Zuschauermagnet: Mehrere tausend Schaulustige säumen die Straßen in Farchant, als die Besitzer ihre Tiere vom Ried bis zur Föhrenheide treiben. Fotos: Thomas Sehr

„Schee, oafach nur schee“

Farchant - Peter Leitenbauer freut sich über einen guten Sommer auf der Farchanter Alm. Bald beginnt für ihn der zweite Teil des Jahres.

Am letzten Tag. Gerade am letzten Tag. Monatelang war alles gut gegangen, und so kurz vor seinem Almabtrieb hat Peter Leitenbauer ein Rind vermisst. Noch in der Nacht brach der Hirte zur Suche auf, an der Seite sein treuer Border Collie BJ. Und der fand das Tier: Im Wald hatte es sich verkrochen, allein, weg von seiner Herde. Krank. „Es hatte Fieber, Durst, die Beine waren geschwollen“, schildert Leitenbauer. Er schaffte das Tier sicher ins Tal, wo sich der Tierarzt darum kümmerte.

Als der Hirte der Weidegenossenschaft Farchant kurz darauf die 175 Stück Jungvieh und elf Pferde wohlbehalten zurück in das Tal gebracht hatte, stand fest: Nach seinem sechsten Almsommer konnte er am Sonntag zum ersten Mal einen geschmückten Almabtrieb feiern.

Das ist in Farchant so der Brauch: Nur wenn alle Tiere gesund zurückgekehrt sind, werden sie auch aufgekranzt. In den nächsten Wochen beginnt für ihn und seine Frau zwei Frau Maria der zweite Teil des Jahreslaufes.

Ganz hat Peter Leitenbauer dem Glück nicht trauen wollen. Schon in den Tagen vor dem Abtrieb von der Farchanter Alm dachte er ab und an daran, dass es ein guter Almsommer werden könnte. Ohne dass ein Tier zu Schaden gekommen wäre. „Es kann so viel passieren am Berg“, weiß Leitenbauer.

Gerade in einem nassen Sommer wie dem, gerade in einem so weitläufigen Gelände (rund 2000 Hektar) wie um die Hintere Esterberg-Alm. Das Vieh kann abrutschen und in die Tiefe stürzen, eine Graswase kann sich lösen, Blitzschläge drohen. Er redete nicht über seine Hoffnung. „Das macht man nicht“, sagt er. Bis zuletzt nicht.

Vor gut einer Woche, an einem Samstag, waren die Tiere nach einem eineinhalb-, zweistündigen Abstieg im Ort angekommen; auch da hielt sich der Hirte zurück. „Ich schaue erst am Sonntag nochmal zu allen Besitzern, ob auch wirklich alles gut ist“, sagt er. Aber er spürte, es ging alles gut. „Jeder hat sich schon gefreut, alle haben gratuliert.“ Wie war das Gefühl, als feststand, dass alle Tiere gesund daheim sind? „Schee, oafach nur schee.“

Leitenbauer kennt das Leben auf dieser Alm lange. Sein Schwager, Ludwig Felber, war dort 21 Jahre als Hirte, seine Schwester 18 Jahre dabei. Er, Leitenbauer, besuchte sie oft, half auch mit. „Mir hat das früher schon gefallen.“ Als vor wenigen Jahren sein Bruder, Andreas Leitenbauer, als Vorsitzender der Weidegenossenschaft Farchant fragte, ob er die Nachfolge seines Schwagers antreten wolle, griff er zu. Bereut hat er den Entschluss nie. „Manchmal könnte man schon narrisch werden, denn die Viecher können einen ja richtig ärgern.“

Seitdem hat das Jahr zwei Hälften: eine als Hirte und eine als Mitarbeiter im Bauhof. Zum 1. Mai erhält er von den rund 30 Besitzern das Jungvieh, dann noch auf der Weide im Tal. Um den 20. Juni treibt er es hinauf. Dann beginnt für Peter Leitenbauer und seine Frau die schwere Zeit des Jahres.

Während sie die Alm bewirtschaftet, kümmert sich er um das Vieh. Tag und Nacht. „Wenn ein Tier kalbt, bin ich auch mitten in der Nacht auf den Beinen.“ Manchmal dauert’s sechs, acht Stunden, bis er zur Herde und zurück gewandert ist. Die Tiere kennt er alle. „Die haben unterschiedliche Glocken, manche haben Hörner, und ich kenne ja alle Ohrnummern.“ Im ersten Jahr sei das noch schwierig gewesen, aber danach habe er sie auswendig gelernt. „Ich kann dem Bauern immer sagen, wo sein Vieh gerade ist.“ Die Besitzer helfen ihm auch auf dem Berg, wenn er die Tiere umtreiben muss. „Heuer wollten sie nicht ganz hinauf“, erzählt er. Zu oft habe es dort Gewitter gegeben. Das hätten sie gespürt und gezögert.

Derzeit kümmert er sich um die Nachweide. „Da ist es ein bisserl ruhiger“, sagt er. Dann erwarten ihn und seine Frau zwei Wochen Urlaub. Am 1. November fängt dann für den Schlosser der Dienst im Bauhof der Gemeinde an. „In Farchant ist das so, da darf der Hirte im Winter im Bauhof arbeiten.“ Er macht das gerne. „Dann hat man auch zu einer festen Zeit Feierabend.“ Doch wenn es Frühling wird, dann freut er sich mit jedem Tag mehr auf die Zeit auf der Alm. „Man freut sich immer“, meint Leitenbauer schmunzelnd, „am Anfang, wenn’s losgeht, und am Schluss, wenn’s wieder rum ist.“

Matthias Holzapfel

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