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Gefährdetes Zukunftsprojekt: Der Markt Murnau wollte eigentlich eines Tages auf einer Fläche am nördlichen Ortsrand an der Bundesstraße 2 Betriebe ansiedeln.

Vergrößertes Wasserschutzgebiet

Nachbarschaftsstreit zwischen Murnau und Seehausen

Murnau - Die Gemeinden Murnau und Seehausen geraten mächtig aneinander. Der Grund: Das Fischerdorf musste für seine Wasserversorgung eine Schutzzone ausweisen, die weit in das Gebiet des großen Nachbarn reicht – und dort wahrscheinlich ein geplantes Gewerbegebiet unmöglich macht.

Spannungen zwischen den beiden Nachbarn am Staffelsee gibt es immer wieder. Doch diesmal könnte es richtig scheppern, möglicherweise droht ein Rechtsstreit. „Das ist ein ungutes Vorgehen“, kommentiert Murnaus Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) die Seehauser Aktivitäten in Sachen Wasserversorgung. „Das ist ein schwerer Eingriff in unseren Hoheitsbereich.“

Der Auslöser war eigentlich nichts Besonderes, ein bürokratischer Akt: Seehausen brauchte eine neue Genehmigung, um aus seinem einzigen Brunnen Grundwasser entnehmen zu dürfen. Das Landratsamt gab hierfür per Bescheid vom 30. Dezember 2015 grünes Licht. Damit verbunden ist eine Schutzzone. Und die hat sich aufgrund verschärfter Vorgaben spürbar vergrößert und betrifft jetzt auch den Norden des Murnauer Ortsgebiets. Das Heikle daran: Dort, an der Poschinger Allee gegenüber der Bundeswehr-Kaserne, wollte Murnau eigentlich ein Gewerbegebiet ausweisen.

Doch daraus dürfte jetzt nichts werden. Denn der Gesetzgeber untersagt in solch sensiblen Arealen grundsätzlich neue Baugebiete. Zu groß ist die Gefahr, dass Schadstoffe ins Grundwasser gelangen. Theoretisch besteht zwar die Möglichkeiten, eine Ausnahmeerlaubnis – meist verbunden mit hohen Auflagen – zu bekommen. Doch realistisch ist dies in diesem Fall nicht. „Im Regelfall gefährdet jedoch ein Gewerbegebiet den Schutzzweck eines Wasserschutzgebietes“, sagt Stephan Scharf, Sprecher des Landratsamtes.

Für Murnau ist dies ein herber Schlag. Der Markt ist nicht gerade reich gesegnet mit freien Flächen, auf denen sich Betriebe niederlassen und Arbeitsplätze schaffen können. Der Bedarf ist aber vorhanden. Das besagte Gelände direkt an der Bundesstraße 2 – der Kommune gehört ein etwa 1,8 Hektar großer Streifen – wäre ideal. Es war in der politischen Debatte immer wieder als vielversprechendes Zukunftsprojekt im Gespräch und steht sogar auf der Prioritätenliste des Gemeinderats.

Kein Wunder, dass Beuting alles andere als begeistert ist. „Das ist ein schmerzhafter Einschnitt“, sagt er. Der Rathaus-Chef lässt sich alle Optionen offen – und nicht in die Karten schauen. Eine Klage schließt er nicht aus. „Das muss man erst intern prüfen.“ Denkbar wäre auch eine einvernehmliche Lösung – etwa in Form einer gemeinsamen Trinkwasser-Versorgung an einer anderen Stelle. Auf das Murnauer Angebot, Seehausen mitzuversorgen, ging der kleine Nachbar dem Vernehmen nach nicht ein.

Seehausens Bürgermeister Markus Hörmann (CSU) wäscht sich indessen die Hände in Unschuld. Tenor: Sein Ort brauche nun mal eine langfristig gesicherte Wasserversorgung und könne nichts dafür, dass die Bestimmungen für die Schutzgebiete verschärft wurden. „Uns blieb nichts anderes übrig“, verteidigt sich der Rathaus-Chef. Er zeigt sich im Wasser-Streit verhandlungsbereit: Vielleicht finde man ja einen neuen Brunnen-Standort, so Hörmanns Vorschlag, den mehrere Gemeinden im Norden des Landkreises nutzen können.

Von dem erweiterten Wasserschutzgebiet sind auch private Grundstückseigentümer betroffen – darunter die Murnauer Familie Müssig, die im Zentrum einen Blumen- und Gemüseladen betreibt und der am Ortsrand an der B 2 im Bereich der Abzweigung nach Hofheim eine Wiese gehört. Darauf will sie eine Gewächshaus-Anlage errichten. Ihr Glück: Die Baugenehmigung liegt bereits vor (wir berichteten). Trotzdem ist das Vorhaben ins Stocken geraten. Laut Landratsamt darf zwar die Gärtnerei „mit nachträglich erlassenen Auflagen zum Schutz des Grundwassers“ gebaut werden. Doch in einem Rechtsstreit geht es um eben diese Auflagen. Möglicherweise muss der Boden versiegelt werden – ähnlich wie bei einer Tankstelle. „Das ist ärgerlich“, sagt Mitinhaber und CSU-Gemeinderat Andreas Müssig. „Wir müssen abwarten, bis absolute Rechtssicherheit herrscht.“

Andreas Seiler

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