Den Schrecken nicht vergessen

Murnau - In die Debatte um die Aufarbeitung der Murnauer NS-Zeit kommt Bewegung. Denn mit Dr. Hubert Engelbrecht hat sich ein Abkömmling einer alteingesessenen Familie zu Wort gemeldet, die eingefleischte Nationalsozialisten in ihren Reihen hatte. Der Geologe findet, dass in Murnau längst ein NS-Dokumentationszentrum stehen sollte.

Darin könnten „die Verstrickungen des gesamten Oberlandes in die NS-Zeit“ erforscht und in Schriften- sowie Vortragsreihen verbreitet werden. Die Schaffung einer solchen Einrichtung an einem authentischen Ort wäre aus seiner Sicht ein sorgfältig überlegter, wohlgesetzer und somit vertrauensbildender Kontrapunkt zur ehemaligen NS-Hochburg Murnau am Staffelsee. „München hat es doch auch geschafft, als ehemalige ,Hauptstadt der Bewegung‘ ein NS-Dokumentationszentrum zu gründen.“ Freiheitliche Demokratie brauche permanente Erinnerungsarbeit.

Engelbrecht findet, dass die Aufarbeitung spät passiere. „Sie sollte aber unbedingt erfolgen.“ Der 56-jährige Münchner hat sich umfassend Gedanken über den ganzen Themenkomplex gemacht. In einem Schreiben an den Arbeitskreis „Geschichte des Nationalsozialismus in Murnau“ beklagt er, dass der Marktgemeinderat erst im Dezember 2011 beschloss, die Nazizeit in Murnau anzugehen. „Die Möglichkeit zur Aufarbeitung politischer Unrechtssysteme muss doch möglichst zeitnah ergriffen werden, denn nur dann wirkt sie authentisch.“ Wahrhaftige Aufarbeitung sei seinem Wesen nach zeitgebunden. „Je später sie erfolgt, desto unechter, irritierender und peinlicher wirkt sie.“ Und überhaupt: Politische Aufarbeitung müsse eine Selbstverständlichkeit sein und sollte besser keines Gremienbeschlusses bedürfen.

Engelbrechts Großonkel Otto Engelbrecht und sein Großvater, Dr. Johann Georg Engelbrecht, machten in der NS-Zeit Karriere. Ersterer war Blutordensträger sowie unter anderem Bezirks- und Kreisleiter der NSDAP. Der Großvater brachte es bis zum Generalarzt der Luftflotte West. Nach dem 8. Mai 1945 und ihrem jähen Karriere-Ende sei im familiären Kreis bis heute dazu nichts Wesentliches aufgearbeitet worden, bedauert Dr. Hubert Engelbrecht. „Auch aus dieser leidvollen persönlichen Erfahrung heraus“ halte er es für seine sittliche und deshalb unerlässliche Pflicht, sich ausführlich zur Frage zu äußern, warum es Sinn mache, die NS-Vergangenheit zu thematisieren.

Würde man ehrlich reinen Tisch machen und auch Namen nennen, könnte man mit dieser Art Einsicht beziehungsweise Selbstkorrektur und Selbstläuterung „Wunden schneller und besser heilen und für mehr politischen Frieden sorgen. Das ist es doch, worum es im öffentlichen Zusammenleben in erster Linie geht“, betont Engelbrecht, der von 1961 bis 1988 in Murnau gemeldet war.

Ein erster Schritt ist bereits getan: Vier renommierte Historiker hielten in Murnau heuer Referate. Der Riegseer Historiker Thomas Wagner findet: „Die Vorträge von Experten sind ein sehr guter Einstieg in die weitere Aufarbeitung.“ Murnau habe diesbezüglich noch einiges aufzuholen. „Die Erforschung der NS-Vergangenheit ist notwendig und hat in den meisten deutschen Ortschaften bereits stattgefunden. Wir sind nicht schuld an den Verbrechen der NS-Zeit, aber wir sind verantwortlich, dass sie sich nicht wiederholen können“, unterstreicht Wagner, dessen Buch über die Hitlerjugend kürzlich neu herauskam. Der Historiker ist der Meinung, dass eine Dissertation der richtige Rahmen für die weitere Aufarbeitung wäre. Dr. Marion Hruschka, Marktarchivarin und Sprecherin des Arbeitskreises zur Geschichte des Nationalsozialismus, sagt, dass auch ein Sammelband denkbar wäre. „Es muss keine Doktorarbeit sein.“ Eins sei aber klar: Das Ganze müsse auf hohem wissenschaftlichen Niveau erfolgen. Die Vortragsreihe zur NS-Zeit wird am Freitag, 22. November, mit einem Podiumsgespräch abgeschlossen. Im Vorfeld kommt der Arbeitskreis zu einer Sitzung zusammen. Zuletzt hatte er den Fürstenfeldbrucker Stadtarchivar zu Gast, der über die dortige Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit informierte. Im April 2014 findet dann eine nicht-öffentliche Info-Veranstaltung für Multiplikatoren der Bildungsarbeit statt.

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