ein Steinadler
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War eine Augenweide: der Steinadler Luisa.

Tier wurde in Unterammergau entdeckt

Steinadler stirbt an Vergiftung: Jetzt wird ein „generelles Bleiverbot“ für Munition gefordert

  • Tanja Brinkmann
    vonTanja Brinkmann
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  • Manuela Schauer
    Manuela Schauer
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Alle hofften. Darauf, dass sich das Steinadler-Weibchen Luisa wieder von der Blei-Vergiftung erholt. Die Hoffnung war vergebens.

  • Spaziergänger entdecken auf einer Wiese an der Winterrodelbahn in Unterammergau einen Steinadler, der nicht mehr fliegen kann.
  • Zwei Männer der Feuerwehr und ein Berufsjäger retten den Greifvogel. Danach geht‘s für ihn zu Experten, die sich um den Patienten kümmern.
  • Das Tier hat seinen Überlebenskampf verloren.
  • Forderung nach Verbot von bleihaltiger Munition wird laut.

Update, 14. März, 15.50 Uhr: Luisa ist tot – zum Entsetzen von Tessy Lödermann, Vorsitzende des Tierschutzvereins im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, und Hans Joachim Fünfstück, Vorsitzender der Regionalgruppe Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau im Landesbund für Vogelschutz (LBV). „Schon wieder ist ein Steinadler tot“, klagt Lödermann. Krämpfe und Organversagen, verursacht durch eine massive Bleivergiftung, führten zum Ableben des stolzen Vogels, den Wanderer Anfang vergangener Woche bei Unterammergau entdeckt hatten.

Damit haben sich die schlimmsten Befürchtungen der Tierschützer bestätigt. Der Steinadler, der in einer Greifvogelstation in Sauerlach (Landkreis München) intensiv tierärztlich betreut worden war, ist an bleihaltiger Munition ganz elendig verendet. Diese hat das etwa fünf Jahre alte Weibchen wohl über Innereien, den so genannten Aufbruch, zu sich genommen, den Jäger nach dem Erlegen eines Schalenwildes an Ort und Stelle zurücklassen. Dieser wird dann von Greifvögeln wie Adlern, Bussarden und Milanen, aber auch Füchsen gefressen. Mit verheerenden Folgen.

Seit 1982 gibt es nachweislich 32 tote Steinadler im Landkreis

Seit Jahrzehnten weiß man Lödermann zufolge um die Giftigkeit von Bleimunition. Am Anfang der Diskussion sprachen tierschutzrechtliche Gründe, nämlich die nicht ausreichende Tötungswirkung, gegen die Verwendung von bleifreier Munition. Dieses Thema ist seit Jahren erledigt. In sieben Bundesländern darf bleihaltige Munition bereits nicht mehr verwendet werden. Und im Freistaat? „Auch wenn die Bayerischen Staatsforsten ab 1. April, mit einer Übergangsfrist von einem Jahr, alle Jäger in Gebirgsrevieren verpflichten, auf bleifreie Munition umzustellen, kommt dies für Luisa zu spät“, bedauert Lödermann. Sie ist nicht nur entsetzt, sondern auch sehr traurig, dass das Steinadler-Weibchen den Kampf um sein Leben verloren hat. „So viele haben zusammen geholfen, um es zu retten.“ Die Tierschützerin ist sich sicher, dass auch die Unterammergauer Feuerwehrmänner, die den Greifer von der S-Kurve der Winterrodelbahn zur weiteren Versorgung sicher ins Tal gebracht hatten, den Verlust bedauern.

Seit 1982 wurden im Landkreis Garmisch-Partenkirchen 32 tote Steinadler bekannt. Die Dunkelziffer dürfte laut Fünfstück weit höher sein. Bei 22 der aufgefundenen Tiere konnte die Todesursache nicht mehr festgestellt werden, zwei starben in Revierkämpfen, zwei wurden illegal erlegt und einer kam in einer Lawine ums Leben. Bei jetzt fünf Adlern konnte nachgewiesen werden, dass eine Bleivergiftung durch Jagdmunition für ihr Ableben verantwortlich ist. Zu diesem Ergebnis kamen die Experten, die Luisa zuletzt betreut haben. Um weitere Erkenntnisse zu erlangen, wird der Greifvogel noch am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin untersucht. „Das liefert der Wissenschaft weitere Fakten“, betont Fünfstück. Luisas Gesamtzustand deutete darauf hin, dass sie erst kurz vor ihrem Auffinden mit dem Blei in Kontakt gekommen ist. „Eventuell waren’s mehrere kleine Teile, deren Konzentration gleich ins Blut gelangt ist.“ Nachdem im Röntgenbild nichts Metallisches zu sehen war, vermutet der Experte, dass Luisa die Munitionsreste an sich wohl übers Gewölle, so genannte „Speiballen“, die aus unverdauten Resten der Beutetiere bestehen, wieder ausgeschieden hat.

