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Geschafft: Magdalena Neuner hat das Verfolgungsrennen gewonnen. Im Zielraum erwartet sie ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer.

Vor zehn Jahren wurde sie Dreifach-Weltmeisterin

Als Magdalena Neuner Wallgau in den Ausnahmezustand versetzte

Was für ein Erfolg: Magdalena Neuner wurde 2007 Dreifach-Weltmeisterin und ein ganzes Dorf Kopf stand. In der Tat: Wallgau bereitete der Weltklasse-Sportlerin einige Tage nach ihrem kometenhaften Aufstieg einen unvergesslichen Empfang. Ein Rückblick. 

Wallgau – Wenn sich Menschen in den Armen liegen und selbst Hartgesottenen plötzlich Tränen über die Wange kullern, dann muss etwas wirklich Unbeschreibliches passiert sein. Jeder, der am 3. und 4. Februar 2007 im Bayrish Pub dabei war, wird diesen Satz unterschreiben. An diesen beiden denkwürdigen Wochenendtagen ging über dem beschaulichen Wallgau ein Stern auf. Streng genommen erstrahlte er zuerst in Antholz in Südtirol.

Biathlon-Epizentrum: Die Fans im Bayrish Pub sind begeistert. Der Jubel beim Café-Martl kennt bei (v. l.) Eva Möslein, Roland Ehrenberg, Sabine Dörr und Fritz Hornsteiner keine Grenzen.

Dort holte bei den Weltmeisterschaften das Biathlon-Küken Magdalena Neuner in Sprint und Verfolgung die Goldmedaille – eine dritte in der Staffel sollte folgen. Ein fulminanter, um nicht zu sagen kometenhafter Aufstieg dieser Ausnahme-Athletin sollte folgen. Bis zum heutigen Tag ist Neuner, die am 9. Februar ihren 30. Geburtstag feierte, die ungekrönte Biathlon-Königin Deutschlands.

Das ist den Fans im Bayrish Pub, die sich vor der Großleinwand herzen und abbusseln, im Moment des Triumphs noch nicht bewusst. „Jetzt steht unser Dorf Kopf“, meint ein freudetrunkener Bürgermeister Georg Jennewein, der kurz zuvor mit einigen Getreuen den ersten Neuner-Fanclub ins Leben gerufen hat. „Dass Magdalena in der Weltelite mitmischen kann, davon waren wir überzeugt. Dass sie aber gleich Doppelweltmeisterin wird, ist der Wahnsinn.“ Zur standesgemäßen Begrüßung „müssen wir uns schon jetzt etwas einfallen lassen“.

5000 Fans feiern ihre Gold-Lena

Den euphorischen Worten folgen sogleich Taten. Wallgau rüstet sich für den Empfang der späteren Ehrenbürgerin am 16. Februar 2007 – rund 5000 Fans werden an diesem Abend auf den Dorfplatz pilgern. Der Bayerische Rundfunk schickt Moderator Roman Roell, Bayern-3-Komiker Willy Astor komponiert schnell eine Liebeserklärung („I mag da Lena“), und auch die hohe Politik gibt sich in Gestalt von Bayerns Wissenschaftsminister Dr. Thomas Goppel die Ehre. Den stolzen Eltern von Magdalena Neuner, Margit und Paul, ruft das Kabinettsmitglied zu: „Gut, dass Ihr vor 20 Jahren eine so gute Stunde hattet!“ Da müssen auch Bundestrainer Uwe Müßiggang und Teamkollegin Martina Beck (damals noch Glagow) aus Mittenwald herzhaft lachen.

Für die Heldin des Abends, die mit der Kutsche zur Partymeile gebracht wird, läuft ein unvergesslicher Film ab. Mit dem Abstand einer Dekade erinnert sich die inzwischen zweifache Mutter fünf Jahre nach ihrem Karriereende an diese magischen Momente in ihrem Heimatdorf. „Es war wirklich überwältigend, wie viele extra wegen mir gekommen waren.“ Laufen und schießen vor einem Millionen-Publikum ist das eine, zu Hause alle Blicke auf sich ziehen das andere. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie aufgeregt ich war. Als ich dann in der Kutsche Richtung Dorfplatz saß, konnte ich gar nicht glauben, was da gerade passierte.“

Kübelweise Fanspost flatterte ins Elternhaus

Dorfplatz rappelvoll: Mehrere tausend Fans drängen sich beim Empfang im Herzen Wallgaus.

