Sitzt in Riedhausen: das Institut zur Fortbildung von Betriebsräten (IFB KG).
+
Sitzt in Riedhausen: das Institut zur Fortbildung von Betriebsräten (IFB KG).

Corona-Krise setzt Seminaranbieter massiv zu

„Verlustjahr“: Seehauser IFB streicht 35 Stellen

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    vonSilke Reinbold-Jandretzki
    schließen

Die Corona-Pandemie beschert dem Seehauser Institut zur Fortbildung von Betriebsräten ein Verlustjahr. Folge: Das Unternehmen will noch heuer 35 von 215 Stellen abbauen – über ein Freiwilligenprogramm. Erweiterungspläne liegen auf Eis. Für Seehausen bleibt die Negativ-Entwicklung nicht ohne Folgen.

  • Der Seehauser Seminaranbieter IFB leidet massiv unter den Auswirkungen der Corona-Rezession.
  • Nun gibt das Unternehmen bekannt, bis Jahresende 35 von 215 Stellen streichen zu wollen.
  • Geplant ist ein „Freiwilligenprogramm“. Für den Fall, dass dieses nicht zum Ziel führen sollte, schließt die Geschäftsleitung betriebsbedingte Kündigungen nicht aus.
  • Der Neubau, den das IFB für 2021 auf einer Wiese in Riedhausen geplant hat, liegt auf Eis.

Seehausen – Sabine Wolfgram redet nicht lange um den heißen Brei: Die Corona-Rezession habe das Unternehmen „schwer getroffen“, sagt das Mitglied der Geschäftsleitung des Instituts zur Fortbildung von Betriebsräten (IFB KG), das im Seehauser Ortsteil Riedhausen sitzt. So schwer, dass das IFB nicht nur seinen Wachstumskurs verlassen, sondern sogar den Rückwärtsgang einlegen muss. Der Betrieb will bis Jahresende 35 von 215 Stellen streichen – rund 16 Prozent. Dazu läuft ab sofort ein „Freiwilligenprogramm“, das Beschäftigten den Ausstieg „finanziell erleichtern“ soll, wie es in einer Mitteilung heißt. Dabei bietet man Mitarbeitern – „angesprochen sind alle“, erklärt Wolfgram – individuell ausgearbeitete Aufhebungsverträge an. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, in eine Transfergesellschaft zu wechseln. In dieser soll sich scheidendes Personal beruflich neu orientieren und qualifizieren können.

Stellenabbau bei IFB: Freiwilligenprogramm soll betriebsbedingte Kündigungen verhindern

Das Programm wurde der Belegschaft in der vergangenen Woche vorstellt. Wolfgram hofft, dass sich 35 Freiwillige finden. „Das wäre unser aller Wunsch – dann brauchen wir keine betriebsbedingten Kündigungen.“ Wird das Ziel verfehlt, könne sie diese „nicht ausschließen“. Der Abbau soll möglichst sozialverträglich erfolgen.

Das Programm haben Geschäftsführung und Betriebsrat in rund zweieinhalb Monate dauernden Verhandlungen ausgearbeitet, jeweils begleitet von Anwälten. Die Betriebsrats-Vorsitzende Anna Hackner spricht von einem „fairen Angebot“. Es habe „zwei Interessenlagen, aber auch ein gemeinsames Ziel“ gegeben: ein zukunftssicheres IFB. Die Verhandlungen nennt Hackner „hier und da hart in der Sache, aber fair im Umgang“. Die Entscheidung, Personal abzubauen, sei nicht leicht gewesen, „gerade für jemanden, der Betriebsräte schult“. Mit dem Unternehmen, das 2005 von Neu-Egling nach Seehausen gezogen ist, sei es über 30 Jahre nur bergauf gegangen. „Es ist nicht leicht, mit so einer Situation konfrontiert zu sein.“

