nirgends.

Nach eigener Aussage geht es Josef Gut „nicht darum, ein paar Euro rauszuschinden, sondern nur ums Prinzip“. Hier werde der angeblich freie Markt von einer Berufsgruppe als Selbstbedienungsladen missbraucht. Kontrahent Würsch stellt sachlich fest: „Unsere Familie ist seit 1974 auf diesem Kehrbezirk, in Kürze kann ich mein 30-jähriges Berufsjubiläum als Kaminkehrer feiern. Die Gebühren, die ich verlange, und die Frequenz, wie oft ich in einem Haus kehre und die Heizung messe, orientieren sich in vollem Umfang an unseren handwerklich geregelten Vorgaben. Hier wird doch keiner über den Tisch gezogen!“

Obwohl Würsch nicht mehr in Josef Guts Haus in Wurmansau den Kamin kehren dürfte, so wird er vielleicht bald doch das Anwesen betreten – um die alle drei Jahre notwendige Feuerstättenschau zu erledigen. Dazu ist laut Gesetz nämlich nur der zuständige Bezirkskaminkehrermeister befugt.

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