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Hat alles aufgehoben: Emil Reichmann mit dem Einstellungsschreiben samt Arbeitsvertrag, datiert auf den 30. Juli 1963.

Reaktionen nach Tipecska-Insolvenz

Aufstieg und Fall eines Musterbetriebs

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Das Familienunternehmen Tipecska prägte die Seehauser Ortsentwicklung, ist fester Teil der Dorfgeschichte – trotz des Umzugs vor rund fünf Jahren nach Obersöchering. Die Insolvenz des Maschinenbauers berührt daher die Menschen, vor allem die ehemaligen Mitarbeiter wie Emil Reichmann.

Seehausen – Wenn der Seehauser Emil Reichmann über seine Zeit bei Tipecska erzählt, fangen seine Augen an zu leuchten. Dann erinnert sich der rüstige Rentner, dem man seine 80 Jahre nicht ansieht, an viele Details: an die Leidenschaft für den Maschinenbau, an das hohe Qualitätsbewusstsein, an den Zusammenhalt und das gute Klima – und an das gemeinsame Weißwurstessen jeden Freitag. „Das war ein sehr sozialer Betrieb“, sagt der dreifache Großvater. Noch heute hütet er sein Einstellungsschreiben samt Arbeitsvertrag, datiert auf den 30. Juli 1963, wie einen Schatz.

Reichmann fing am einstigen Standort im Seehauser Ortsteil Riedhausen als technischer Zeichner und Detail-Konstrukteur an, war später für den Sondermaschinenbau zuständig. Er erstellte seine Pläne noch von Hand auf großen Zeichenbrettern. „Die Computer kamen erst, als ich gegangen bin“, berichtet der Senior. Fast 40 Jahre lang war er bei Tipecska beschäftigt – bis er 2000 in den verdienten Ruhestand ging. Er erlebte den Aufstieg eines Betriebs, der stetig wuchs, in moderne Maschinen und Personal investierte. Die Nachricht von der Pleite war für ihn ein Schock: „Das hat mir sehr weh getan.“ Er habe keinen Einblick mehr, könne aus der Ferne keine Diagnose abgeben, hoffe aber, dass Tipecska mit den rund 60 Mitarbeitern gerettet wird: „Das müsste zu schaffen sein.“

Der Familienbetrieb in dritter Generation, der auf eine fast 100-jährige Geschichte zurückblickt, galt als Musterbeispiel des florierenden Mittelstands. Doch offenbar lief doch nicht alles wie geschmiert. Der Spezialist für Feinmechanik, der jahrzehntelang bis 2012 in Riedhausen Am Fügsee beheimatet war und dann in ein neues Gebäude im Obersöcheringer Gewerbegebiet umsiedelte, musste Insolvenz anmelden. Die Hintergründe sind unklar. Die GmbH selbst – Eigentümer und Geschäftsführer sind die Brüder Christian und Géza Tipecska – wollte sich zuletzt dazu nicht äußern. Es hieß nur, dass ein Investor gesucht werde, um das Geschäft fortzuführen. Angeboten wird eine breite Palette an Produkten, angefangen bei Sondermaschinen bis hin zu Baugruppen wie Tablettierwerkzeuge, Mehrfachwerkzeuge und Bogentrenner.

Die Wurzeln des Unternehmens gehen zurück auf die 1920er Jahre: Géza Tipecska (1882 bis 1958) fing in München mit einem Labor für Metallanalyse und Werkstoffprüfung an. 1943 wurde der gesamte Betrieb, wie eine Historikerin herausfand, vom NS-Regime auf die Halbinsel Burg in Seehausen zwangsweise verlagert, um für die Rüstungsindustrie tätig zu sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte der Neuanfang, 1956 wurde der Firmensitz in Riedhausen bezogen. Dort entwickelte sich der Präzisionshersteller prächtig, wurde einer der wichtigsten Arbeitgeber in Seehausen und der Region.

Wieso Tipecska 2012 die Zelte abbrach, den Grund verkaufte und in den Nachbarlandkreis nach Obersöchering abwanderte, darüber kursieren im Ort diverse Spekulationen. Fakt ist: Riedhausen hatte sich bis dahin zu einem großen Wohn-Ortsteil entwickelt. „Das ist problematisch. Das ist kein wirkliches Gebiet für Industrie“, analysiert Altbürgermeister Ulrich Willburger (CSU), der die Probleme ständig mitbekam. Die Zufahrt war nicht für Schwerlastverkehr ausgelegt, die Expansionsmöglichkeiten waren begrenzt – und das Thema Lärmaufkommen war allgegenwärtig. Hinzu kam, dass Seehausen keine Gewerbefläche als Alternative anbieten konnte. Kein Wunder: Tipecska war nicht der einzige Produktionsbetrieb, der Riedhausen den Rücken zukehrte.

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