LBV-Vorsitzender Fünfstück fordert „generelles Bleiverbot“

Allein die freiwillige Verpflichtung der Staatsforsten in Gebirgsrevieren auf Bleimunitionen verzichten zu wollen, geht Fünfstück nicht weit genug. „Steinadler haben einen sehr großen Aktionsradius und fliegen auch ins Alpenvorland“, betont er. Auch dort können sie wie weitere Greifvögel bleibelastete Jagdreste fressen und sich vergiften. Deshalb fordert er: „Ein generelles Bleiverbot in Bayern ist überfällig.“ Dem kann sich Lödermann nur anschließen.

Der Verlust des Weibchens schmerzt auch, wenn man den gesamten Bestand im Landkreis betrachtet. 20 geschlechtsreife Steinadler leben dem LBV zufolge aktuell in der Region. Im vergangenen Jahr schafften sie es nur, einen Jungvogel erfolgreich aufzuziehen, berichtetet Fünfstück. „Daher ist jeder einzelne Steinadler enorm wichtig.“

Update, 12. März, 18.02 Uhr: „Luisa“ hat ihren Kampf verloren. Der Steinadler ist tot, an seiner massiven Bleivergiftung gestorben. Alfred Aigner von der Greifvogel-Auffangstation in Sauerlach, der sich um das Tier kümmerte, hat am Freitag das Veterinäramt im Landkreis über das Ableben informiert.

„Schrecklich ist das“, sagt Tessy Lödermann, Leiterin des Tierheims in Garmisch-Partenkirchen. Sie und eine Mitarbeiterin waren an der Rettungsaktion beteiligt gewesen. Sie spricht von einem Prachtexemplar – mit einer Flügelspannweite von zwei Metern. Das etwa fünfjährige Weibchen „hätte vielleicht bald ein Junges aufziehen können“.


Update, 11. März, 17.15 Uhr: Unterammergau – Alfred Aigner hat sein Bestes gegeben. Alles versucht, um Luisa wieder aufzupäppeln. Doch der Zustand des Steinadlers stagniert. „Er ist noch nicht überm Berg“, sagt der Leiter der Greifvogelauffangstation in Sauerlach mit geknickter Stimme. Er kämpft weiter ums Überleben.

Am Montagnachmittag hatten Spaziergänger den Greifvogel auf einer Wiese an der Unterammergauer Winterrodelbahn entdeckt und den Notruf abgesetzt. Das circa fünfjährige Weibchen konnte nicht mehr fliegen. Die Experten vermuteten, dass eine Vergiftung dahintersteckt.

Steinadler hängt an der Infusion

Der Verdacht hat sich mittlerweile bestätigt. Der Greifvogel leidet nicht nur an einer erheblichen Entzündung im Körper. Die Ergebnisse aus dem Speziallabor zeigen auch, dass es sich um eine „ganz massive Bleivergiftung“ handelt, sagt Aigner. Das wirkt sich auf die Atmung aus. Er bekommt Sauerstoff, außerdem verkrampfen die Füße, schildert der erfahrene Falkner die Symptome. Inzwischen hat er den König der Lüfte wieder zu Spezialistin Dr. Heike Reball gebracht. „Er hängt jetzt an der Infusion“, wird nun ganz gezielt auf die Bleitoxikose behandelt.

Wie es dazu gekommen ist, darüber kann Aigner nur spekulieren. Vielleicht hat Luisa ein wundgeschossenes Tier oder den Aufbruch, also die Eingeweide eines erlegten Wilds, gefressen. Wie gut die Chancen stehen, dass der Steinadler überlebt? Aigner schweigt, stöhnt gequält, sagt nur: „Es ist ein schwerer Verlauf.“ Aber er hofft weiter. Denn das bescheinigt er der Patientin: Sie ist robust.

Erstmeldung:
Unterammergau – Von hinten pirschen sich Florian Schleicher und Martin Wallis an. Nähern sich langsam dem Greifvogel. Der bemerkt die beiden trotzdem, hüpft ein bisschen davon, kann aber nicht wegfliegen. Er ist verletzt. „Wir haben eine Decke drüber geworfen“, sagt Feuerwehrmann Schleicher, das Tier in eine Kiste gepackt und ins Tal gebracht. Mehr können sie nicht tun. Außer zu hoffen, dass der Steinadler wieder auf die Beine kommt.

