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Gruppenbild mit einem Lakota: (v. l.) Raphael Mankau, Silvia Nestler-Mankau, Henry Red Cloud, Sabine Böhler und William Jervis.

Wirbel um Indianer-Abend in Murnau

Szene-Kennerin nennt Veranstalter einen "Plastikschamanen"

Murnau - Die Auseinandersetzung über den angeblichen Ausverkauf indianischer Kultur geht in die nächste Runde. Beteiligte der Europa-Tour des Lakota-Indianers Henry Red Cloud bestreiten, kommerzielle Interessen zu verfolgen. Es gibt jedoch Anzeichen, die das Gegenteil belegen.

Zum Hintergrund: Henry Red Cloud, Nachfahre des Lakota-Indianerhäuptlings Red Cloud, trat kürzlich vor rund 70 Besuchern im Murnauer Kultur- und Tagungszentrum (KTM) auf. Im Vorfeld hatte der Verein „Native American Association of Germany“ (NAAoG) massive Kritik am Veranstalter („Native American Medicine Academy“) geübt: „Die sogenannte ,Akademie‘ bietet indianische Zeremonien für Geld an, was von der Mehrheit der indianischen Völker massiv abgelehnt wird, da es ihre Glaubensüberzeugungen verletzt“, heißt es in der Presseerklärung, die die Erste Vereinsvorsitzende der NAAoG, Carmen Kwasny, verschickte (wir berichteten). Diese „Akademie“ habe sogar im direkten Zusammenhang mit der Tour den Besuch einer Schwitzhütte für Geld angeboten. Die Attacke zielt vor allem auf die angeblichen Gründer der „Akademie“, William Jervis und Sabine Böhler.

Henry Red Cloud und Jervis halten in einer von beiden unterzeichneten Pressemitteilung der „Native American Friends of Luxembourg“ dagegen. „Es wurden keine Schwitzhütten von uns mit Henry Red Cloud angeboten, und wir weisen diesen Vorwurf zurück.“ Dieser wurde in dieser Form von der NAAoG jedoch gar nicht erhoben. Diese erklärte lediglich, „dass im direkten Zusammenhang mit der Tour Schwitzhütten für Geld angeboten“ worden seien. Fest steht: Auf Facebook wurde die Teilnahme an einer „Schwitzhütte Crazy Horse & Black Elk“ angepriesen, die am 9. April in der Nähe von Nürnberg stattfinden sollte. Und zwar, wie es heißt, „für die Vorbereitung der Henry Red Cloud Tour und die Lakota-Projekte“. Kostenpunkt: 75 Euro. „Ein Teil des Geldes geht direkt nach South Dakota“, steht da. Anmelden konnte man sich bei Sabine Böhler. Unterzeichnet hatten die Facebook-Nachricht „Medicine turtle & Sunturtle woman“. So nennen sich Böhler und Jervis.

Bemerkenswert: In der Pressemitteilung von Henry Red Cloud und Jervis heißt es, dass eine Funktion der „Akademie“ sei, den Missbrauch von indianischen Zeremonien zu stoppen. Hierzu brachten die beiden auch ein Büchlein heraus.

Auf der Homepage der „Akademie“ kann man übrigens ein handgemachtes indianisches Duschbad namens „Holy Ghost“ für 30 Euro erwerben. „10 Euro von jeder Flasche gehen direkt in das Reservat Pine Ridge South Dakota“, heißt es.

Jervis wird auf der Esoterik-kritischen Homepage Psiram als „Plastikschamane“ bezeichnet. „Irgendwie lustig“ sei das, sagte er dazu dem Tagblatt. Er scheint das also nicht sonderlich ernst zu nehmen. Die NAAoG wirft ihm darüber hinaus vor, zu behaupten, ein Cherokee-Medizinmann zu sein. Doch bis jetzt habe er keinerlei Beweise dafür vorgelegt. Jervis sagt dazu: „Das ist uns egal.“

Auch Szenekennerin Kerstin Schmäling (Hohenthann-Schönau) äußert Kritik: „Das Hauptproblem ist, dass William Jervis sich als Cherokee-Medizinmann ausgibt, obwohl dies überhaupt nicht stimmt.“ Durch Henry Red Cloud werde ihm aber damit eine Art Legitimation verliehen, weil die Leute sich nicht vorstellen können, dass Henry sich mit so einem „Plastikschamanen“ einlässt. „Ich kenne Jervis noch aus Zeiten, als er bei der Stiftung Pfennigparade in München im Bärenkostüm herumgehüpft ist.“ Die Tour diene lediglich dazu, dieser Academy Glaubwürdigkeit zu verleihen, betont Schmäling.

Bemerkenswert: Im KTM, wo unter anderem Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) ein Grußwort sprach, wurde die Kritik nicht thematisiert, zumindest nicht in den ersten zweieinhalb Stunden. Die Debatte um die kommerzielle Ausschlachtung der Kultur amerikanischer Ureinwohner ist nicht neu. Bereits 1989 hatte sich der Ältestenrat der Lakota-Sioux öffentlich gegen den „Ausverkauf indianischer Spiritualität durch ,Plastik-Schamanen’“ gewandt.

Wie auch immer: Silvia Nestler-Mankau und Raphael Mankau, die den Murnauer Abend veranstalteten, konnten Henry Red Cloud am Ende einen Spendenerlös von 2240 Euro übergeben. Die Mittel sind als Hilfe für dessen Projekte im Lakota-Reservat Pine Ridge gedacht. Zu den lokalen Unterstützern der Veranstaltung zählte der ÖDP-Kreisverband.

Roland Lory

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