Auch in Pradalunga wachte die Polizei über die Einhaltung der Ausgangssperre. Acht Wochen galt der Lockdown in Italien.

4500-Seelen-Ort bei Bergamo verzeichnete im März soviele Tote wie sonst in einem Jahr

Unterammergau spendet für Corona-Region Pradalunga in Norditalien

  • Ludwig Hutter
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Voller Sorge blickten Unterammergauer Bürger vor kurzem auf die Corona-Zahlen in Norditalien. Das hatte seinen Grund. 

Unterammergau – Jeder kennt sie noch, die schrecklichen Fernsehbilder von Bergamo in Norditalien, als ein nächtlicher Konvoi von Militärfahrzeugen die Corona-Toten abtransportierte, weil die örtlichen Friedhöfe überfüllt waren. Es gab Tage, da starben in Italien mehr Menschen an Covid-19 als in ganz China. Aktuell zählt man bisher rund 29 000 Todesopfer. 15 Kilometer von Bergamo entfernt liegt die 4500-Einwohner-Gemeinde Pradalunga. Dort starben im März 46 Einwohner, soviel wie normal in einem ganzen Jahr.

Mit großer Sorge nahmen diese Entwicklung Bürger von Unterammergau auf, denn zu der Gemeinde im Serianatal, 70 Kilometer von Mailand entfernt, hat man unterm Pürschling seit einigen Jahren eine zarte Freundschaft aufgebaut. Hintergrund ist die gemeinsame Geschichte der beiden Orte, denn sowohl Unterammergau, als auch Pradalunga haben Wurzeln in der Wetzsteinmacherei. Ist dieses traditionelle Handwerk im Ammertal nach dem Zweiten Weltkrieg zum Erliegen gekommen, so werden in Pradalunga (übersetzt „Wetzstein“) nach wie vor Natur-Wetz- und Abziehsteine für die unterschiedlichsten Zwecke hergestellt – rund 40 000 Stück pro Jahr.

Nächster Besuch im April geplant

Aufgrund derselben Tradition kam es in den vergangenen Jahren bereits zu Besuchen und Gegenbesuchen von Bayern und Italienern, die von der Bürgermeisterin Pradalungas, Natalina Valoti, im Herbst 2016 bei einem Urlaubsaufenthalt in Unterammergau angestoßen wurden. Im April sollte wieder ein Bus gen Norditalien starten, doch der Corona-Virus machte diesen Plan vorerst zunichte. Motoren der Verbindung sind im Pürschlingdorf Michael Spindler als Vorsitzender des Historischen Arbeitskreises sowie Nicoletta Mitterer, eine gebürtige Italienerin, die 1982 nach Unterammergau gekommen und dort verheiratet ist. Seit Beginn der Corona-Krise stehen Mitterer und Bürgermeisterin Valoti in ständigem Austausch. So ist Nicoletta in Bayern rundum informiert von Erzählungen Natalinas: „Pradalunga hat das Virus schwer getroffen. In manchen Familien sind gleich zwei Leute gestorben. Oder es fehlt auf einmal der Vater, und der Hauptverdienst ist weggebrochen.“

Plan: Erkrankte im Landkreis behandeln

Nicoletta Mitterer ließ die Sache keine Ruhe mehr; sie suchte nach Möglichkeiten, um zu helfen. Also sprach sie Landrat Anton Speer an, ob nicht die Möglichkeit bestünde, Covid-19-Erkrankte aus Norditalien in Kliniken in den Landkreis Garmisch-Partenkirchen zu behandeln. Speer nahm Kontakt zu Dr. Martin Dotzer, Koordinator der Kliniken, auf. Tatsächlich stand man nach Überwindung diverser bürokratischer Hürden in Italien kurz vor der Umsetzung dieses Plans. Schließlich verzichtete Rom auf die Unterstützung aus Deutschland. Man habe selbst genug Kapazitäten in Krankenhäusern, hieß es.

Bisher 5300 Euro Spenden eingegangen

Nicoletta Mitterer jedoch ließ nicht locker und überlegte sich eine andere Form, um helfen zu können – nämlich mit Spenden. Der Historische Arbeitskreis (HAK) schrieb seine Mitglieder an, man betrieb Mundpropaganda. Und dies löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus: 5300 Euro sind bisher zusammen gekommen. Größere Summen spendeten der HAK, die FDU, die FUZ (jeweils 500 Euro), die Vermieter (300 Euro) und die CSU (200 Euro). Hinzu kamen noch zwei Dutzend Einzelspenden von Bürgern. Nicoletta Mitterer berührt: „Ich bekam auch eine anonyme Spende, dabei lag ein Zettel, auf dem stand: Von Herzen alles Gute.“ Jeweils 500 Mundschutzmasken, die BRK-Geschäftsführer Klemens Reindl organisierte, spendeten Landrat Anton Speer und Ex-Bürgermeister Michael Gansler. Michael Spicker von der Firma Betamed steuerte 1000 Euro bei.

Die Situation in Pradalunga hat sich mittlerweile etwas entspannt, die Infektionen gehen zurück. Und Nicoletta Mitterer „ist glücklich und stolz, dass mein Dorf in dieser schweren Zeit eine kleine Hilfe für meine Landsleute beisteuern konnte.“

Wer spenden will,

kann dies weiter tun: Entweder über Nicoletta Mitterer (Klammweg 1), Michael Spindler (Hofstadelstraße 28) oder per Banküberweisung an IBAN

IT08 B 088 6953 3900 0000 0001 900

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