Wild und schön ist der Garten von Dieter Wieland in Uffing.
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Wild und schön ist der Garten von Dieter Wieland in Uffing.

Filmemacher hinterfragt moderne Entwicklungen

Steinlandschaften statt blühende Wiesen: Die Gärten des Grauens sind auf dem Vormarsch

Er hat einen sehr kritischen Blick auf die Gartengestaltungen aktuellen Zeit. Der Filmemacher und Autor Dieter Wieland aus Uffing hinterfragt moderne Entwicklungen. Warum braucht es beispielsweise tote Gärten umringt von Gabionen, also mit Stein gefüllte Gitterverschläge?

Uffing - Ja, gibt’s denn sowas? Unverschämtheit! Ein knallgelber Löwenzahn wagt es doch glatt, durch den sauberen, dichten Rollkies am Haus zu spitzen, dort wo einst eine blühende Wiese war, bevor gebaut und gestaltet wurde. Die Blume setzt einen Farbakzent ins scheinbar erwünschte Einheitsgrau. Ja, sie haben Kraft, die Pflanzen, sie wollen leben und schaffen es oft, größte Hindernisse zu überwinden.

Dieter Wieland tut zuerst nachdenklich. Tut, als ob er sich Sorgen um den Eigentümer macht. „Wenn ich an so einem versteinertem Garten ohne Blühen, ohne Jahreszeiten vorbeikomme, frage ich mich, wo hat er diesen Traum her, hat er bei den Pionieren gedient, ist er Ingenieur beim Gleisbau oder Straßenbau? Und wenn sich doch ein Grashalm aufmandelt? Wie bekommt er das je wieder in den Griff? Mit dicken Knieschonern, weil er nicht mehr anders Unkraut zupfen kann? Oder gar mit Gift?“

Kalt und abweisend: Ein mit Gitterzaun und Gabionen gestalteter Garten. F.: F. Weigand

Dann beginnt Wieland zu schmunzeln. Man merkt es dem bekannten Filmemacher und Autor an, dass er es mit der harten Kritik, für die er einst bekannt geworden war, auch heute noch nicht lassen kann. Alles unterliege in gewisser Weise einer Mode, sagt der 84-Jährige. „Auch bei Schuhen, Hosen und Röcken – und nicht jedermann mag es.“ Einzige Sicherheit sei, dass es sich wieder ändert. Aber bei der Bekleidung geht es leichter als bei Bausünden. Verstehen kann er es persönlich nicht, wenn er solch kalte, abweisende Gärten sieht. Wahrscheinlich geht es um Sauberkeit und Prestige, vermutet er. Und darum vielleicht, vor bösen Überraschungen aus der Erde in Form eines Maulwurfangriffs geschützt zu sein. Er zwinkert. „Aber eine wirkliche Erklärung habe ich nicht. Da könnte man doch gleich im siebten Stock in der Stadt bleiben. Warum dann raus aufs Land?“

Entwicklungen nehmen teils seltsame Züge an

Die Entwicklungen nehmen für seinen Geschmack teils seltsame Züge an. Mähroboter, Rollkies, kleine Pseudo-Zen-Gärtchen, die nicht im Entferntesten an die Originale in Japan heranreichen, Gabionen, also mit Stein gefüllte Gitterverschläge, die aus der Bauwirtschaft kommen und nackt und abweisend vor den Häusern stehen, wie Festungen. Oft eine Ausgeburt an Scheußlichkeit – für sein Empfinden. „Warum wird so etwas erlaubt? Was ist da übersehen worden? Schöne Mauern sind hingegen längst verboten?“, sagt er – und wundert sich. „Was soll daran noch ästhetisch und naturverträglich sein? Wenn im Garten keine Vögel und Insekten mehr sein dürfen, denen ich Lebensraum biete und an denen ich mich erfreuen kann, dann weiß ich nicht mehr, was das für ein Naturverständnis ist.“

In seinem Garten am Haus in Uffing wachsen Blumen, Sträucher und Bäume, dass es eine wahre Freude ist. Alte Kriachalbäume, Kornelkirschen, Schneebälle, Holler, Zauber- und Haselnuss – alle groß und nicht in Zaum gehalten. Neben den Regenfässern sprießen Goldnesseln, Lichtnelken und Vergissmeinnicht hervor. Hummeln und Bienen machen sich eifrig daran zu schaffen. Alles darf wachsen, alles hat seine Berechtigung. Es sieht aus wie in einem Bilderbuch, vielleicht ein bisschen zu wild und arbeitsreich für manchen, aber wunderschön.

Wieland kämpft seit Jahrzehnten für den Erhalt alter bäuerlicher Strukturen

Jahrzehntelang hat Wieland für den Erhalt alter bäuerlicher Strukturen und denkmalgeschützter Häuser gekämpft, sich gegen den Einzug von Kälte, Sterilität und vermeintlich praktischer Moderne in den Dörfern ge-stemmt. Das, was er damals prophezeit hat, ist oft eingetreten. Mit wenig Aufwand ein Maximum an Scheußlichkeit erzeugen, davor warnte er einst in seinem Film „Unser Dorf soll hässlich werden“. Steril, sauber, modern und – tot. Kein Leben mehr, weder auf den Straßen noch in den Gärten. Alles zerstört und pflegeleicht gestaltet, das, was die alten Handwerker noch mit viel Liebe zum Detail und mit wenig finanzieller Ausstattung an Schönem geschaffen haben, unwiederbringlich kaputt.

Die Frage, ob sich sein Einsatz gelohnt hat, kann er weder mit einem klaren Ja noch mit einem klaren Nein beantworten. Wenn er sich viele Entwicklungen ansieht, dann Nein. Wenn er auch jetzt noch mit seinem enormen Fachwissen zu Rate gezogen wird, wenn es um den Erhalt alter Häuser oder die Ausweisung von Schutzgebieten geht, dann Ja. Erst vor kurzem ist Wieland, der mit seinen kritischen Filmen, Büchern und Ausstellungen so manchen Engstirnigen und Profitbesessenen vor die Stirn gestoßen hat, bei Kurzfilmfestivals in Oberhausen (Ruhrgebiet) und in Bamberg eingeladen worden. Das freut ihn. Das gibt ihm das Gefühl, dass seine Arbeit nicht umsonst war, dass er doch viele Menschen zum Nachdenken gebracht hat. Einige immer noch sehr aktuelle Filme wie zum Beispiel „Die Kunst, ein kleines Haus zu bauen“ werden in der BR-Mediathek unter br.de/wieland gezeigt. VON MICHAELA SPERER

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