Zwei Wanderer entdecken das Tier am Montagnachmittag gegen 14 Uhr auf der schneebedeckten Wiese auf Höhe der S-Kurve der Unterammergauer Winterrodelbahn. Sofort alarmieren sie die örtliche Feuerwehr und das Tierheim in Garmisch-Partenkirchen, das wiederum den Berufsjäger Wallis verständigt. Nur ein paar Minuten später kommen er und zwei Kameraden der Feuerwehr, neben Schleicher auch Bernhard Wiedl, bei dem Tier an und leiten die Rettungsaktion ein. Sie stoßen dabei auf Reifenspuren. Die Vermutung: Der Vogel ist auf dem gesperrten Forstweg mit einem Auto kollidiert.

Die geflügelte Patientin bekommt derzeit Infusionen.

Während Schleicher beim Notruf zuerst an einen Bussard denkt, wird er vor Ort eines Besseren belehrt. Ein „richtiges Viech“ braucht da seine Hilfe. „Ohne Jäger hätte ich nicht viel gemacht“, sagt er. „Ich weiß ja nicht, wie der Adler reagiert.“ Mit einem Greifvogel bekommen es die Einsatzkräfte ja eher selten zu tun. Wallis instruiert ihn. Nicht auf den Schnabel soll er achten, sondern auf die Fänge, die Beine. Die haben eine Druckkraft bis zu 700 Kilogramm, lernt er. Das Tier lässt seine Beute im Normalfall nur los, wenn es keinen Pulsschlag mehr fühlt. Schleicher hat Respekt, meistert aber seine Aufgabe. „Mit dem Jäger ist das gut gelaufen“, sagt er. Der tauft den Adler auf den Namen „Luis“. Später sollte daraus eine „Luisa“ werden.

Was genau passiert ist, weiß keiner

Am Feuerwehrhaus wartet bereits eine Mitarbeiterin von Tessy Lödermann, Leiterin des Tierheims und Vorsitzende des Tierschutzvereins im Landkreis. Sie bringt den Vogel zum Röntgen zu Dr. Hans Peter Saur nach Garmisch-Partenkirchen. Die Diagnose: nichts gebrochen. Weiter geht die Reise. Alfred Aigner, Leiter der Greifvogelauffangstation in Sauerlach (Landkreis München), fährt der Mitarbeiterin entgegen, nimmt den Verletzten mit und stellt schon mal fest: Es handelt sich um ein Weibchen, circa fünf Jahre alt. Umgehend bringt er es zu Dr. Heike Reball nach Unterhaching. Sie sei auf dem Gebiet „die Kapazität in Süddeutschland“, bescheinigt ihr der erfahrene Falkner.

Bis Dienstagnachmittag bleibt Luisa in der Obhut der Expertin. Der Steinadler kann weder stehen noch fliegen, liegt nur auf dem Ellbogen. „Wir haben erst an ein Anflugtrauma gedacht“, sagt Aigner. Also, dass der „ewig schöne Vogel“ mit einem Auto zusammengestoßen ist. Wie Tessy Lödermann berichtet, soll im Bereich der Rodelbahn ein Fahrzeug mit Nürnberger Kennzeichen gesehen worden sein. Die Zeichen deuten aber immer mehr auf eine Vergiftung hin. Vielleicht eine Kettenreaktion: Der Adler kam nicht mehr vom Fleck, und das Auto erfasste ihn. Was genau passiert ist, weiß keiner.

Stuhlproben ins Speziallabor geschickt

Der Zustand der geflügelten Patientin hat sich über Nacht nicht verschlechtert. Sie ist „ansprechbar“, gibt Laute von sich. Trotzdem schwebt sie nach wie vor in Lebensgefahr, betont Aigner, der im Jahr rund 200 Vögel aufnimmt. Der Greifer frisst nicht selbstständig. „Wir müssen den Schnabel öffnen.“ Neben Nahrung erhält er Infusionen und Medikamente. Wichtig sei, dass der Steinadler viel Kot ausscheidet, damit das Gift den Körper verlässt. Um welches es sich handelt – Blei (von der Jagdmunition) zählt laut Lödermann zu den häufigsten Todesursachen bei Adlern – ist noch unklar. Die Stuhlproben wurden aber bereits an ein Speziallabor geschickt. Aigner, der sich derweil um Luisa kümmert, rechnet mit einem Ergebnis am Dienstagabend oder im Laufe des Mittwochs.

In einer Kiste wird das verletzte Tier erst zum Röntgen und dann weiter zu den Experten gebracht.

Alle sind jetzt zum Warten verdonnert – die Retter vor Ort, Aigner und Lödermann. Alle bangen um das Leben der Patientin. „Wir hoffen, dass sie durchkommt“, betont die Tierheim-Leiterin, die den vorbildlichen Ablauf der gesamten Rettungsaktion heraushebt. Gewinnt Luisa ihren Kampf, wird sie nach ihrer Genesung in die Freiheit entlassen – und kann in Unterammergau wieder in die Lüfte steigen.

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