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Generationen vereint: (v. l.) Musikvorstand Albert Neuner, Dirigent Paul Neuner, Ex-Musikvorstand Alfred Sperer, Ex-Dirigent Max Bach und Gründungsmitglied Georg Schöpf.

Ein Gründungsmitglied lebt noch

70 Jahre Musikkapelle Wallgau: Jubeltag für den Schuster-Schorsch

Ohne die Musikkapelle wäre das gesellschaftliche Leben im Tourismus-Dorf Wallgau undenkbar. Am Sonntag feierte das Orchester 70-jähriges Bestehen. Unter die Festgäste mischte sich das letzte noch lebende Gründungsmitglied.

Wallgau – Ein besonderes Datum lenkt immer den Blick zurück. Man blättert in den Vereinsannalen oder kramt in alten Erinnerungen. Das 70-Jährige Gründungsfest der Musikkapelle Wallgau an Johanni – an diesem Tag trat 1948 das neugegründete Orchester erstmals öffentlich auf – war deshalb für das letzte noch lebende Gründungsmitglied Georg Schöpf ein ganz besonderes Ereignis.

Im Dorf nennen den 90-Jährigen alle den Schuster-Schorsch. Dieser verfolgt am Sonntag mit seiner Nichte Regina Straub am Haus des Gastes den von Pfarrer Michael Wehrsdorf zelebrierten Gedenkgottesdienst. „In die Kirche gehe ich ja sonst nicht mehr“, gesteht der gelernte Schuhmacher. „Schließlich habe ich 50 Jahre dort im Kirchenchor mitgesungen.“

Schöpf erinnert sich genau an die Zeit vor 70 Jahren. „Nach dem Krieg wollten wir Jungen bei der Kapelle mitmachen, aber mit den alten Musikern ging nichts zusammen.“ Kurzerhand gründeten einige Gleichgesinnte um Martin Reindl (Schlosser-Martl) in Schöpfs Schusterwerkstatt kurzerhand ein eigenes Ensemble. „Weil wir kein Geld hatten, haben uns der Neuner Hans (Anm. d. Red.: der Posthalter) 3000 Mark, der Held Markus 2000 Mark geliehen und der Bäcker Franz Neuner noch 100 Mark geschenkt.“ Mit diesem Grundkapital kauften die jungen Musikanten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gebrauchte Instrumente – der Grundstock einer Erfolgsgeschichte. „Wir haben dann quasi vier Jahre umsonst gespielt“, erinnert sich Tuba-Spieler Schöpf. „1952 waren wir dann schuldenfrei.“ Das Programm der Blaskapelle hatte es damals schon in sich. „Dienstag und Donnerstag Heimatabend in Mittenwald, Mittwoch Musikprobe, Freitag Kurkonzert in Wallgau, und Samstag Heimatabend in Wallgau.“

Keine Lust auf Ami-Aufhalten

Der 1927 geborene Schöpf hatte den Zweiten Weltkrieg noch als junger Soldat erlebt. In Küstrin/Polen wurde er an der rechten Hand und am Oberschenkel verwundet und kam von einem gnädigen Arzt als „eingestufter Schwerverletzter“ 1945 in ein Lazarett nach Immenstadt und wurde dann als geheilt nach Füssen versetzt. „Von da haben sie uns nach Ulm zum Ami-Aufhalten geschickt“, erzählt Schöpf. Auf ein derartiges Himmelfahrtskommando hatte der Schuster-Schorsch keine Lust. „Ich bin einfach abgehauen und habe mich bis zu meinem Geburtstort Wallgau durchgeschlagen.“

Schlägerei bei Watsch‘n-Plattler

Eine Begegnung mit den US-Boys blieb ihm trotzdem nicht erspart. Denn 1947 wurde die junge Tanzlmusi von den Amerikanern ins Hotel Post eingeladen. Der dabei vorgeführte Watsch’n-Plattler, bei dem auch ein Amerikaner mitmachen wollte, artete in eine Schlägerei aus. „Da war ich auch dabei“, meint Schöpf und strahlt übers ganze Gesicht. Danach erfolgte die Gründung der Blaskapelle Wallgau, die von 1961 bis 1974 von Herbert Dorgerloh aus Mittenwald und bis 2006 von Max Bach aus Eglfing dirigiert wurde.

Kindergarten für Senioren

Mit bald 91 Jahren ist Schöpf geistig und körperlich immer noch fit. „Zuhause spiele ich Akkordeon, gehe ab und zu in die Kurkonzerte und fahre sonntags mit dem Auto auf die Almen.“ Besuch bekommt Schöpf oft noch von ehemaligen Musikkameraden in seiner Werkstatt, in der er immer noch kleine Schuhreparaturen erledigt. „Der Altentreff bei meinem Onkel“, scherzt Nichte Regina, „wird bei uns nur der Kindergarten für Senioren genannt“. Schöpf nimmt’s mit Humor und freut sich, „dass sich so viele junge Musiker in Wallgau bei der Blaskapelle engagieren und die Arbeit der Gründerväter weiterführen“.

Das Bestätigt ihm auch Ehrenvorstand Hans Neuner (Wogner), von 1984 bis 1997 an der Spitze. „Viele ehemalige Musiker haben sich heute an diesem Traumtag getroffen und konnten Erinnerungen austauschen. Die vielen Besucher beweisen den hohen Stellenwert, den die Blaskapelle in der Bevölkerung genießt.“

Wolfgang Kunz

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