+
Fachkundiger Gast: Dr. Thomas Kurz vom Landesamt für Umwelt bei seinem Vortrag über Mobilfunk im Seehauser Gasthof Stern.

Kontroverse Debatte über 5G-Pilotanlage

Mobilfunk-Ausbau in Seehausen: Der Datenhunger wächst

  • schließen

Die in Seehausen installierte Pilotanlage für den neuen Mobilfunkstandard 5G erhitzt die Gemüter. Kritiker befürchten eine Gefahr für die Gesundheit. Im Rahmen eines Info-Abends verwies hingegen ein Vodafone-Vertreter auf die Notwendigkeit dieser Technik. Denn das Datenaufkommen steige.   

Seehausen – Unter den vielen, vielen Sätzen, die die Gäste in drei Stunden im Seehauser Gasthaus Stern sagten, stach genau einer heraus. Es war nur angemessen, dass ihn der wichtigste Mann des Abends, Dr. Thomas Kurz, servierte. Der Physiker arbeitet am Landesamt für Umwelt (LfU). Im Schneetreiben war er Dienstagabend von Hof nach Seehausen gefahren für einen Vortrag über Mobilfunk – das Thema, das viele Orte, auch Seehausen, spaltet. Die Unterstützer der Initiative „Stoppt 5G“ hatten ihn mit ihren Fragen gekitzelt, als Kurz einer von ihnen antwortete: „Wir alle haben mit unserem Verhalten dazu beigetragen, wie die Mobilfunk-Landschaft aussieht.“

Diese Aussage verschaffte ihm einen Moment der Zustimmung. Der Saal, natürlich ausgenommen der Eckemit 5G-Gegnern, applaudierte. Einige murmelten: „So ist es.“ Mit diesem einen Satz hatte der LfU-Angestellte ausgedrückt, was die meisten dachten. In diese Lage hat sich die Menschheit selbst hinein manövriert. Denn verzichten möchten die Wenigsten auf das mobile Internet.

Christian Schilling vom Mobilfunk-Konzern Vodafone legte direkt die passende Statistik nach: In jedem Jahr steigt die Datennutzung aller Kunden in Deutschland um 50 Prozent. Seine Tendenz: So dürfte es weitergehen. Auf der Suche nach dem Kern des Abends landete man ganz schnell bei der Staatsregierung sowie den Mobilfunk-Konzernen und ihren Argumenten, die sich ähneln.

Die andere Seite, die Stimme des Widerstands, hören die Seehauser nächste Woche am Donnerstag, 14. Februar, am selben Ort. Markus Hörmann (CSU), dem Bürgermeister, ging es bei seinem Treffen um Fakten. Seehausen sollte erfahren, wie die Technik funktioniert und was die Behörden zu sagen haben, zum Mobilfunk im Allgemeinen und zu 5G, dem neuen Standard für mobiles Internet und Telefonie.

2022 läuft der Vertrag mit Vodafone, geschlossen vor 20 Jahren, aus. Danach könnte die Gemeinde den Kontrakt für den Masten auf einer Wiese nahe Riedhausen kündigen. Wird sie – aller Voraussicht nach – nicht machen. Denn dann müsste sie den Konzernen neue Standorte anbieten. „Dieser Turm ist bis heute ein Vorzeigeprojekt“, betont Hörmann.

Nun hat Vodafone im Sommer die Voraussetzungen für die 5G-Technik installiert, ohne die Gemeinde zu informieren. Alles legitim, sagt Unternehmens-Sprecher Christian Schilling. Er stellt klar: „Wir verhandeln nicht, ob wir es machen oder nicht.“ 5G komme, weil es 5G brauche. Der Kunde ziehe immer mehr Daten. Vor allem Video-Streaming, also Fernsehen per Internet, verbrauche mehr und mehr. „Die Anlagen stoßen an ihre Kapazitätsgrenze.“ Noch reicht die Seehauser Anlage, eine der Pilotanlagen in Bezug auf 5G, aus. Bedarf für einen zusätzlichen Masten besteht in der Region „momentan nicht“, wie Schilling sagt.

Wie es denn um die Gefahren bestellt ist, wollten die meisten Gäste wissen. Schädlich oder nicht schädlich? „Ihre Erwartung kann man nicht erfüllen“, betont Experte Kurz recht früh. In seinen Ausführungen betrachtete er nur die thermische Wirkung der elektromagnetischen Strahlung. Sein Tenor vereinfacht dargestellt: Die großen Masten haben keinen Effekt auf den Menschen, weil sie die Körpertemperatur kaum erhöhen. Hingegen sorgen die Endgeräte, also die Smartphones, für 100 bis 1000 Mal so viel Strahlung. Wirklich besorgniserregend sieht er die Werte auch nicht. Doch ein Restrisiko für Kinder oder Dauernutzer besteht, weshalb die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Strahlung bereits 2011 als „möglicherweise krebserzeugend“ kategorisierte. Die 5G-Technik versorgt die Kunden gezielter. Beweise, dass sie schädlicher ist, gebe es Kurz zufolge keine. Bürgermeister Hörmann fasste treffend zusammen: „Mein eigenes Verhalten ist das wichtigste.“

Die Kritiker der Bürgerinitiative störten sich an Kurz’ Ausführungen. Arzt Miklós Takács fehlen Studien zur Auswirkung von 5G. Außerdem sah er die so genannten athermischen Effekte – darunter versteht man die Auswirkung auf die Biologie, etwa auf die Zellmembran – komplett vernachlässigt. Die internationale Strahlenschutz-Kommission ICNIRP ignoriere Studien dazu. Sie legt auch die Grenzwerte fest. „Es ist ein Skandal, dass diese Stimmen nichts wert sind“, betont Takács. Mit einem guten Gefühl verließ daher keiner den Saal – aber immerhin ein wenig klüger.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Corona-Krise: Murnaus Grüne legen dickes Antragspaket vor
Nicht kleckern, sondern klotzen: Das scheint das Motto der Murnauer Grünen zu sein, wenn es darum geht, die Corona-Krise vor Ort zu meistern. Sprecherin Veronika Jones …
Corona-Krise: Murnaus Grüne legen dickes Antragspaket vor
Ostern in Zeiten von Corona: Ministranten ratschen - anders, aber ohne Risiko
Es ist Tradition. Eine, an der viele Ministranten trotz Corona-Krise festhalten wollen. Deshalb haben sie Wege gefunden, wie sie doch ratschen können. 
Ostern in Zeiten von Corona: Ministranten ratschen - anders, aber ohne Risiko
Mittenwalder Kasernen-Leben in drei Schichten
Alles ist anders während der Corona-Krise - auch bei den Mittenwalder Gebirgsjägern. So hat das Soldatenleben bisher nicht ausgesehen.
Mittenwalder Kasernen-Leben in drei Schichten
Ostersegen „to go“ in der Corona-Zeit: Pfarrer weiht Speisen über Autofenster
Ostern in der Corona-Krise: Für die Weihe der Speisen hat sich Pfarrer Rudolf Scherer im Pfarrverband Bad Kohlgrub etwas überlegt: einen Ostersegen ohne Kirche und …
Ostersegen „to go“ in der Corona-Zeit: Pfarrer weiht Speisen über Autofenster

Kommentare