+
Die Welt zu Gast in Wallgau: Die Pax-Bewohner um Heimleiter Timothy Power (vorne r.) kommen aus aller Herren Länder. Ihnen statten Angie Appel (l.) von der Grundschule Wallgau, (ab 3. v. l.) Gerda Kiml, Doris Wichelmann sowie (v. r.) Lisl Leismüller, Bürgermeister Hansjörg Zahler und Bärbel Hahnrath einen Besuch ab. 

Viele Wallgauer fremdeln noch mit Neubürgern

Multikulti im Priester-Erholungsheim

Aus Flüchtlingen sollen Mitbürger werden – ein hehres Ziel, von dem man in Wallgau noch ein gutes Stück entfernt ist. Viele Einheimische fremdeln immer noch mit den Bewohnern der Asyl-Unterkunft Pax. Das zeigt der Nachbarschaftstreff.

Wallgau Multikulti – damit lässt sich die bunte Schar an Bewohnern am besten charakterisieren. Aus Armenien, Afghanistan, Eritrea, dem Irak und Kongo, aus Nigeria, Somalia und Syrien stammen die 30 Bewohner (davon 28 mit verschiedenem Status anerkannt) der Wallgauer Asyl-Unterkunft. In dem ehemaligen Priester-Erholungsheim am Krepelschroffen träumen sie von einem neuen, friedvollen Leben – und ecken damit bei einem Teil der Einheimischen an. Eine Tatsache, die beim Nachbarschaftstreff im „Pax“ mehr als deutlich wurde.

Dabei sollten sich Neubürger und Alteingesessene näherkommen, aber nur wenige Bürger waren der Einladung gefolgt. „Unsere Einrichtung ist nicht so bekannt, weil es eigentlich keinen großen Trouble gibt“, glaubt der aus Kanada stammende Heimleiter Timothy Power den Grund dafür zu wissen. Freimütig spricht er aber auch von „Lärmproblemen mit den Nachbarn“. So soll ein Asylbewerber aus Syrien immer besonders laut telefoniert haben, weil er dies aus den dröhnenden Kriegstagen in seiner Heimat so gewohnt war. „Ich verstehe den Ärger“, sagt Power, „aber der Bewohner ist mittlerweile ausgezogen“.

Dafür hat sich ein anderer Nachbar über zuviel Krach beschwert. „Er vermietet Ferienwohnungen mit vielen älteren Gästen, und wir haben keinen Schallschutz“, schildert der Heimleiter diesen Fall. „Wir versuchen, ihn nicht zu belästigen, denn im Grunde hat dieser Nachbar ein gutes Herz, weil er sich über den Besuch unserer Kinder freut, ihnen Kuchen schenkt und auf sie aufpasst, wenn sie auf der Straße spielen.“ Die Ursachen für den Lärm liegen zum einen an der Lage von Küche und Wohnungen, zum anderen am unterschiedlichen Lebensrhythmus – gerade der afrikanischen Neubürger. „Wenn viele Wallgauer schon schlafen, fangen unsere Leute mit dem Kochen an“, erzählt Power. „Aber auch dieses Problem haben wir gelöst.“ Um 20 Uhr wird einfach der Strom in der Küche abgeschaltet.

Es wird also viel versucht, sich in die Dorfgemeinschaft einzugliedern – ob im Kindergarten, der Grundschule oder in der Berufschule in Garmisch-Partenkirchen. „Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass hier getreu dem Motto gedacht wird: ,Schön, dass Du da bist, aber wann gehst Du wieder nach Hause‘“, sorgt sich Power um seine Schützlinge. Für sie legt er seine Hand ins Feuer. „Jeder bei uns lernt, hilft mit im Haus, und keiner steht faul herum.“

Unterstützt wird „Chef Papa“, wie Power liebevoll genannt wird, von den Hausmeistern Jürgen Nix und Doris Wichelmann („Chef Mama“) aus Wallgau, Gerda Kiml (Walchensee) und Sandra Fischer (Krün) sowie Margit Mayr (Wallgau) und Bärbel Hahnrath (Krün), die Deutschkurse anbieten.

Das stimmt Bürgermeister Hansjörg Zahler zuversichtlich. Gleichwohl konstatiert er: „Die Qualität der Beschwerden über die Lärmbelästigung ist zwar gering, aber der Anlass dafür nicht unerheblich“ – etwa weil nicht alle Kleinen im Pax einen Platz im Kindergarten bekommen haben. „Eine Dorfstruktur wie Wallgau ist eben nicht für eine solch große Einrichtung geeignet.“ Im selben Atemzug schiebt er nach: „Ich betone aber, dass es bei uns keine Form von Rassismus gegeben hat.“ Für den Heimleiter im Dienst der Caritas ein gutes Zeichen. „Ich war als Berufssoldat in allen Herkunftsländern meiner Schützlinge und weiß, warum sie hier sind.“ Zur Zeit fühlt sich Power eher wie „ein Schiedsrichter in einem bösen Fußballspiel“. Wobei Sport nicht die schlechteste Möglichkeit zu Annäherung und Integration ist.

Wolfgang Kunz

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

VdK-Chefin: Warum sich unser Verband plötzlich nicht mehr vor Mitgliedern retten kann
Jana Krämer, VdK-Chefin der die Landkreise Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen, freut sich über einen Mitgliederboom - dafür fehlen ihr viele Ehrenamtliche. Ein …
VdK-Chefin: Warum sich unser Verband plötzlich nicht mehr vor Mitgliedern retten kann
Kreuzotter beißt Kalb - die Folge ist ein zweistündiger Todeskampf
Es hatte keine Chance mehr: Für ein Kalb in der Vorderriss kam nach einem Schlangenbiss jede Hilfe zu spät. Nach zwei Stunden Todeskampf ist es verendet. Allein ging es …
Kreuzotter beißt Kalb - die Folge ist ein zweistündiger Todeskampf
Ein Objekt mit „enormem Potenzial“
Gastronomie auf dem Land ist mitunter eine schwierige Angelegenheit - gute Nachrichten kommen da aus Bad Kohlgrub
Ein Objekt mit „enormem Potenzial“
Erschöpft am Mauerläufer: Rettungsaktion für Slowakin
Eine Slowakin ist beim Abstieg vom Jubiläumsgrat den falschen Weg gegangenen und landete prompt im Rettungshubschrauber Christoph Murnau.
Erschöpft am Mauerläufer: Rettungsaktion für Slowakin

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion