Prägte Uffings Kirchplatz und das Dorfbild: die stattliche Linde am Kirchplatz, vom Unwetter zerstört.
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Prägte Uffings Kirchplatz und das Dorfbild: die stattliche Linde am Kirchplatz, vom Unwetter zerstört.

Unwetter wüten seit Tagen

Gewitter-Superzelle knickt Baum mitten im Dorf um wie Streichholz - Bürgermeister: „kriegsähnliche Zustände“

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    VonSilke Reinbold-Jandretzki
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Die verheerende Wucht einer Gewitter-Superzelle hat den Nordlandkreis getroffen. Vor allem in Uffing und Spatzenhausen hinterließ die Urgewalt von Starkregen, Sturm und Hagel Verwüstung.

Uffing/Spatzenhausen – Überall umgeknickte und entwurzelte Bäume, zerfetzte Maisfelder. Dachziegel liegen in Wiesen, ein Dixi-Klo bei Spatzenhausen wurde 150 Meter weit in ein Feld katapultiert, orkanartiger Sturm hat riesige Scheunentore regelrecht eingedrückt und in ein Waldstück zwischen Spatzenhausen und Obersöchering eine Schneise geschlagen: Eine Gewitter-Superzelle ist am späten Sonntagnachmittag mit riesiger Zerstörungskraft speziell über Uffing und Spatzenhausen gezogen, um dann im Kreis Weilheim-Schongau ihre volle Wucht zu entfalten.

Zurück blieben Schäden – und vor allem: ein Todesopfer aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Der 57-jährige erfahrene Forstwirt war Gast auf einer Jagd in einem Waldstück bei Eglfing, als das Unwetter ihn wohl überraschte. Er befand sich nach Einschätzungen der Polizei vermutlich in der Kanzel eines umstürzenden Hochstands, der offenbar von einer starken Böe erfasst und aus der Verankerung gerissen worden war. Jagdkollegen fanden den 57-Jährigen leblos unter dem umgeworfenen Hochstand. Nach dieser Tragödie ermittelt nun die Kripo Weilheim.

Unwetter im Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Noch Montagfrüh finden sich Hagelinseln vom Vorabend

Bereits am Samstag hatte ein massives Unwetter den nördlichen Landkreis heimgesucht, am Sonntag folgte das nächste, noch zerstörerischere. Am frühen Abend, sagt Murnaus Polizei-Chef Joachim Loy, habe es in Richtung Weilheim „nirgendwo mehr ein Durchkommen gegeben“. Neben der B2 hoben sich Montagfrüh noch weiße Inseln ab – Relikte des Hagels vom Vorabend. In manchen Dörfern wie Seehausen und Bad Bayersoien hielten im Kern umgeworfene Bäume, verstopfte Gullys und Wasser in Kellern die Feuerwehren auf Trab. Murnaus Kommandant Florian Krammer sprach angesichts der Kleinigkeiten in seinem Ort von „Peanuts im Vergleich zu anderen“.

Im gesamten Uffinger Gemeindegebiet fällt am Sonntag der Strom aus

Das waren im Landkreis vor allem Spatzenhausen und Uffing; dort ergaben sich fast apokalyptisch wirkende Szenen. Uffings Bürgermeister Andreas Weiß bekam gar den Eindruck von „kriegsähnlichen Zuständen“: Im gesamten Gemeindegebiet fiel am Sonntag der Strom aus, Telefone funktionierten nicht mehr, die Weiler Höldern, Kirnberg und Luketsried mussten gestern Mittag noch mit einer Notversorgung auskommen. Alles, was Beine hatte, stand mit Gerätschaften auf der Straße, säuberte Gullys, räumte Schmutz weg, verbaute Sandsäcke. Rund 50 Feuerwehr-Einsätze kamen am Wochenende in Uffing und im Ortsteil Schöffau zusammen, in etwa 30 Kellern stand Wasser. Schöffau hatte es bereits am Samstag heftig getroffen. Von den Hügeln strömten Wassermassen, gleichzeitig riss das Unwetter Laub von den Bäumen, die Gullys verstopften. Wasser bahnte sich seinen Weg über Lichtschächte, Außentreppen und Türen in Häuser. Landwirte rückten zum „Schneeräumen“ aus – so hoch stand teilweise Riesel auf der Straße.

Prägende Linde am Uffinger Kirchplatz fällt Unwetter zum Opfer

Sturm und Niederschläge setzten beiden Ortsteilen am Sonntag zu. Bäume blockierten Straßen, wiederum lief Wasser in Häuser. Auch die das Dorfbild prägende Linde an Uffings Kirchplatz, unter der am Vormittag noch die Musikkapelle gespielt hatte, ist seit Sonntagabend Geschichte: Der massive Sturm entwurzelte sie und ließ den Stamm brechen. „Dort ist es jetzt richtig leer“, sagt Weiß. Für ihn steht außer Frage, „dass wir dort wieder etwas machen werden“. Am Montag liefen Aufräumarbeiten – und Vorbereitungen für ein mögliches weiteres Unwetter. Sandsäcke wurden gestapelt, um den problematischen Graben Am Lindenfeld in Schöffau umleiten zu können.

Spatzenhauser Feuerwehr-Kommandant: „Wucht war außerordentlich“

Zweimal erwischten die extremen Unwetter am Wochenende auch Spatzenhausen mit Starkregen, Hagel und heftigem Sturm. „Am Samstag war eher Hofheim betroffen, am Sonntag Spatzenhausen“, sagt Feuerwehr-Kommandant Josef Miller. In Hofheim fiel unter anderem der Strom für mehrere Stunden aus. In Spatzenhausen legte der Sturm große Laubbäume an der B2 um, diverse weitere blockierten mehrere andere Straßen. Selbst der Weg zum Feuerwehrhaus Spatzenhausen war zunächst versperrt. Zwei alte Bäume, die das Ortsbild prägten, riss das Unwetter am Ortsausgang Richtung Eglfing um. „Die Wucht war außerordentlich“, sagt Miller. Da der Rettungsdienst gebunden war, begleiteten die Ehrenamtlichen zudem einen Notarzteinsatz zu einer im Dorf bekannten und beliebten älteren Spatzenhauserin. Die Reanimationsversuche blieben nach Angaben Millers jedoch ohne Erfolg. „Es waren fünf Leute dabei, für die das sehr belastend war.“

Unwetter: Trauer, Naturgewalten, Schäden, zerstörter Mais auf den Feldern

Auch Bezirks-, Kreis- und Ortsbäurin Christine Singer aus Hofheim setzte das Wochenende zu, allen voran bewegte sie der Todesfall im Dorf. Dazu kamen die Naturgewalten, die Schäden, zerstörter Mais auf den Feldern: „Ich habe noch nie so einen Orkan erlebt“, sagt sie. Ihre Hausfassade, schildert die stellvertretende Landesbäuerin, sei von querfliegenden Rieseln wie sandgestrahlt worden. Doch Singer blickt auch auf die verheerende Flut an der Ahr – diese Perspektive relativiert für sie vieles.

Auch am Montag haben Unwetter in der Region gewütet. Diesmal traf es vor allem das Ammertal.

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