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Ein Abend, viele Problem-Themen in Mittenwald

Unangenehme Wahrheiten bei der Bürgerversammlung

Mittenwald - Viele Baustellen, wenig Geld. Da heißt es, Prioritäten setzen. Das hat der Mittenwalder Rathauschef Adolf Hornsteiner (CSU) getan – am Mittwochabend bei der Bürgerversammlung in der vollbesetzten TSV-Halle.

Zwei Stunden und 20 Minuten – dann war alles gesagt, zumindest das, was dem Mittenwalder Bürgermeister auf dem Herzen lag. Dass die vergangenen Monate an ihm gezehrt haben, daraus machte Adolf Hornsteiner am Mittwochabend bei der Bürgerversammlung in der gut gefüllten TSV-Halle keinen Hehl. Mehr noch: Er ließ sogar Anteil an seinem Seelenleben haben. „Das hat den Bürgermeister an die Grenze seiner körperlichen und geistigen Belastung gebracht.“ Davon merkte man an diesem Abend gar nichts mehr. Mit hieb- und stichfesten Argumenten und der ihm eigenen Süffisanz warb der zuletzt arg in die Kritik geratene Rathauschef für seine Politik. Diese hat glasklare Präferenzen: Erst ein neuer Veranstaltungssaal und eine Dreifach-Sporthalle und dann ein Hallenbad – vielleicht. Mit dieser unangenehmen Wahrheit zerstörte er die Illusionen einiger Bürger, die nochmals auf die Wichtigkeit des Schwimmbads aufmerksam machen wollten. Doch denen nahm der Bürgermeister sofort den Wind aus den Segeln. Würde die Gemeinde tatsächlich auf Biegen und Brechen eine neue Wellnessanlage bauen – das marode Karwendelbad schließt bekanntlich am 7. November nach 44 Jahren –, „würden wir uns den Spielraum für alle anderen Investitionen nehmen“.

Davon gibt es einige: beispielsweise die Bürgerhaus-Sanierung, der Erwerb des Standortverwaltungsgeländes (4,6 Hektar), die Realisierung eines zeitgemäßen Veranstaltungskomplexes und einer modernen Sporthalle. Darin enthalten ist noch nicht mal die mögliche Übernahme der Karwendelbahn. Deren Repräsentanten Wolfgang W. Reich und Patrick Kenntner saßen übrigens auch im Publikum. Die beiden mussten einen Generalangriff des Bürgermeisters über sich ergehen lassen (Bericht folgt). Zurück zum Schwimmbad: Was für ein Geldschlucker eine solche Einrichtung sein kann, versuchte Hornsteiner anhand von Zahlen zu verdeutlichen. Bei der bereits vorgestellten Variante auf dem sogenannten Nemayer-Areal rechnet die Kommune mit Baukosten von mindestens zehn Millionen Euro bei einer maximalen Bezuschussung von Seiten des Freistaats in Höhe von 500 000 Euro. Bei einem Projekt, das überwiegend über Kredite geschultert werden müsste, würden Mittenwald jährliche Finanzierungskosten (Schuldenabbau) von 475 000 Euro entstehen. Zugleich müsste ein Betriebskosten-Defizit von geschätzten 325 000 Euro ausgeglichen werden.


Das heißt: Der Steuerzahler dürfte per anno 800 000 Euro in das neue Bad pumpen. Ein teures Planschvergnügen. Alles möglich, so der Bürgermeister. Die Mehrkosten könnten etwa über eine massive Erhöhung (18 Prozent) der Grundsteuer B kompensiert werden. Das wiederum würde jeder Hausbesitzer deutlich zu spüren bekommen. Auch die Fakten beim noch bestehenden Karwendelbad sind geradezu frustrierend: Nach der Generalsanierung im Jahr 1989 registrierte man noch 90 000 Badbesucher. 1995 waren es nur noch 60 000. 2015 sackte diese Zahl auf 30 000 ab. Davon sind etwa 20 000 Einheimische. Mit anderen Worten: Die 12 000 Isartaler gingen im Vorjahr 1,5-mal ins Karwendelbad. Auch die Urlauber zeigen der totgeweihten Anlage die kalte Schulter. Zuletzt nutzten gerade einmal 7,3 Prozent der Gästekarten-Inhaber die Möglichkeit eines Gratisbesuchs. „Ist es da wirklich von entscheidender Bedeutung, ein Schwimmbad zu bauen?“, fragte Hornsteiner rhetorisch sein staunendes Publikum. Umso stärker fiel sein Plädoyer für einen „enorm wichtigen“ Veranstaltungssaal aus. Hier schwebt dem Bürgermeister eine Generalsanierung der altehrwürdigen TSV-Halle vor – geschätzte Kosten: 2,8 Millionen Euro, 60 Prozent davon können vom bayerischen Steuerzahler gefördert werden.

„Ein Baustein fehlt noch, und der wird immer negiert“, brachte der Rathauschef die Dreifach-Sporthalle (vier Millionen Euro/2,2 Millionen Euro Zuschuss) an der Mittelschule ins Spiel. Diese sei umso wichtiger, da vier Sechstel des Schulsports laut Lehrplan in einer Halle ausgeübt werden sollen. Nur ein Sechstel ist für Schwimmunterricht vorgesehen. Nicht zu vergessen die Vereine. Die benötigen pro Jahr 4000 Hallenstunden – derzeit in dem vorsintflutlichen Turnvater-Jahn- Gedächtnis-Gebäude des TSV und in der Einfach-Halle am Mauthweg. Angesichts dieser Tatsachen brauchen die Schwimmbad-Befürworter stichhaltige Argumente, falls sie tatsächlich einen Bürgerentscheid anstrengen wollen.

Christof  Schnürer

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