IFB verbucht 2020 weit weniger als die Hälfte der geplanten Seminarteilnehmer

Die Corona-Krise mit zwei (Teil-)Lockdowns hat das Unternehmen, nach eigenen Angaben seit vielen Jahren Marktführer unter den privaten Bildungsanbietern für Betriebsräte und betriebliche Interessenvertreter, in diese schwierige Lage manövriert. Das IFB veranstaltet Seminare und Fachtagungen in über 170 Hotels in ganz Deutschland – und gehört damit zu einer Sparte, die Corona-Einschränkungen und gestrichene Dienstreisen im Mark trafen. Mit über 60 000 Teilnehmern hatte das IFB heuer insgesamt geplant, „weit weniger als die Hälfte sind es nun geworden“, sagt Wolfgram. Die Folge: massive Umsatzeinbrüche.. „Bis 2019 haben wir schwarze Zahlen geschrieben“, sagt Wolfgram. „2020 war eindeutig ein Verlustjahr.“ Dazu kommt eine wenig rosige Prognose: Die Verantwortlichen erwarten, dass die „Beeinträchtigungen“ 2021 noch für längere Zeit bestehen bleiben. Die Anmeldezahlen seien „nicht gerade ermutigend“.

Zunächst hatte man auf Stundenreduktion, den Abbau von Fremdleistungen, Kurzarbeit und einen Einstellungsstopp gesetzt. Das reichte nicht. Am Ende stand die Entscheidung, Stellen abzubauen. Und: Der Neubau, der für 2021 auf einer Wiese nördlich der Firma entstehen sollte, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

IFB ist einer der größten Gewerbesteuerzahler Seehausens

Wenn das IFB hustet, geht es Seehausen nicht gut. Die Firma ist, gemessen an der Mitarbeiterzahl, die größte im Dorf und „gehört zu unseren wichtigsten Gewerbesteuerzahlern“, bestätigt Bürgermeister Markus Hörmann (CSU). Entsprechend hart trifft die Gemeinde, bislang pekuniär eher auf Rosen gebettet, das Verlustjahr. Zumal viele weitere örtliche Betriebe in Branchen daheim sind, die in der Corona-Krise besonders leiden. 2020 sei finanziell „sehr, sehr schwierig, und ganz sicher auch 2021“, sagt Hörmann. Der Ertrag aus der Gewerbesteuer brach um etwa 70 Prozent ein, die Gemeinde erziele „rund zwei Millionen Euro weniger Einnahmen als geplant“. Von IFB-Inhaber Hans Schneider, der seine sozialen Verpflichtungen sehe, erfuhr Hörmann, dass dieser ab 2022 wieder mit Positivem rechne. Was sich heuer tut, der Jobabbau, findet er „schade – aber wir sind dankbar, dass das Unternehmen bei uns angesiedelt ist“. Die Firma sei in der Lage, Probleme in eigener Kompetenz zu lösen.

Die Leitung geht davon aus, dass man die Talsohle Anfang 2021 durchschreitet und sich danach Absatz und Umsatz „auf niedrigerem Niveau stabilisieren“. Mindestens zwei bis drei Jahre werde es dauern, bis sich der Bildungsmarkt von den Folgen der Corona-Krise erholt habe.

Unternehmens-Inhaber rechnet damit, dass Nachfrage nach Seminaren ab Mitte 2022 stark anzieht

2022 stehen in ganz Deutschland Betriebsratswahlen an. „Traditionell nehmen die Seminarbesuche im Vorfeld stark ab, so dass wir erst ab Mitte 2022 mit stark anziehenden Seminaren rechnen können“, sagt IFB-Gründer Schneider. Bis Mitte 2021 will die Firma einen Großteil der Schulungen auch in digitaler Form anbieten. Schneider zeigt sich zuversichtlich, rechtzeitig auf die Risikolage reagiert zu haben: „Das schnelle Wachstum der letzten Jahre mag durch Corona zwar gebrochen sein, aber wir sind davon überzeugt, dass es nach einer Durststrecke ab 2023 wieder bergauf gehen wird.“

Lesen Sie auch: Geplantes Seehauser Gewerbegebiet: Zufahrt über Kreisel an B 2?

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare