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Die Gründungsmitglieder der Kapelle.

Sie hat schon für den Papst gespielt

70 Jahre Musikkapelle Wallgau: Vorfreude auf den Festtag

  • vonChristof Schnürer
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Eine junge Garde um den Schlosser-Martl will’s wissen: Gemeinsam musizieren in einer eigenen Blaskapelle. 1948 heben diese elf Wallgauer ein Orchester aus der Taufe. Eine echte Erfolgsgeschichte, gespickt mit legendären Konzerten und Auftritten.

Wallgau – Ein Dorf, zwei Musikkapellen – das gibt’s auch nicht alle Tage. In Wallgau, kurz nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, allerdings schon. Auslöser war Martin Reindl, den im Ort alle „Schlosser-Martl“ riefen. „Ein Musikant mit Leib und Seele“, steht in der Vereinschronik. 1948 wollte der Holzfäller der 1920 gegründete Musikkapelle neuen Schwung verleihen. „Du kannst schon bei uns mitspielen, aber anschaffen tun wir“, sollen ihm die Verantwortlichen mit auf den Weg gegeben haben. Die falsche Antwort für den Schlosser-Martl. Dieser schart binnen kurzer Zeit zehn Gleichgesinnte um sich und haucht einem weiteren Orchester Leben ein. So erfreuen bis in die 1950er gleich zwei Blaskapellen Einheimische und Kurgäste – die Alten und die Jungen.

„Zerstritten waren sie nicht“, meint Alfred Sperer, der Musikvorstand von 1997 bis 2012. „Sie hatten sogar gemeinsame Auftritte“ – etwa beim Faschingszug 1949. Ein Wallgauer spielte gar in beiden Kapellen: Ulrich Holzer vulgo Beck’n-Ulrich. Zugegeben: Ein Einzelfall und zugleich eine nette Anekdote, an die sich die Verantwortlichen eine Woche vor dem 70. Gründungsfest gerne erinnern. Streng genommen müssten die Wallgauer 2020 „100 Jahre Blasmusik“ feiern. „Das könnte man sich wirklich überlegen“, sinniert Albert Holzer (30), der amtierende Vorstand.

Nun aber brüten der Hackl-Albert und Dirigent Paul Neuner erst mal über dem Programm zum 70. Gründungsfest der neuen Blaskapelle, die aktuell 36 Musiker zwischen 19 (Thomas Neuner/Böbl) und 58 Jahren (Hubert Holzer) in ihren Reihen hat. An die 250 Stücke haben die Wallgauer in ihrem Repertoire. Auf 70 Ausrücker (Konzerte, Proben und sonstige Auftritte) bringt es das Ensemble. „Das ist sicher mehr als ein Feierabend-Hobby“, verdeutlicht Paul Neuner. „Ohne Idealismus und Leidenschaft hält man das nicht durch.“ Das Schönste dabei: Nachwuchsprobleme hatte die „Musi“ noch nie. „Bei uns mitzumachen, war für junge Burschen offenbar immer erstrebenswert“, glaubt der Beck’n-Pauli. Und für Mädchen? „In den 15 Jahren, in denen ich Vorstand war, hat nicht ein Madl angefragt“, versichert Sperer, wohlwissend, dass einige immer wieder mal unken, die Wallgauer Musikkapelle sei frauenfeindliches Terrain. Keineswegs, ergänzt Paul Neuner. „Nur eine Diskussion darüber war mangels Nachfrage noch nie notwendig gewesen.“

So wird das Orchester bis auf Weiteres eine erlesene Männerrunde sein, die es schon auf sechs TV-Auftritte bei Karl Moiks und Andi Borgs legendärem Musikantenstadl brachte. Unvergessen bleiben Alfred Sperer die Auftritte bei der Ruder-WM in München (2007) oder auf dem Petersplatz in Rom (2008). Man intoniert schließlich nicht alle Tage ein Ständchen für Papst Benedikt vor 50 000 Zuschauern. Weitere Prominente wie Bayern-Trainer Udo Lattek, Bundespräsident Karl Carstens, Bundestagspräsident Philipp Jenninger, Bayerns Regierungschef Alfons Goppel oder Intendant August Everding kamen ebenso in den Genuss erfrischender Wallgauer Blasmusik.

Gerade einmal vier Dirigenten brauchte es in den vergangenen sieben Dekaden – jeder für sich eine Spitzenkraft – ob nun Impulsgeber Reindl, der unermüdliche Eglfinger Max Bach oder der akribische Paul Neuner mit dem feinen Gehör. Sie alle haben auf ihre ganz spezielle Art die „Woigara Musi“ zu einer im Landkreis wohl unerreichten Klangkörper geformt. Acht veröffentlichte CD’s, die ratzfatz verkauft wurden, zeugen davon.

Wenn am kommenden Sonntag mit befreundeten Blaskapellen gebührend am Haus des Gastes gefeiert wird, dann wird einer ganz bestimmt dabei sein: Georg Schöpf. Der Wallgauer ist der letzte der elf Gründerväter, die im November 1948 ihrer Heimat etwas wirklich Gutes taten.

70 Jahre Musikkapelle wird am Sonntag, 24. Juni, in Wallgau mit den befreundeten Blaskapellen Krün und Jachenau mit einem Frühschoppen gefeiert. Der Kirchenzug setzt sich um 8.30 Uhr vom Raiffeisenbank-Parkplatz durchs Dorf in Richtung Haus des Gastes in Bewegung. Dort findet um 9 Uhr ein Heiliges Amt mit Pfarrer Michael Wehrsdorf statt. Anschließend wird mit allen, die dabei sein wollen, – je nach Wetterlage – drinnen oder draußen gefeiert.

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