Schutz: Impfen kann nach wie vor Leben retten. Foto: dpa

Umstrittener Impfkritiker zu Gast

Murnau - Der Naturheilverein Oberland gerät wegen eines Vortrags in die Kritik. Er organisiert für Dienstag (20 Uhr) einen Abend mit dem umstrittenen Impfgegner Hans Tolzin. Ort des Geschehens ist das Kultur- und Tagungszentrum Murnau. Der Arzt Dr. Peter Pommer hält Tolzins Kritik für „unwissenschaftlich und undifferenziert“.

Grundsätzlich ist Pommer, Chefarzt der Abteilung für Pneumologie am Gesundheitszentrum Oberammergau, der Meinung, dass man Impfungen differenziert sehen müsse. „Nicht alle sind gut, aber auch nicht alle schlecht.“ Krankheiten wie Kinderlähmung oder Pocken seien - entgegen anderer Theorien von Impfgegnern - durch Impfungen zurückgedrängt worden. „Auf der anderen Seite versucht nun die Pharmaindustrie an diesem prinzipiell erfolgreichen Konzept ohne Rücksicht auf Verluste Geld zu verdienen.“ Nicht alle neuen Impfungen vor allem im Erwachsenenbereich seien wirklich glaubwürdig wissenschaftlich belegt, denn die Studien machten die Konzerne selbst. „Das ist so, als würde sich jemand sein Zeugnis selbst schreiben“, erklärt Pommer. Die Kritik von Tolzin sei „aber leider unwissenschaftlich und undifferenziert. Schade dass die durchaus berechtigte Impfkritik bei dieser Veranstaltung nicht durch einen kritischen Experten vertreten wird, der auf der Basis der Wissenschaft steht und argumentiert.“

Beim Organisator kann man die Aufregung nicht verstehen. „Der Naturheilverein Oberland hat aufgrund vieler Mitgliedernachfragen zu diesem Thema Herrn Tolzin eingeladen“, teilt die Vorstandschaft auf Nachfrage mit. Jeder Erwachsene könne sich über das Thema auf allen Ebenen informieren und treffe somit eigenverantwortlich die Entscheidung.

Und Tolzin? Der gibt sich gelassen. „Ich will einfach nur sensibilisieren.“ Auf Pommers Kritik angesprochen, sagte er dem Tagblatt: „Solche Polemik bin ich gewohnt.“ Er wolle eine Diskussion anregen. „Es gibt viele Aspekte, die bei der Impfentscheidung zu beachten sind.“ Pommer dürfe gerne zu dem Vortrag kommen. „Ich bin offen für neue Erkenntnisse.“

Mediziner ist Tolzin nicht, sein ursprünglicher Beruf ist Organisationsprogrammierer, auch Molkereifachmann hat der 57-Jährige aus der Nähe von Stuttgart mal gelernt. Heute arbeitet er als Verleger, Autor und Journalist und zieht mit seinen Thesen über die „Tetanus-Lüge“ über die Lande. Der Impfkritiker hat es sogar schon mal ins „Morgenmagazin“ der ARD geschafft. „Tolzin nutzt die ihm gebotenen Foren gern“, schrieb die FAZ und wunderte sich: Die ARD-Moderatoren „widersprachen seinen medizinisch unhaltbaren Behauptungen nicht einmal“.

Tolzin bekennt sich laut FAZ zudem ausdrücklich zur „Germanischen Neuen Medizin“ (GNM) des „Arztes“ Dr. Ryke Geerd Hamer. Dem „Krebsheiler“ wurde schon vor langer Zeit die Approbation entzogen. Um die GNM gab es 2007 Wirbel in Murnau. Denn ein Heilpraktiker aus Steingaden wollte seinerzeit im Rahmen der Gesundheits- und Naturheiltage dafür werben. Organisator war ebenfalls der Naturheilverein Oberland. Er blies im Zuge der Tagblatt-Berichterstattung den Vortrag ab.

Pikant war: Hiesige Politiker hatten damals in Grußworten für die Naturheiltage geworben. 

Roland Lory

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