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Absolute Präzision ist gefragt, wenn Baggerfahrer Stephan Müller den Stamm nach unten befördert. Die Bauarbeiter (v.l.) Clemens Jais und Josef Löcherer sind sofort zur Stelle, um das Holz auszurichten und zu befestigen.

Früher musste es ohne Bagger gehen

Neue Wildbachbauwerke am Lahnegraben: Flutschutz wie anno dazumal

Es ist ein altes Verfahren. Aber eines, das sich bewährt hat. In Schwaigen werden bis zu 100 Jahre alte Holzkastensperren im Lahnegraben erneuert. Und zwar fast genauso wie anno dazumal.

Schwaigen – Ein riesiger Baumstamm schwebt in der Luft. Er hängt an einem Seil. Ein Baggerfahrer balanciert ihn umher. Wartet, bis er in der richtigen Position ist. Dann erst befördert er ihn nach unten. Jedoch nicht auf den Waldboden, sondern ins Bachbett des Lahnegrabens. Drei Bauarbeiter schauen ihm nach. Dann machen sie sich an die Arbeit. Sie springen auf ein Holzgerüst, platzieren den Stamm und befestigen ihn.

Im Lahnegraben werden momentan die historischen Wildbachbauwerke – sogenannte Holzkastensperren – erneuert. Viele davon gibt es seit fast 100 Jahren, mittlerweile ist die Hälfte davon marode. 52 von insgesamt 110 sanierungsbedürftigen Konstrukten aus Holz, Steinen oder Beton müssen ersetzt werden. Dieser Bachabschnitt wird mit Holz ausgebessert. Das Wasserwirtschaftsamt in Weilheim nimmt das Projekt in Angriff. Drei bis vier Jahre sind dafür veranschlagt. Gestartet wurde im Juni. Die Kosten belaufen sich auf 1,9 Millionen Euro.

Früher gab‘s keine Bagger  - die Männer beförderten Holzstämme mit eigener Kraft 

Für die Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamts ist das Projekt etwas Besonderes. „Auch für uns ist das keine alltägliche Arbeit“, sagt Sachgebietsleiter Horst Hofmann. In der Hand hält er Bilder des Lahnegrabens. Alt sind sie. Fast 100 Jahre. Zu der Zeit arbeitete man noch ohne Bagger. Die Männer mussten die Holzstämme mit eigener Kraft befördern. Im Bach stapelten sie diese übereinander. Längs und quer. Am Schluss sah es aus, wie ein Kasten. Im Inneren befinden sich Hohlräume. Die werden mit Steinen gefüllt, damit das Ganze standfest ist.

Wie es später aussehen soll, erkennt man an den alten Holzkastensperren. Viel ist von ihnen nicht mehr zu sehen. Die Stämme zeigen sich nur von vorne. Der Rest ist mit Steinen bedeckt. Das Wasser fließt gleichmäßig darüber. Wie über Treppen im Flussbett. Genau so soll das später bei den neuen Konstrukten sein. „Das Holz bei den alten Kästen ist durch“, erklärt Richard Baur, stellvertretender Forstbetriebsleiter der Bayerischen Staatsforsten in Oberammergau. Die Staatsforsten wurden für das Projekt ins Boot geholt. Sie stellen das Material – die Bäume – vor Ort. Und zwar gratis. Im Fachjargon nennt man die Wildbachbauwerke Konsolidierungssperren. Zu einem sorgen sie dafür, dass das Wasser im Fluss langsamer fließt, zum anderen verhindern sie, dass der Bach sich eintieft und schließlich überfließt. „Es ist ein Erosionsschutz“, sagt Hofmann. Ebenso wie ein Hochwasserschutz.

Sogar die Nägel müssen selbst geschmiedet werden

Bei kurzzeitigen Stark- oder längeren intensiven Regenfällen kommt es im Lahnegraben schnell zu hohen Wasserpegeln. Unter anderem ist der Boden dafür verantwortlich. Der lässt nämlich kaum Nass durch. Dem Informationssystem „Alpine Naturgefahren“ zufolge soll der Lahnegraben zwischen 1906 und 2001 mehrfach zum Wildbach geworden sein. Schlimme Schäden waren die Folge. Auch Siedlungsbereiche in Grafenaschau wurden überflutet. Zudem wird das Geschiebepotenzial im Lahnegraben von Fachleuten als relativ hoch eingestuft. Beweis dafür sind Spuren und Ablagerungen, die auf Murengänge in der Vergangenheit schließen lassen.

Der Fluss ist also nicht ohne. „Das wussten schon unsere Vorfahren“, sagt Anton Mayr, Vorarbeiter der Flussmeisterstelle Oberau. Darum bauten sie die Kästen damals auch. Die Arbeiter müssen sich mit den alten Bauweisen auseinandersetzen, damit die neuen Konstrukte mindestens genauso lange halten. Die Nägel, die für die Befestigung der Baumstämme gebraucht werden, schmieden sie etwa selbst. „So große gibt es nicht zu kaufen“, erklärt Baur. Hofmann zufolge sind die Arbeiter für das Projekt Feuer und Flamme. „Alle sind mit Begeisterung dabei.“ Im Team sind zwar viele Zimmerer. Ein historisches Wildbachbauwerk haben sie jedoch noch nie gefertigt. Auch wenn das Konstrukt einfach aussieht, muss hier genauestens abgemessen werden. Kerben werden in die übereinanderliegenden Stämme geschlagen, damit diese richtig halten. Außerdem müssen sie genau ausgerichtet werden, damit das Wasser gleichmäßig über die Konstruktion läuft.

Bachverbauungen gibt es viele im Landkreis - nicht alle werden mit Holz ersetzt

Doch warum hat man sich eigentlich für die altmodischen Wildbachbauwerke entschieden? „Sie haben sich bewährt“, sagt Förster Klaus Steinberger. Im Landkreis gibt es noch mehr Bachverbauungen mit Holzkastensperren. In der Großen Laine in Oberammergau zum Beispiel oder am Kindelsbach in Bad Kohlgrub. Dort werden die Holzsperren jedoch mit Steinen verkleidete Betonsperren ersetzt. Die Bedingungen im Lahnegraben sind aber für das Holz ideal. Die Stämme können hier Jahrzehnte überdauern. „Solange sie gleichmäßig im Wasser liegen.“ Ein Wechsel zwischen Trocken und Nass wäre für die Stämme hingegen schädlich. Außerdem sind die Holzkästen eine ökologische Alternative. „Die Entsorgungsfrage fällt weg“, sagt er. Wenn die Stämme verrotten, ist das ein natürlicher Prozess. Bis in den Herbst soll an den neuen Wassersperren weitergebaut werden. Nach einer Winterpause geht’s im Frühling weiter.

Magdalena Kratzer

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