27.10.15; Schmölzersee, am Fuße des Kramer, Garmisch;
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Nur wenig Wasser führt der Schmölzersee in diesen Tagen. Über den zerklüfteten Untergrund läuft es ab. Ihn dicht zu bekommen, ist seit jeher eine Herausforderung.

Ein Weiher, sein Lochflicker und seine Bedeutung beim Krammertunnel-Bau

Der Schmölzersee, ein Symbol für Umweltschäden

Garmisch-Partenkirchen - Der Schmölzersee wurde zum Symbol für Umweltschäden im Kramermassiv. Ihn darauf zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. 

Eimer, Aktivlehm, Schaufel. Damit ist das Leck schnell gestopft. Bei Franz Lidl (73) sitzt jeder Handgriff. Er ist der Lochflicker vom Schmölzersee. Und Meister seines Fachs. „Um die 30 undichte Stellen“ hat er in den vergangenen Jahren bestimmt schon geschlossen, damit das Wasser nicht einfach abfließt und seine Fische Leben und Heimat verlieren. Aktuell aber droht genau das wieder. Denn der See läuft aus. Und Lidl sucht die Lecks.

Franz Lidl hat vor 45 Jahren den Schmölzersee gepachtet.

Normalerweise würde sich für die Flickschusterei des Garmisch-Partenkirchners – der ja eigentlich ein Eisenwarengeschäft besitzt und vor allem leidenschaftlicher Fischer ist – kaum einer interessieren. Normalerweise würde man sich in regenarmen Tagen wie diesen auch nicht über einen so auffallend niedrigen Wasserstand wundern, wie ihn der Weiher im Ortsteil Garmisch gerade aufweist. Wäre da nicht der Erkundungsstollen für den Kramertunnel. Durch ihn hat es der Schmölzersee zu regionaler Bekanntheit geschafft, wurde er doch zum Symbol für die Umweltschäden, die während der Bauarbeiten entstanden sind. Ihn aber darauf zu reduzieren, wird ihm weder gerecht noch entspricht es ganz der Wahrheit. Vergessen darf man nicht: Der Schmölzersee ist ein Stausee, künstlich entstanden. Und trocknete immer mal wieder aus.

See lief immer wieder aus

Einst diente er, in deutlich kleinerer Ausführung, Lidl zufolge als Wasserspeicher für die frühere Sensenschmiede, die 1800 am heutigen Hotel Sonnenbichl erbaut wurde. Um 1895 entstand der See in seiner heutigen Form – Hotelbesitzer Casper Bader wollte den Gästen eine Bademöglichkeit bieten. Doch der Stausee hatte seine Tücken, lief immer wieder aus. Etwa nach Sprengungen am nahe gelegenen Steinbruch, wenn sich erneut Gesteinsschichten verschoben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand der See laut Bund Naturschutz (BN) – bis Franz Lidl kam. 1970 pachtete er das Areal vom Forst, investierte „jede Menge Arbeit und Zeit“, um den See abzudichten, zu füllen und seine Fische anzusiedeln, lobt der Stellvertretende BN-Kreisvorsitzende Dr. Andreas Keller. Lidl ist also nicht nur der Flicker, sondern auch der Wiederbeleber des Schmölzersees. Und der Bewahrer.

Neue Löcher durch Sprengungen am Erkundungsstollen

Mit Aktivlehm stopft Franz Lidl die Löcher im Boden, die sich unter anderem durch Sprengungen ergeben.

Aktuell sucht er wieder Löcher im Boden. Im Sommer ist ihm aufgefallen, dass erneut Wasser über den zerklüfteten Untergrund abläuft. „Aber ich kann das Loch noch nicht finden.“ Deshalb hofft der 73-Jährige auf weiter trockene Witterung, damit der See das Leck freigibt und er mit Aktivlehm anrücken kann. Seit den Sprengungen für den Erkundungsstollen, die im Mai 2011 begannen, ist das wieder verstärkt nötig. Die Erschütterungen haben einmal mehr den Boden verändert. Lidl nimmt’s gelassen. Doch hätte er nichts dagegen, würde man den Schmölzersee ein für allemal abdichten. Darum drückt er dem BN die Daumen.

Bekanntlich kämpft der vor dem Verwaltungsgericht München dafür, dass das Staatliche Bauamt Weilheim die Umweltschäden im Kramermassiv beseitigen muss. Gewinnt der BN, „wär’ auch der See dicht“, vermutet Lidl. Er spricht als Pächter und Fischer. Als solcher interessiert ihn die zweite mögliche Klage des BN nicht so brennend. Wie berichtet, will sich dieser gegen ein geändertes Planfeststellungsverfahrens wehren und damit gegen eine neue Vorgehensweise: Die Bauherren planen, das Grundwasser kurzzeitig abzusenken, um mit dem Vortrieb des Erkundungsstollens voranzukommen. Lidl sieht das gelassen. „Wenn der See dicht ist, läuft er auch bei abgesenktem Grundwasserspiegel nicht leer.“ Der Zulauf über die Quellen reiche aus. Das Veto der Umweltschützer kommt prompt. Die geplante Variante „wäre das Ende des Schmölzersees“, prophezeit Axel Doering, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe.

Wichtige Hangquellmoore bedroht

Zwar kommt sogar ein Vollblut-Naturschützer wie er zu dem Urteil: Betrachtet man den See als künstlich erschaffenes Ausflugsziel, wäre es „schade“, würde er verschwinden. Eine umwelttechnische Katastrophe wäre es per se nicht. Aber. . . In den Augen des BN sind die für die Umwelt so wichtigen Quellen, die auch den See speisen, durch den Tunnelbau gefährdet und damit auch die einzigartigen Hangquellmoore.

Trocknet der Schmölzersee also aus, hat Lidl entweder schlicht ein Loch nicht geflickt. Oder ein irreparabler Umweltschaden bahnt sich an. So bleibt der Schmölzersee ein wichtiges Symbol – auch für die Kluft zwischen Tunnelbauern und Naturschützer.

Katharina Bromberger

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