Dass sich ihr Leben grundlegend ändern würde, dämmerte Magdalena Neuner schon unmittelbar nach ihrer Heimreise. „Plötzlich sprachen mich ganz viele Menschen auf der Straße an.“ Mehr noch: „Ich hatte sogar Fans im Garten, vor der Haustüre.“ Und es flatterte kübelweise Fanpost ins Elternhaus. „Es gab natürlich auch viele Sponsoren-Anfragen und auch Angebote, die schon etwas überraschend waren.“ Wie beispielsweise vom Playboy. Während andere Sportstars wie etwa Kati Witt sich für das Herrenmagazin entblätterten, sagt die bodenständige Neuner bis heute nein. Sie möchte dem Hype um ihre Person zumindest in der Heimat so gut es geht entfliehen. „Zum Glück konnte ich im Kreise meiner Familie und Freunde immer noch ein normales Leben führen, was mir sehr geholfen hat, mit alldem umgehen zu können.“ 

Gerne denkt auch Florian Holzer an die „aufregende Zeit“ vor zehn Jahren zurück. „Man hat das wie im Traum miterlebt“, findet der erste Fanclub-Vorsitzende, dessen Bayrish Pub sich seinerzeit zum Epizentrum der Biathlon-Anhänger entwickelte. Der Ruf des „Café-Martl“, wie das Lokal im Dorf genannt wird, sprach sich auch bei unzähligen Fernsehsendern herum. Plötzlich waren sie alle da – Sky, RTL, ARD. Die Wallgauer nahmen’s mit oberbayerischer Gelassenheit. Ja, Florian Holzer und sein Bruder Martin fanden sogar noch die Zeit, eine Magdalena-Neuner-Torte zu kreieren – mit Frischkäse-Joghurt-Sahne.

Deshalb bekommt Heimtrainer Kröll eine neue Haarfarbe

Keine süße, sondern eine haarige Sache war für Bernhard Kröll, dem erfolgreichen Heimtrainer von Neuner, der Empfang 2007. „Wenn irgendeiner von Euch mal Weltmeister werden sollte, dann färbe ich meine Haare“, soll er seinen Schützlingen mal verkündet haben. Eine von ihnen, Magdalena Neuner, hat sich diesen folgenschweren Satz gut gemerkt. So glänzte es im Februar 2007 auf einmal aubergine von Krölls Haupt. Dessen Ehefrau Steffi hatte höchstpersönlich die Tönung aufgetragen. Vier Monate dauerte es, bis der „Normalzustand“ wieder erreicht war. „Doch die Sache war’s auf alle Fälle wert.“

Natürlich ist der Krüner mit der Wallgauerin Neuner auch heute noch in regem Kontakt, denkt an die gemeinsame Zeit mit der Ausnahme-Athletin, die ihren vorzeitigen Rücktritt mit gerade einmal 25 Jahren „nie bereut“ hat. „Es war eine sehr bewusste Entscheidung, die sich für mich einfach absolut richtig angefühlt hat.“ Und seit sie zweifache Mama ist, hätten sich ihre Prioritäten ohnehin komplett geändert. „Für mich gibt’s nichts schöneres.“ Bleibt bei all dem privaten Glück Zeit etwa für ehrenamtliches Engagement in ihrer Heimat? „Falls meine Familie und ich in Wallgau bleiben sollten, könnte ich mir schon vorstellen, einmal ein Amt zu übernehmen.“ Ein echter Stern strahlt eben auch im Gemeinderat oder Verein.

Happy Birthday! Magdalena Neuner wird 30

Christof Schnürer

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