Auf drei Bildern wird ein Stahlturm Stück für Stück abgebaut.
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Der erste Klotz wird vom Turm gehoben (Bild links), damit beginnt der Abbau. Halbzeit (Bild Mitte) ist um etwa 9.45 Uhr. Metallbauer Bernhard Schindlbeck dreht die Schrauben aus dem Konstrukt. Was übrig bleibt, zeigt das Bild rechts: Der Fundament-Würfel muss bleiben. Er ist wegen der Statik in den Boden betoniert.

Nach wochenlangem Streit

Kunstprojekt ist Geschichte: Unterammergauer wollten Turm nicht haben - andere freuen sich schon auf ihn

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Er hat über Wochen für Diskussionen gesorgt. Sogar ein Bürgerbegehren stand im Raum. Nun ist der Turm von Unterammergau Geschichte. Ein Kunstprojekt, das jetzt auf Reisen geht. Interessenten waren auch schon da.

Unterammergau – Er hat die Hände gefaltet. Den Blick nach oben gerichtet. Wohl zum letzten Mal wird Andreas Klement so hoch gen Himmel schauen. Seine Augen haften an einen jungen Mann mit Schutzhelm und Hilti-Schlagbohrer in der Hand. Bernhard Schindlbeck löst die Schrauben. Bringt vier riesige Karabiner an Stahlketten an. Gibt dem Kranführer ein Zeichen. Dann hebt der erste Würfel ab. Der Anfang vom Ende des Kunstwerks mit Namen „Sichtung III“ in Unterammergau hat begonnen.

Fünf Metallbauer, zwei Lastwagenfahrer und ein Kranführer waren am Donnerstag nötig, um den 32,4 Meter hohen und 70,4 Tonnen schweren Stahlkoloss im Skulpturenpark der mSE-Kunsthalle abzubauen. In nur dreieinhalb Stunden war alles vorbei – um 11.21 Uhr ist der letzte Stahlwürfel des modularen Kunstwerks auf dem Lastwagen fixiert. Monatelange Diskussionen haben damit ihr Ende gefunden. Doch bedeutet es auch das Ende für eine Skulptur, die wahrlich das Zeug dazu gehabt hätte, das kleine Wahrzeichen Unterammergaus zu werden.

Turm von Unterammergau: „Hätte gut in dieses Gebiet, in diese Landschaft gepasst“

Davon ist Klement nach wie vor überzeugt. „Schade“, sagt der Direktor der Kunstplattform „Zott Artspace“, für die er auch als Kurator internationale Ausstellungen betreut. „Es hätte so gut zu Unterammergau gepasst. In dieses Gebiet, in diese Landschaft.“ Das sahen aber viele anders. Der Gemeinderat hat darüber hitzig diskutiert. Letztlich schmetterte er mit 12:2 einen Antrag des Bauherren auf Änderung des Bebauungsplans „Weiherfeld“ ab – die Zustimmung hätte den Fortbestand des Turms bedeutet. Sogar der erste Bürgerentscheid in der Geschichte Unterammergaus war greifbar nahe gerückt. Bis Christian Zott, Unternehmer und Besitzer des Gebäudekomplexes an der Kunsthalle, die Reißleine zog. Er will den Frieden im Dorf bewahren. Will nicht auf Biegen und Brechen das Kunstwerk stehen lassen, wenn es den Ort entzweien würde.

Feingefühl braucht Metallbauer Severin Lex beim Aufladen der Stahlwürfel auf den Lastwagen.

Nun muss Klement am Donnerstag zusehen, wie der Turm von den Künstler Hildegard Rasthofer und Christian Neumaier Meter für Meter abgetragen wird. Letzterer ist Geschäftsführer der gleichnamige Metallbau-Firma aus Forstern, die das Gebilde im Oktober 2019 aufgebaut hat und es jetzt wieder abtragen muss.

