Frauen gehen mit der Motorsäge durch einen Wald
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Frauen an die Motorsäge: Die acht Plätze waren so schnell vergeben, dass die Macher für 2021 gleich zwei weitere Kurse planen.

Kursplätze waren schnell vergeben

Von wegen Männerdomäne: Frauen testen sich an der Motorsäge

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Waldarbeit ist Männersache. Doch stimmt das noch? Der Bayerische Bauernverband bietet längst Motorsägenkurse für Frauen an. Ein Besuch in Uffing bei acht Frauen, die den Wald weiblicher machen.

Uffing – Nach exakt 70 Minuten hustet die Motorsäge das erste Mal. Sie braucht keine Medizin, sie hat auch kein Corona. Es ist ein gutes Zeichen. Bald läuft, röhrt und schneidet sie. In den 70 Minuten davor haben die acht Frauen, die sich nun um eine Fichte herum versammeln, schon in eine Kamera des Bayerischen Rundfunks (BR) gelacht, sie haben eine Marktlücke entdeckt – nämlich Kleidung für Holzfällerinnen. Sie haben eine Baumansprache gehalten, und sie haben von den gefürchteten alten Hasen gehört, die natürlich keine Hasen sind, sondern Männer. Und Männer haben an diesem Ort heute nichts verloren.

Der einzige Mann, der dabei sein darf, ist Johannes Unland. Er lernt den Motorsägen das Husten und den Frauen das Baumfällen. Unland gibt natürlich auch Kurse für Männer, von Murnau aus betreibt er seine Sägeschule, nur nicht an diesem Tag. Der Bayerische Bauernverband hat Sägetraining für Frauen angeboten, für Einsteigerinnen in diesem Fall. 150 Euro pro Frau. Die acht Plätze waren so schnell vergeben, dass die Macher für 2021 gleich zwei weitere Kurse planen. Der Wald wird weiblich. Das darf man festhalten.

„Was die Männer mit Muskeln machen, stellen die Frauen mit Technik an.

Johannes Unland

Männer werden nicht mit einem Monopol auf Motorsägen geboren. Das muss ihnen einmal jemand sagen, denn mancher denkt tatsächlich noch so. „Oft ist das eine Männerdomäne“, sagt Unland. „Frauen werden gar nicht richtig rangelassen.“ Wie komisch. Hier mal ein Vergleich. Eine ordentliche Motorsäge von Stihl wiegt etwa sechs Kilo. Kampfgewicht des aktuellen Siemens-Top-Staubsaugers VSQ5X1230 Extreme-Silence-Power: weniger extreme 5,8 Kilogramm. Und den sollen die Frauen ja auch in den zweiten Stock heben. Man sieht schon: Am Gewicht der Motorsäge wird keine scheitern. „Was die Männer mit Muskeln machen, stellen die Frauen mit Technik an“, sagt Unland. Der Mann muss es wissen. Er hat genug gemischte Kurse angeboten, meistens weiterführende, und da hat er regelmäßig beobachtet, wie die Frauen die Männer am zweiten, dritten Tag überholen. Sie wollen das Prinzip verstehen. „Vielleicht ist das die sinnvollere Herangehensweise“, sagt Unland.

Silke Hartmann leitet das Revier Murnau-Nord mit den Bereichen Uffing, Seehausen und Spatzenhausen. Sie hat vor zwei Jahrzehnten Forstwissenschaft studiert. Als eine von acht Frauen unter 120 Männer. Das ist keine besonders gute Quote, nicht einmal sieben Prozent. Aber die Lage hat sich gebessert. Beim Amt für Ernährung und Landwirtschaft und Forsten in Weilheim, dem sie unterstellt ist, gebe es mittlerweile „relativ viele Frauen“, das fördert ein „sehr gutes Miteinander“. Bis in die 1970er Jahre verbot das Gesetz Frauen in ihrem Beruf. Das muss man sich einmal vorstellen. Deshalb nennt die 45-Jährige aus Welzheim (Baden-Württemberg) den Vorstoß des BBV auch „eine Herzensangelegenheit“. Sie hat selbst in der Jugend ihre erste Motorsäge husten lassen, später im Studium ein halbes Jahr mit Waldarbeitern gewerkelt. „Ganz viel Spaß“ habe das gemacht.

Frauenkurs aus gutem Grund

So geht es den meisten, die diesen Einsteigerkurs besuchen. Auch wenn ihre Motivation zunächst höchst unterschiedlich ist. Selbstständig wollen manche sein, eigenes Brennholz schneiden, andere dem Papa helfen, eine auch Freunde im Schwarzwald bei der Waldarbeit unterstützen. Am Anfang „habe ich so Bammel gehabt“, erzählt eine Teilnehmerin. Als die Frauen dann den Schutzhelm anprobieren, entfährt es dem Pulk: „Ist das geil.“ Diese Lockerheit gäbe es unter Männern nicht. Da sind sich die Organisatoren sicher. „Die Frau an sich ist nicht so selbstbewusst.“ Deshalb hat der Bauernverband den Kurs geschaffen. In Männergruppen hat Unland erlebt, wie manche ganz uncharmant fragten: „Wos wui denn de do?“ Sein Bairisch ist kein reines. Alle lachen trotzdem, oder gerade deshalb, weil hier ein „Preiß“ die Männer imitiert, die er alte Hasen schimpft und die die Revolution im Wald verhindern. Okay, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber Unland sagt auch ganz deutlich, dass er die Ansichten dieser Leute für „völligen Blödsinn“ hält.

Tipps vom Kursleiter: Johannes Unland von der Sägeschule Murnau mit Silvia Rothmann.

Worin unterscheiden sich denn nun Mann und Frau? Das beginnt bei grundlegenden Dingen wie der Fallkerbe, die die Fallrichtung des Baumes bestimmt. „Männer machen da: Hau ruck und hin und her“, scherzt Unland, auch wenn die Darstellung natürlich etwas übertrieben ist. Frauen agieren mit Köpfchen, fragen notfalls einmal öfter nach vor dem waagrechten Sohlenschnitt. „Das fragt kein Mann – der probiert lieber 20 Mal.“

Silvia Rothmann aus Uffing ist die Erste an der Säge. Es läuft gut. Die Maschine kreischt, die Späne wirbeln, aber dann möchte sie doch wissen, ob man bei diesem Schnitt „wirklich auf sich zusägt“. Ja, heißt es. „Ist ja der Baum dazwischen“, antwortet Unland, und alle lachen. Bald fängt es zu regnen an. Richtig dicke Tropfen, die auf den Helmen tanzen und sich in den Hosen sammeln. Sie hören nicht auf. Am Ende liegen acht Bäume auf dem Waldboden. Und die Motorsäge schweigt.

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