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Auch der Star z ählt neben Goldammer, Neuntöter und vielen anderen zu den Verlierern. 

Vogelsterben im Landkreis Garmisch-Partenkirchen 

Kein Platz und kein Futter mehr für Vögel, Igel und Echsen

Über 200 verschiedene Vogelarten hat es vor etwa 100 Jahren in Bayern gegeben, die regelmäßig gebrütet haben. Mittlerweile sind auch im Landkreis Garmisch-Partenkirchen mehr als die Hälfte vom Aussterben bedroht. Auch dem Igel und den Echsen geht es nicht besser. Der Grund: Es gibt kaum noch „wilde“ Gärten, Pfützen oder Holzstapel.  

Vom Neuntöter sind nur noch wenige Paare vorhanden.

Garmisch-Partenkirchen –Zum Auftakt zeigt er Bilder davon, wie es in Garmisch und Partenkirchen vor etwa hundert Jahren ausgesehen hat: Viele waldfreie Flächen, wo heute die Skipisten sind, im Tal bäuerliche Gärten, mehr oder minder gepflegt mit Blumenwiesen, vielen Obstbäumen, Holzstapeln sowie Vögeln aller Art. „Da war die Welt noch ein bisschen anders“, sagt Hans-Joachim Fünfstück, Regionalvorsitzender des Landesbunds für Vogelschutz (LBV). „In dieser ein wenig wilderen Umgebung war natürlich auch ein reichhaltiges Vogel- und Insekten-Tierleben möglich – vom Star bis zur Bachstelze.“

Über 200 verschiedene Vogelarten hat es seinerzeit in Bayern gegeben, die regelmäßig gebrütet haben, erläuterte der Experte bei einem Vortrag im Gasthof Schatten. Doch mehr als die Hälfte ihres Bestands sei mittlerweile nicht nur im Freistaat, sondern auch in der „Gesundheitsregion“ dieses Landkreises vom Aussterben bedroht. „Genauer gesagt, haben wir seit 1980 schon 36 Prozent unserer Vogelwelt verloren“, zitierte Fünfstück aus einer Untersuchung des früheren Chefs der staatlichen Vogelschutzwarte am Gsteig, Einhard Bezzel.

Mehlschwalben brauchen Pfützen fürs Nistmaterial.

Zu den Verlierern zählt beispielsweise der Star, ebenso der Wendehals-Specht, die Goldammer und auch vom Neuntöter seien nur noch wenige Paare vorhanden: „Er war freilich auch ein Groß-Insektenjäger, fraß unter anderem Maikäfer, doch dieser ist heute ohnehin schon fast Vergangenheit.“ Die Situation in Garmisch-Partenkirchen sei jedenfalls „stark verbesserungsbedürftig“, sagt Fünfstück. „Wir alle müssen tun, was wir können, das fängt mit kleinen Maßnahmen an, die aber große Wirkung haben können.“ Beispielsweise sollen die Bürger ein bisschen mehr Mut zur Wildnis im eigenen Garten haben, in den Kurparks sollen irgendwo Eckerl bleiben, wo die Blumen und Stauden einfach blühen können und wo der Natur ein wenig mehr ihr Lauf gelassen werde. Denn sorgfältig aufgeräumte Parks und Gärten böten einfach keinen Lebensraum für Blumen und Wildtiere. Zudem lässt die intensivierte Landwirtschaft mit Pestiziden und Herbiziden, die Futterpflanzen für Schmetterlinge und andere Insekten vernichteten, keinen Platz für Blumen und Stauden. Häufiges Mähen und Mulchen von Wegesrändern verhindert zudem ein Überleben von Tieren und Pflanzen, „denn letztere werden heute oft schon vor der Samenreife oder vor der Blüte geschnitten, und zu tiefer Schnitt zerstört das Mikroklima und deshalb die dort wachsenden Pflanzen“. Damit verschwinden Fünfstück zufolge auch Futterpflanzen von Insektenlarven und Raupen. Insekten wie die Honigbiene fänden kaum noch Blüten, um Nektar zu sammeln. „Und wo finden Sie heute noch Vogelbeeren oder Holundersträucher zur Ernährung der Vögel, wo eine erdige Pfütze, aus der die Mehlschwalbe ihr Nistmaterial holen kann?“, hinterfragte er.

Kleine Ursache, große Wirkung. In den heutigen hochgepflegten Gärten sei auch die Brennnessel verpönt, „doch Falter wie der Kleine Fuchs, der Admiral oder der Distelfalter sind sämtlich auf die Brennnessel angewiesen. Sie benötigen sie zur Eiablage oder auch zum Raupenfraß“.

Schlecht geht es mittlerweile auch den Zaun-Eidechsen, und nicht zuletzt der Igel sei gefährdet, sagte Fünfstück und nannte als Ursache die Gefahren des Straßenverkehrs und fehlende Nahrung, weil der Igel nur schwer in die bodentief gut abgezäunten Gärten gelange.

Beim Verlust und bei der Zunahme von Arten überwiege hierzulande jedenfalls der Schwund mit zwei Dritteln. Ein paar Vögel, beispielsweise das Rotkehlchen, hätten zwar stark zugenommen, doch Goldammer oder Feldlerche, die Offenland- oder Gebüschbrüter seien weniger geworden, andere Arten fast ganz verschwunden. Im Übrigen dürfe man nicht vergessen, dass von den Weitstreckenziehern jedes Jahr am Mittelmeer 30 bis 35 Millionen Vögel weggefangen würden, erklärte Fünfstück. Neu hinzu kämen viele ausländische Tiere und Pflanzen, beispielsweise der Tintenfischpilz oder gar der Sachalin-Knöterich, der schlimmer sei als das Springkraut. „Es kann böse enden, wenn diese dazu beitragen, einheimische Arten zu verdrängen.“

„Der Ort hat sich geändert, ist sauber, pflegeleicht geworden, dank der gemeindlichen Laubbläser liegt nur noch wenig Laub“, lautet Fünfstücks Fazit. „Doch versuchen Sie da mal als Vogel, was Freßbares zu finden. Ab Juni tun sich alle Körnerfresser in dieser Gemeinde hart, keine Sämereien sind mehr vorhanden, die Insekten sind weg. Dazu kommt das viel verwendete Glas als Vogelkiller. Fuchs, Marder sowie Katzen warten nur noch auf verletzte Vögel. Helfen Sie mit, ihre Bedrohung zu stoppen.“

Wolfgang Kaiser

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