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Frau mit Überblick: Daniëlle Sijbranda zeigt in der Murnauer Bucht eine Übersicht über die Biberreviere am Staffelsee.

Mediatorin zwischen Mensch und Tier

Vermittlerin in heikler Mission: Das ist die neue Bibermanagerin des Landkreises

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Sie steht vor einer großen Aufgabe, die jede Menge Fallstricke birgt. Doch Daniëlle Sijbranda weiß auch, dass sie einen Beitrag dazu leisten kann, einem drängenden Problem die Brisanz zu nehmen. 

Riedhausen/Landkreis – Daniëlle Sijbranda kennt die Position, aus der sie den nicht ganz einfachen Fall am geschicktesten angeht. Sie hat sich vorgenommen, neutral und mit Ratio von oben auf die beiden Seiten zu blicken, die ihre Heimat teilen und miteinander auskommen sollen, sich das Leben aber nicht immer leicht machen. Sijbranda ist klar: Wer zwischen zwei Stühlen sitzt, läuft Gefahr, „in die eine oder andere Richtung gezogen zu werden. Und dann wird es schwierig“, sagt die Tierärztin. Das Landratsamt hat die Holländerin, die in Riedhausen lebt, mit einer heiklen Mission beauftragt. Sie soll – bildhaft umschrieben – helfen, eines der ganz besonders explosiven Wespennester in den Griff zu bekommen. Sijbranda ist die neue selbstständige Bibermanagerin des Landkreises und damit die Frau, die von Berufs wegen Kompromisse sucht, informiert und berät – eine Art Mediatorin zwischen Mensch und Tier mit ihren spezifischen Bedürfnissen. Eines darf sie dabei auf keinen Fall sein: Anwältin der einen oder anderen Partei. „Für mich wäre es super, wenn ich eine Rolle spielen könnte, um zu vermitteln. Das heißt nicht, dass ich jeden Biber und jedes Tierbaby schütze.“

Für Wildtiere, sagt Sijbranda, habe sie sich „immer schon interessiert“. Als sie 15 Jahre in Neuseeland lebte, machte sie ihren Master in Wildtiermedizin. Sie kontaktierte aus eigenen Stücken das Landratsamt, als die Nagerproblematik speziell am Staffelsee immer größer wurde; der Stein kam ins Rollen. Der Biber reizt die Expertin, die sich allerdings nicht in romantische Verklärungen versteigt. „Ich finde es faszinierend und super, dass so ein Tier hier lebt.“ Es sei auch etwas Besonderes, dass es sich so wohl fühle. „Aber ich sehe ganz sicher auch die Probleme. Wenn eine Entnahme sinnvoll ist, bin ich nicht diejenige, die sagt: Das kann man nicht tun.“ Andererseits höre man immer nur von Schäden, vergesse dabei die andere, die schöne Seite. Auch Feriengäste seien begeistert, wenn sie Biber sehen.

Der Biber gestaltet die Landschaft – und das macht manchen Menschen Angst

Doch das putzige Tierchen, das mittlerweile im ganzen Landkreis verbreitet ist, hat sich Feinde gemacht. Es vergreift sich an teilweise altem und wertvollem Baumbestand; der Biber kann dafür sorgen, dass Uferbereiche, Äcker, Wälder oder Wiesen überflutet werden, er kann wirtschaftlichen Schaden anrichten, und, wenn er an sensiblen Stellen zugange ist, die allgemeine Sicherheit gefährden. In der Region Murnau sieht mancher den Nager, der die Landschaft nach seinen Bedürfnissen gestaltet, als Bedrohung. „Es gibt die Angst, dass sich etwas ändert durch den Biber“, sagt Sijbranda. „Es wäre schön, wenn wir diese etwas verringern könnten.“

Speziell in Seehausen schlugen die Wogen hoch. Im Dorf und in anderen Gemeinden gestattete die Kreisverwaltung auch Entnahmen – also Tötungen – der streng geschützten Tiere. Diese sind ab 1. September wieder möglich. Peter Strohwasser, Leiter des Sachgebiets Natur und Umwelt der Behörde, deutet an, am Staffelsee „an die Grenze“ des Möglichen gegangen zu sein, das Ermessen mindestens ausgereizt zu haben. Er verschließt nicht die Augen vor dem Treiben des Bibers: Speziell auf der Insel Wörth könne man die Schäden „nicht gering schätzen“, räumt er ein. Sijbranda bestätigt: Der Baumbestand der Insel im Staffelsee sei „mit Abstand am schlimmsten betroffen“. Und sie versteht den Frust und den Ärger, der Einheimische bei diesem Anblick befällt: „Die Menschen haben eine emotionale Bindung zu ihrer Kulturlandschaft. Sie haben einen emotionalen Bezug zur Wörth und wie sie gestaltet ist. Und dann knabbern Biber an diesen Bäumen.“ Doch dies sei nach dem Gesetz noch kein offizieller Grund, das streng geschützte Tier zu entnehmen. „Das ist ein Missverständnis.“

Landkreis in der „stressigen Phase“

Mit Unwissenheit kann Sijbranda aufräumen. Ihre Aufgabe ist es zu informieren, „wie wir mit den Bibern leben können“. Sie soll verhindern, dass sich Ärger aufstaut, Betroffenen schnell als direkte Ansprechpartnerin dienen, diese beraten, ob und wie sie Entschädigungen aus einem entsprechenden Fonds erhalten können, und sie mit Prävention vertraut machen – etwa wie sie besondere Bäume mit Drahthosen schützen. Sijbranda wird das Verbreitungsgebiet untersuchen nach Stellen, an denen sich Schwierigkeiten ergeben können, und im Rahmen des Bibermanagements allgemein Tierbestände und Schäden dokumentieren. Aktuell holt das Landratsamt zudem eine Forstsachverständige ins Boot, die sich um die Waldschadens-Ermittlung und den Ausgleich in diesen Fällen kümmert. Die Kandidatin stehe fest, sagt Strohwasser. Die Personalie sei nur formal noch nicht in trockenen Tüchern.

Sijbranda geht davon aus, dass beim Biberbestand am Staffelsee bald eine Art Sättigungszustand eintritt, dieser also in absehbarer Zeit nicht mehr weiter wachsen wird. Etwa 14 belebte Reviere sind Sijbranda an dessen Ufern bekannt, zum Teil gehören mehrere Burgen dazu. Im übrigen Landkreis wird die Zahl der Biber ihrer Einschätzung nach die nächsten Jahre noch ansteigen, bis in allen Talschaften sämtliche Reviere besetzt sind. „Dann werden keine Tiere mehr dazukommen.“ Parallel dazu wird die Zahl der Tötungen zunehmen, die es bisher nur vereinzelt gab – daraus macht Strohwasser kein Geheimnis. Und er weiß auch: Der Landkreis befindet sich aktuell, da der Biber seinen Bestand aufbaut, „in der stressigsten Phase“. Eine Mediatorin kommt da wie gerufen.

Der Kontakt

Das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen vermittelt den Kontakt zu Bibermanagerin Daniëlle Sijbranda – unter der Nummer
08821/751330.

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