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Auf der „Showbühne der Politik“: Andreas Krahl bei einer Rede im Plenarsaal.

Seehauser zog vor einem Jahr in den Landtag ein

Grünen-Abgeordneter Andreas Krahl: Neues Leben auf der „Showbühne der Politik“ 

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Er arbeitet in der „Herzkammer der Demokratie“: Seit einem Jahr gehört Andreas Krahl aus Rieden dem Landtag an. Das Mandat hat seinen Alltag auf den Kopf gestellt. Ein Einblick in sein neues Leben, in dem Krahl Wert darauf legt, der Alte zu bleiben.

Seehausen– Seit vier Wochen trägt er Brille. Und er macht kein Geheimnis daraus: Drei, vier Kilo Gewicht kamen auch hinzu seit dem Vorjahresherbst, als Andreas Krahls Leben schier auf den Kopf gestellt wurde. Seitdem ist wenig, wie es einmal war. Unter anderem fehlt Krahl die Zeit, sich wie früher ausreichend zu bewegen, zu joggen und regelmäßig in die Berge zu gehen. Krahl hat Landtags- Pfunde zugelegt, man könnte auch sagen: Er hat nicht nur an politischem Gewicht gewonnen. Doch im Grunde hat sich der Mann aus Rieden in Seehausen äußerlich wenig verändert, seit er vor ziemlich genau einem Jahr in den Landtag eingezogen ist. Noch immer kommt er unangepasst daher, im Anti-Business-Look: in Jeans, Trachtenjoppe und bayerisch-internationalem Shirt. „Grantln is a Lifestyle“ prangt diesmal darauf. Einen Anzug, eine Krawatte? Besitzt Krahl nicht, wie vor einem Jahr auch. Und als der 30-Jährige vor ein paar Tagen ehemalige Kollegen in der Unfallklinik Murnau besuchte, sagte einer zu ihm: „Eigentlich hast Du Dich gar nicht verändert.“

Andreas Krahl hat im Hohen Haus offenbar die Bodenhaftung nicht verloren, und nach wie vor schwingt große Demut mit, wenn er über seine privilegierte Aufgabe spricht. „Ich fasse es immer noch als große Ehre auf, dass ich mit meinem beruflichen Hintergrund und in meinem Alter auf Landesebene Politik machen darf. Das ist kein 08/15-Job.“ Wer ihn nach seinem Beruf fragt, bekommt die Antwort, er sei „Krankenpfleger, allerdings habe ich zur Zeit eine etwas ausgelagerte Tätigkeit“. Krankenpfleger hat Krahl gelernt, damit identifizert er sich auch nach einem Jahr im Landtag noch.

Dabei fühlt er die tiefe Zäsur „definitiv“, die ihm der Wählerauftrag bescherte: „Mein Leben ist komplett anders.“ Krahl sieht „extrem viele positive Seiten“, wehmütige Momente bleiben indes nicht aus. „Manchmal wünsche ich mich auf meine Intensivstation zurück.“ Wenn er Kollegen besucht zum Beispiel. Oder wenn es „nicht so läuft, wie man es sich vorstellt“. Seine Grünen stellen mit 38 Mitgliedern nach der CSU, die mit den Freien Wähler die Regierung bildet, die zweitstärkste Fraktion. Krahl gehört der Opposition an – und erlebte schnell, was das heißt. Zur ersten Sitzung des Ausschusses für Gesundheit und Pflege brachte er, ein 29-jähriger Neu-Abgeordneter „voller Elan und Tatendrang“, gleich zwei Anträge mit. Reaktion der „Gegenseite: ein müdes Lächeln, ein Nein, Abstimmung, weiter geht’s“. Frust? „Man härtet relativ schnell ab“, sagt Krahl. Längst weiß er, wie’s läuft – auch, dass es ihm „zur höchsten Ehre gereicht, wenn man einen Antrag nach drei, vier Monaten zurückbekommt mit einem anderen Parteilogo darauf“. Das sei „das Los des Oppositionspolitikers“.