Abbau des 32,4 Meter großen Stahlturms läuft reibungslos

„Das funktioniert reibungslos“, sagt Metallbauer Schindlbeck. Der Fachmann war sich am Anfang unsicher. Noch nie ist der Turm so lange im Freien gestanden – fast ein Jahr. Er befürchtete, das Stahlkonstrukt könnte rosten. Die Schrauben zwicken, die Wände sich verziehen, doch das Kunstwerk steht wie ein Fels in der Brandung.

Die Demontage läuft wie geschmiert. Das Kunstwerk schrumpft von 32,4 auf gerade einmal 2,4 Meter – die erste „Stahlkube“, wie die Würfel genannt werden, bleibt stehen. Sie ist aus statischen Gründen in den Boden betoniert. „Theoretisch könnte der Turm also nochmals aufgebaut werden“, sagt Klement – allerdings schmunzelnd. Denn ob ein Wiederaufbau passieren wird, ist äußerst fraglich – zumindest in Unterammergau.

Die Unterammergauer wollen den Turm nicht haben, andere sehr wohl

Doch der Turm ist andernorts heiß begehrt. Noch am Dienstag ist ein Bürgermeister samt Delegation aus dem Frankenland nach Unterammergau gekommen, um sich das Kunstwerk vor dem Abbau anzusehen. „Sie könnten sich gut vorstellen, dass die Skulptur bei ihnen steht“, meint Klement.

Zudem ist die Schweizer Stadt Basel an der „Sichtung III“ interessiert. Sie würden es an einer Messe für Architektur und Gesang aufstellen. „Beides passt perfekt zum Kunstwerk.“ Schließlich ist der Turm nicht nur architektonisch interessant, sondern auch klangtechnisch bemerkenswert. „Jeder, der den Turm betritt, hört Schritte, Klopfen, den Wind, der durch die Öffnungen pfeift“, beschreibt Klement.

Stahlkonstrukt reist erst einmal von Unterammergau in die Oberpfalz

Doch die erste Reise führt das Kunstwerk voraussichtlich in die Oberpfalz. Im ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg soll der Turm im Frühjahr 2021 wieder aufgebaut werden. „Wir sind gerade im Gespräch“, sagt Klement. Der neue Platz wäre perfekt. „Die KZ-Gedenkstätte ist recht weit verzweigt. Vom Turm aus könnte dann die gesamte Anlage überblickt werden.“ Außerdem ist er hoch genug, um über die 13 bis 16 Meter hohen Bäume zu blicken.

Doch bis dahin fällt der Turm in einen kurzen Dornröschenschlaf. Zwei Lkw bringen die 13 Stahlkuben an einen Lagerplatz etwa 600 Meter von ihrem ehemaligen Standort entfernt. Dort werden sie zwischengelagert.

Resonanz von Gästen nach dem Turmbau 2019 „war überwältigend“

Damit ist ein Kapitel Kunstgeschichte in Unterammergau beendet, bevor es überhaupt richtig angefangen hat. Die Resonanz nach dem Turmbau 2019 zur Eröffnung der mSE-Kunsthalle, Restaurants und Hotels „war überwältigend“, erinnert sich Klement. Gäste lobten das begehbare Kunstwerk in höchsten Tönen. „Wir konnten mit ihm endlich auch jene erreichen, die sich sonst nichts aus Kunst machen“, sagt Klement. „Plötzlich stand da eine Skulptur, die erlebbar war.“ Der Turm wurde gesehen, bestiegen, gehört.

Bis zu den ersten Leserbriefen im Tagblatt und den anschließenden Diskussionen im Gemeinderat hatte Klement so gut wie keine negative Rückmeldung erhalten. Doch ihn freut, dass der Turm jetzt zu seiner ursprünglichen Funktion als temporäres mobiles Kunstwerk zurückkehrt. „Dem Kunstwerk tut das gut“, meint Klement. Auch wenn es für Unterammergau schade ist. Doch die Diskussion war wichtig, meint er. „Es wäre schlimm, wenn ein Kunstwerk keine Gespräche auslöst. Wenn gar nix passiert.“

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