Freigesprochen: Obwohl sie eine SPD-Versammlung aufgemischt hatten, konnten sie vor Gericht nicht belangt werden: Nazis und ihre Anwälte nach der Berufungsverhandlung am Landgericht München II. Foto: Repro/Lory

26 Verletzte und mehr als 100 kaputte Bierkrüge

Murnau - Vor 80 Jahren ist es zu der "Murnauer Saalschlacht" gekommen, bei der Nationalsozialisten ein Treffen der Sozialdemokraten sprengten. Ein Zeuge war Schriftsteller Ödön von Horváth.

Es war Sonntag, 1. Februar 1931, für den die SPD im Hotel Kirchmeir die Veranstaltung mit dem Vizepräsidenten des Bayerischen Landtags, Erhard Auer, angesetzt hatten. Der Abgeordnete wollte in Murnau über das Thema „Diktatur oder Demokratie“ sprechen. Den Saalschutz übernahmen Angehörige des Reichsbanners.

Die SPD sah sich zu erhöhten Sicherheitsvorkehrungen genötigt. Im Vorfeld hatten die Veranstalter nämlich mitbekommen, dass die Nazis das Treffen stören wollten. Darüber berichtete kurz vorher auch die „Münchner Post“. 60 bis 70 Nationalsozialisten versammelten sich in dem Saal, in dem sich bis zu 300 Menschen gedrängt haben sollen.

„Vizepräsident Auer konnte ohne jede Störung sein Referat in etwa eineinhalb-stündigen Ausführungen zu Ende bringen. Nach einer Pause von etwa fünf Minuten wurde die Diskussion eröffnet und erhielt der Beschuldigte Engelbrecht das Wort“, heißt es in Gerichtsakten, die im Bundesarchiv in Berlin liegen. Damit war der Leiter der Murnauer NSDAP-Ortsgruppe und Bezirkschef der Nazis, Otto Engelbrecht, gemeint. Der 34-jährige Kaufmann provozierte in seiner Rede die Sozialdemokraten. Schließlich stimmten die Nazis das Horst-Wessel-Lied an, wobei sie von den Sitzen aufsprangen. „Die Erregung im Saale erreichte nunmehr ihren Höhepunkt“, heißt es in den Akten weiter. Ein Reichsbanner-Mann forderte die Anwesenden zur Ruhe auf.

In diesem Augenblick kam ein Bierkrug geflogen, der an der Mauer zerschellte. „Dieser Wurf bildete den Auftakt zu einer allgemeinen Schlägerei zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten, die sich mit vereinten Kräften mit Bierkrügen, Stühlen und Fäusten gegenseitig bearbeiteten.“

Im Saal muss es ausgesehen haben als hätte eine Bombe eingeschlagen. Erst Gendarmen machten der Schlägerei nach etwa zehn Minuten ein Ende. Der Boden war mit Blut bespritzt. Die Ärzte hatten hernach alle Hände voll zu tun.

Die Nazis hatten ihr Ziel erreicht, doch die allermeisten wurden ein paar Monate später am Weilheimer Amtsgericht mangels ausreichender Beweise frei gesprochen. Es sei nicht erwiesen, dass ein Nazi den ersten Krug geworfen habe. Der Beweis, dass die Nationalsozialisten im Vorhinein Gewalttätigkeiten beabsichtigten, sei außerdem nicht erbracht. Auch an dem Umstand, dass die Nazis das Horst-Wessel-Lied anstimmten, hatte das Schöffengericht juristisch nichts auszusetzen. Die Braunen hatten hochkarätigen Rechtsbeistand. Darunter war Hans Frank, der Hitler beriet und im Zweiten Weltkrieg „Generalgouverneur“ im besetzten Polen war.

Ein Augenzeuge war der Schriftsteller Ödön von Horváth. Er sagte beim Prozess aus. „Horváth belastete mit seiner beeidigten Aussage am 20. Juli 1931 die NSDAP-Mitglieder schwer und bezog damit eindeutig Stellung gegen die nationalsozialistische Bewegung“, schreibt die Autorin Elisabeth Tworek. Die wenigen Verurteilten seien in Berufung gegangen. Vor dem Landgericht München II bekräftigte Horváth dann laut Tworek, er habe den „bestimmten Eindruck gehabt, dass die Schlägerei von den Nationalsozialisten planmäßig vorbereitet war“. Das Revisionsverfahren habe mit dem Freispruch aller Nationalsozialisten geendet.

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