Andreas Krahl erhält anonyme Drohung per E-Mail: „Es kann nicht sein, dass wir Politiker uns einschüchtern lassen.“ 

Als solcher bringt es der Pflegepolitische Sprecher und Sprecher für Seniorenpolitik der Landtags-Grünen, der nahe am Maximilianeum ein Büro mit Schlafcouch hat und ansonsten mit dem Zug pendelt, auf 100- bis 120-Stunden-Wochen. Neben der parlamentarischen Arbeit mit drei Sitzungstagen sowie dem Vor- und Nachbereiten stehen Aufgaben im Stimmkreis, in seinen Betreuungsstimmkreisen Mühldorf und Altötting sowie Fachtermine an, für die er durch ganz Bayern tingelt. Man sei als Abgeordneter „schon seines Glückes Schmied“, sagt er zum Grad der Belastung. Krahl, der aus dem Bayerischen Wald stammt, will sich später weder von anderen noch vom eigenen Gewissen nachsagen lassen, ein vielgescholtenes Politikerleben geführt zu haben. Beschaulich-stressfrei dürfte es jedenfalls nicht sein. Alle paar Minuten meldet sein vibrierendes Smartphone den Eingang einer Nachricht – 100 bis 120 täglich kommen zusammen. Wann auch immer seine politische Karriere enden wird: „Als Erstes werde ich sämtliche Social-Media-Kanäle auf Eis legen und das Handy verbannen“, sagt der Seehauser. Er ertappt sich mittlerweile selbst dabei, dass er auf einem Berggipfel, eigentlich sein Rückzugsort schlechthin, nicht mehr wie früher zwei Fotos und dann Brotzeit macht, sondern nach den Bildern schnell den E-Mail-Posteingang checkt. Nicht alle, die ihm schreiben, sind ihm gewogen. Da ergeht es ihm nicht anders als den Parteikollegen Cem Özdemir und Claudia Roth. Vor einem Bierzelt-Auftritt des Grünen-Parteichefs Robert Habeck in Peißenberg erreichte Krahl eine anonyme Drohung: Er solle aufpassen, ob er morgen noch aufwache. Krahl wandte sich an die Polizei. „Es kann nicht sein, dass wir Politiker uns einschüchtern lassen.“

Immer wieder werden Mandatsträger Opfer von Hass und Hetze im Internet. Dennoch bedient Krahl Facebook und Instagram: um seine Arbeit zu dokumentieren, Transparenz zu schaffen – und um der rechtspopulistischen AfD nicht dieses Feld zu überlassen. Diese ist wie Krahl 2018 in den Landtag eingezogen. Ihr Gebahren, ihr Vokabular im Hohen Haus – all das findet Krahl „traurig und beschämend. Die AfD zieht alles, was Demokratie und Parlament ausmacht, in den Schmutz“.

Den 30-Jährigen lässt es nach wie vor nicht kalt, an höchster Stelle für Demokratie und seine Überzeugung stehen zu dürfen. Krahl gilt als versierter Rhetoriker, Reden über sein Fachgebiet hält er problemlos aus dem Stegreif. Wenn er aber im Plenarsaal ans Mikrofon tritt – bislang war das viermal der Fall –, dann setzt er auf eine akribische Vorbereitung. Vor seinem Debüt im späten Frühjahr schlotterten ihm gewaltig die Knie, Krahl kam sich vor wie am ersten Tag als MdL. „Das ist schon ein besonders Gefühl, wenn man in der Herzkammer der Demokratie sprechen darf. Obwohl dort auch nur mit Wasser gewaschen wird.“ Den Plenarsaal nennt Krahl „die Showbühne der Politik“. Die wirkliche, effektive Arbeit werde in den Ausschüssen geleistet.

In der Grünen-Fraktion gehört Andreas Krahl zu den Trachten-Exoten     

Andreas Krahl ist angekommen in der Landespolitik. vertritt den „wahrscheinlich schönsten Stimmkreis Bayerns“. In der Grünen-Fraktion besetzt er mit Hans Urban (Eurasburg) die Nische der Trachten-Exoten. Krahl fühlt sich bei einer Leonhardifahrt genauso wohl wie beim Gebirgsschützenfest – und stößt damit auch in klassisches CSU-Milieu vor.

Ob er seine Mission langfristig anlegt, eine weitere Wahlperiode anstrebt, lässt Krahl offen. Er kann sich diesen Weg heute ebenso vorstellen wie eine Rückkehr in die Pflege. Noch habe er vier Jahre Zeit, „unsere Zukunft mitzugestalten, meinen kleinen, bescheidenen Anteil beizutragen – das ist etwas ganz Großartiges“, sagt Krahl. Seine Ziele: Als Abgeordneter möchte er etwas beisteuern zur „Lösung der Pflegekatastrophe, die auf uns zukommt“. Privat nimmt er sich jetzt, da er Routine in der Arbeit gewonnen hat, vor, wieder mehr Sport zu treiben. „Eine Alpspitz-Winterabfahrt wäre eine Geschichte.“ Davor steht ein achtstündiger Aufstieg mit Touren-Ski. Vor zwei Jahren, als Krahl noch Marathon lief, hätte das keine Hürde dargestellt. Doch das war in einem anderen Leben.


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