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Die Geistlichkeit waltet seines Amtes: Dekan Thomas Gröner spendet Ross und Reiter den Segen. 

Dieses Mal gab es eine verkürzte Strecke

Leonhardiritt in Unterammergau: Besucher und Teilnehmer trotzen dem Wetter

Er ist Tradition - und ein Besuchermagnet. Ob es regnet, schneit oder stürmt. Das war 2018 nicht anders. 

Unterammergau – Auf den alten Fotos des Unterammergauer Leonhardiritts wird es deutlich: Am letzten Oktoberwochenende ist jedes Wetter denkbar. Die Bilder zeigen Reiter in strahlender Spätherbstsonne wie im weißen Schneetreiben – oder sturmzerzaust wie im vergangenen Jahr. Ausgefallen ist der Ritt nur ein einziges Mal, wegen der Pferdegrippe. Vom Wetter, wie immer es sich gebärdet, lassen sich weder die Rosserer noch die Besucher abhalten. Zur nunmehr 55. Prozession zu Ehren des Heiligen Leonhard von Limoges ist der weiß-blaue Himmel am Sonntagmorgen im dichten Nebel verschwunden, es nieselt leicht. Das schreckt aber niemanden ab.

Aus allen Richtungen fahren Transporter zur Dorfmitte, um ihre wertvolle Fracht, die prachtvoll geschmückten Pferde, zu entladen. Es ist 9 Uhr. In der nächsten Dreiviertelstunde wird sich der Zug gruppieren und aufstellen. Aus Garmisch-Partenkirchen, Mittenwald und Krün kommen die ersten Reiter, die sich zum Kirchplatz aufmachen. Haben sie überlegt, wegen der unwirtlichen Wetterverhältnisse zu Hause zu bleiben? „Auf keinen Fall“, lautet die einhellige Antwort. Und wären sie enttäuscht, wenn nur wenige Zuschauer die Straßen säumen? Kopfschütteln allenthalben. Sie nehmen für sich selbst und die Pferde teil.

Georg Simon, Vorstandsmitglied und Kassenwart der Leonhardivereinigung Unterammergau und Umgebung, ist recht zuversichtlich. Wie viele Reiter dabei sein werden, weiß er nicht genau. „70 dürften’s schon werden, vielleicht aber auch mehr“, schätzt er. „Wer kommt, ist da.“ Die Ammertal-Gemeinden beteiligen sich am Ritt, aber auch Rottenbucher, Wildsteiger oder Schwangauer. Über die Zuschauerzahlen lässt sich nur schwer eine Prognose abgeben. Bei sehr gutem Wetter seien es schon um die 3000 gewesen, erzählt Simon. „Heute werden’s vielleicht 1000.“

Besucher aus Brasilien und Kanada vor Ort

Eine halbe Stunde später füllen sich die Straßenränder zunehmend. Ein munteres Damentrio aus dem Badischen strahlt vor freudiger Erwartung. Darunter ist Traudel Ernst. Sie kommt seit 64 Jahren nach Unterammergau, erzählt sie. Erst als Kind mit den Eltern, später mit der eigenen Familie und Freunden. Zum Leonhardiritt reist Ernst Jahr für Jahr mit einer großen Gruppe aus Baden an. Ein paar Schritte weiter steht Ana Maciel-Vogel. Die Brasilianerin hat nach Unterammergau geheiratet und lebt dort seit knapp einem Jahr. Sie mag die Menschen und die Landschaft, fühlt sich in der neuen Heimat wohl. Auch bei diesen Temperaturen? Sie strahlt und nickt. Beste Stimmung herrscht auch bei einer Gruppe von Kanadiern, die derzeit in Oberammergau Station machen. Was sie sich erwarten? Geschmückte Pferde, Einheimische, bayerische Tradition – und nicht zuletzt Bier, verraten sie.

Die schönsten Bilder vom Leonhardiritt in Unterammergau

Die Kirchenglocken läuten. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ein verheißungsvoller Trommelwirbel. Los geht’s! Dass die Finger klamm und die Füße kalt sind – Nebensache. Die schönen Tiere, die stolzen Reiter (darunter 25, meist junge Frauen), die schwungvoll aufspielenden Musikanten schaffen eine wunderbare Atmosphäre. In den Wagen sitzen die Geistlichkeit, die lokale Politprominenz (Landrat Anton Speer allerdings zieht es vor, zu Fuß mitzulaufen) und weitere Ehrengäste.

Wegen des Wetters wird die Prozession an diesem Sonntag verkürzt: Über die B 23 geht es bis zum Abzweig zur Kappelkirche, der ältesten Wallfahrtskirche in den Ammergauer Alpen, an der bei gutem Wetter die Heilige Messe mit Pferdesegnung stattfindet. Doch diesmal biegt die Kolonne vorher rechts ab und kehrt zum Dorf zurück. Dort angekommen werden die Pferde mit Weihwasser besprengt und gesegnet. Die Reiter nehmen ihre Hüte ab und bekreuzigen sich. Erstaunlich viele Besucher sind doch noch gekommen, die meisten bis zum Schluss geblieben. Am Dorfplatz spielen nun alle Kapellen gemeinsam auf, die Bayern-Hymne darf am Ende nicht fehlen. „Ihr braucht’s no lang net hoam gehn“, sagt der Landrat. In den Gasthäusern und dem Gastrozelt des Vereins gibt’s regionale Spezialitäten. Nur bis zum großen Festball heißt es noch Geduld bewahren. Statt am Abend des Leonhardiritts geht er heuer erst am kommenden Freitag über die Bühne. Wenn die Leute „den ganzen Tag auf den Füßen waren“, erklärt Simon, „sind sie abends einfach zu müde zum Tanzen.“ Schad’ wär’s drum.

Sabine Näher

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