Späte Reue in der Ausnüchterungs-Zelle

Mittenwald - Sie haben im Vollsuff übelst in Mittenwald randaliert. Nun bedauern die drei Isartaler ihre Gewaltorgie.

Die knapp 20 Stunden in der Ausnüchterungs-Zelle kommen ihnen vor wie eine Ewigkeit. Nur mit Unterhose und Socken bekleidet warten die drei Mittenwalder, dass sich das Gitter öffnet und sie endlich wieder frei sind. Und mit jedem Promill Alkohol weniger im Blut begreifen sie das Ausmaß ihrer beispiellosen Gewaltorgie, die sie in der Nacht zuvor in ihrem Heimatort angerichtet haben.

Sie fühlen sich mies - nicht nur wegen ihres Katers. Später sprechen sie in einem offenen Brief von „unsäglichem Verhalten“ und „inakzeptablen Handlungen“. Die Reue des Trios kommt spät. Mit gemischten Gefühlen sehen die jungen Männer ihrem Prozess entgegen. Zur Zeit ermittelt der Staatsanwalt wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Beamte, Beleidigung und Sachbeschädigung.

Zehn Tage nach dieser denkwürdigen Zechtour versucht Hans K. (Name von der Redaktion geändert) die Geschehnisse wie ein Puzzle zusammenzufügen. „Was hab’ ich bloß gemacht“, fragt sich der 21-Jährige seitdem nicht nur einmal. Mit seinen Freunden Jonas L. (22) und Peter S. (21/Namen geändert) beginnt der Abend mit je einer Flasche Wein. Diese wird auf einer Parkbank am Karwendelbad im Nu geleert. Dann geht’s weiter mit Schnaps. „Eine blöde Idee“, meint Hans K., „weil wir danach noch eine Flasche geholt haben“.

Der hochprozentige Wodka verfehlt seine Wirkung nicht. Und das bekommen bald Inhaber und Gäste eines Lokals an der Hochstraße zu spüren. Weil Peter S. gegen ein Schild läuft, wirft der es kurzerhand in eine Glasscheibe. „Dafür gibt es keinen Grund“, räumt der junge Vater später ein.

Von einer Bedienung zur Rede gestellt, beginnt sich die Spirale der Gewalt zu drehen. Ein Gast aus Siegen (43), der der Frau zu Hilfe eilt, erfährt dies als erstes am eigenen Leib. „Aus Diskutieren wurde Rumschubsen“, erinnert sich Hans K. Plötzlich lagen er und sein Kontrahent am Boden. Laut Polizeiangaben sollen die drei auf den Siegener eingedroschen haben. „Ihm geht’s glücklicherweise wieder gut“, berichtet Peter S.

Im Vollsuff werden sie gegen 22 Uhr von der Polizei gestellt. Gegen ihre Festnahme wehren sie sich mit Händen und Füßen. Wüste Beschimpfungen, Tritte und sogar Steinwürfe gegen die zwei Beamten folgen. Sie müssen Verstärkung aus Garmisch-Partenkirchen anfordern.

„Die Kollegen waren völlig konsterniert“, erinnert sich Mittenwalds Vize-Polizeichef Hubert Hohenleitner an den Morgen danach, als er in der Inspektion auf die Männer von der Nachtschicht traf. „Sie waren fix und fertig und einfach nur perplex, wie Menschen so außer Rand und Band geraten können“ - auch in der Ausnüchterungs-Zelle.

Dort müssen die drei volltrunkenen Nachtschwärmer in Handschellen schließlich getrennt werden. Peter S. wird sogar in die Dienststelle nach Garmisch-Partenkirchen verfrachtet. Das Entkleiden der Insassen geschehe dabei streng nach Vorschrift, stellt Hohenleitner klar. Denn in solchen Ausnahmesituationen müssten gerade Gewalttäter auch vor sich selbst geschützt werden.

Irgendwann nachdem Jonas L. die Toilette verstopft und damit die Zelle geflutet hat, kehrt Ruhe ein. Stunden später fühlen sich die drei wie geschlagene Hunde. Er sei schockiert, zu was er im Suff fähig ist, gesteht Hans K. „Warum?“, fragt sich auch Jonas L., „ich bin doch kein potenzieller Schläger“.

Inzwischen haben die drei den Gang nach Canossa bei allen Betroffenen angetreten. „Sie haben’s zur Kenntnis genommen, aber die Entschuldigung nicht akzeptiert“, meint Peter S. verschämt. Momentan meiden er und seine Freunde die Öffentlichkeit - und nach eigenem Bekunden auch den Schnaps. Das Geschehene könne nicht mehr rückgängig gemacht werden, bilanziert Jonas L., „aber wir müssen nach vorne schauen und dafür gerade stehen“. cs

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kommentare