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Mission Trixi-Spiegel: Erfinder Ulrich Willburger zeigt zwei Exemplare unterschiedlicher Größe.

Erfindung des früheren Seehauser Bürgermeisters Ulrich Willburger

Tragödie gab den Anstoß: Trixi-Spiegel rettet Leben im Toten Winkel

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Immer wieder kostet der Tote Winkel von Bussen und Lkw Menschenleben. Seehausens früherer Bürgermeister Ulrich Willburger kämpft seit Jahrzehnten gegen dieses in seinen Augen vermeidbare Sterben – mit dem Trixi-Spiegel. Hinter seiner Erfindung steht eine Tragödie in der eigenen Familie.

Seehausen– Wie es der Zufall will: Als die Meldung von dem toten Kind vor einigen Tagen im Radio läuft, ist Ulrich Willburger gerade mit seiner Tochter Beatrix (38) im Auto unterwegs. Ein elfjähriger Radler wurde in München auf dem Heimweg von der Schule von einem Lkw überrollt und starb. Es ist das zweite Kind innerhalb eines Jahres, das in der Landeshauptstadt mit dem Rad verunglückte, weil ein Lastwagen-Fahrer es beim Abbiegen im Toten Winkel nicht gesehen hatte.

„Wenn ich so einen Unfall mitbekomme, wühlt das alles auf“, sagt Willburger. Er kann nachempfinden, was nach solch einer Tragödie hereinbricht über die Eltern, die Familie und die Freunde eines Kindes, das an einem ganz normalen Morgen mit dem Rad in die Schule fährt – und nie wieder nach Hause kommt. Seine Tochter Beatrix, damals 13 Jahre alt, überlebte 1994 nur mit viel Glück im Toten Winkel eines viele Tonnen schweren Betonmischers. Sie kam vom Murnauer Gymnasium, wollte die Reschkreuzung bei Grünlicht geradeaus überqueren, der Fahrer rechts abbiegen. Die Doppelzwillingsreifen des Lkw überrollten das Kind, das sich am Radlenker festklammerte, von der Hüfte bis zu den Knöcheln, sie zogen Beatrix mit um die Kurve. Als der Lenker sich in einen Reifen bohrte und diesen mit einem Knall zum Platzen brachte, wurden andere Autofahrer aufmerksam, sprangen vor den Betonmischer, um diesen zu stoppen. Der Mann am Lkw-Steuer hatte von der unfassbaren Tragödie nichts mitbekommen. Beatrix sitzt danach 14 Jahre im Rollstuhl, ein Bein ist gelähmt. „Ein halber Querschnitt“, sagt Ulrich Willburger. Die Tochter macht eine medizinische Odyssee durch. Nun, mit 38 Jahren, kommt die Astrophysikerin die meiste Zeit ohne Rollstuhl aus, hat mit einer Spezialschiene gehen gelernt. „Sie hat riesige Fortschritte gemacht“, sagt Willburger.

Trixi-Spiegel hat einfaches Prinzip: Der Lkw-Fahrer sieht sich und seine Umgebung

Doch eines ist klar: Dieser Unfall lässt den 70-Jährigen bis heute nicht los. Vor allem, weil das Prinzip sich ständig wiederholt – in einer anderen Stadt, mit einem anderen Kind. „Der Unfalltypus ist zum Kotzen“, sagt Willburger frei von der Leber weg. Er ergänzt: „Und er bringt so viel Leid mit sich.“

Dabei wären die Tragödien, die sich im Toten Winkel abspielen, in Willburgers Augen vermeidbar. Ein Gutachter brachte ihn einst in Rage: „Der hat behauptet, es handle sich um einen stereotypischen Unfall, der immer wieder passiert. Ich habe gesagt: Das akzeptiere ich nicht.“ Bei einem Versuch stellte Willburger 21 Kinder in den Toten Winkel eines Lkw – eine ganze Schulklasse. Rund ein Drittel wäre beim Anfahren überrollt worden. Ein paar Tage nach der Tragödie an der Reschkreuzung war für den technischen Kaufmann, der in Seehausen ein Unternehmen führt, die Idee für eine Lösung klar, „das ist ein ganz simples Prinzip“. Willburger erfand den Trixi-Spiegel, benannt nach seiner Tochter, und meldete diesen als Gebrauchsmuster an: einen konkav gewölbten, runden Spiegel, in dem der Lkw-Fahrer „die Chance hat, sich selbst zu sehen und alles, was um ihn herum ist“. Er kann, am Ampelmast montiert, Leben in den Toten Winkel bringen. Der erste hing an der Reschkreuzung.

Trixi-Spiegel: Viele glauben, dass eine günstige Lösung nichts taugen kann

Die Trixi-Spiegel verkaufte Willburger, je nach Größe, für um die 100 Mark – er möchte kein Geschäft damit machen. Der ehemalige Seehauser Bürgermeister verfolgt vielmehr eine Mission: Er will diese Unfälle verhindern und hat die Lebensretter „schon meterweise kostenlos verteilt“. Das Problem: „Er ist zu günstig, als dass er ernst genommen wird.“ Man geht davon aus: Was billig ist, kann nichts taugen. „Ein merkwürdiges Denken“, sagt Willburger. In Deutschland hängen seiner Schätzung nach „vielleicht 1000 Trixi-Spiegel“. Die kleine Schweiz hat „gut 3000“ aufgehängt. 100 sind im Vorarlberg zu finden, 100 wurden unter Bürgermeister Boris Johnson in London montiert. Im eigenen Land gilt Prophet Willburger offenbar weniger: Der Landkreis ist weitgehend Spiegel-Diaspora. In Garmisch-Partenkirchen, weiß der 70-Jährige, seien die Trixi-Spiegel immer wieder von Rowdys demoliert worden. „Es muss erst was passieren, dann hängt man sie wieder auf“, sagt Willburger sarkastisch.

Gemeinde Murnau will prüfen, ob und wo weitere Trixi-Spiegel sinnvoll sind

Murnau, Schauplatz des schrecklichen Unfalls vor 25 Jahren, hat nach Angaben von Rathaus-Sprecherin Nina Herweck-Bockhorni außer zwei Exemplaren an der Reschkreuzung „derzeit“ keine Trixi-Spiegel. Die Gemeinde werde mit den zuständigen Behörden prüfen, ob und wo eine Anbringung weiterer Spiegel Sinn mache, kündigt sie an. „Zudem werden wir besprechen, welche anderen Maßnahmen noch sinnvoll sein können, um die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer zu erhöhen.“

Willburger dürfte das Ergebnis mit Spannung abwarten. Er hat in all den Jahren jede Menge Ordner gefüllt: mit unzähligen Publikationen über seine Erfindung, Schriftverkehr mit Behördenvertretern, mit Politikern, mit Lkw-Herstellern. „Immer wieder herrscht große Aufregung, wenn es zu einem tödlichen Unfall kommt, und dann passiert nichts.“ Vor allem im zeitlichen Umfeld von Wahlen stellt er Aktionismus fest, der dann im Sande verläuft. Dabei sind Erhebungen zufolge viele Lkw-Fahrer froh über das Hilfsmittel. In Freiburg, das 2007 die Spiegel an 160 Ampelkreuzungen montierte, sank die Zahl der im Toten Winkel verunglückten Radler nach Medienberichten drastisch. „Ich finde fast überall ein positives Echo“, sagt Willburger. Auch Zuspruch von betroffenen Familien erhält er regelmäßig. „Das motiviert mich dann immer wieder.“

Die Stadt München will nach Willburgers Wissen nun 100 Spiegel montieren. Er wird seine Preisliste schicken.

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