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Sauberer Aufsprung eines Plattlers im Wallgauer Haus des Gastes während eines Dorfabends. Einst Publikumsgarant ließen die Besucherzahlen in den vergangenen Jahren stark nach.

Traditionsveranstaltung seit fast 70 Jahren ist Geschichte

Aus für einst beliebte Heimatabende in Wallgau

Es ist nicht lange her, da wurden Heimatabende im Oberen Isartal unzählige Male im Jahr dargeboten. Sie waren einer der wichtigsten Bestandteile zur Unterhaltung der Gäste. Heute kämpfen Trachtenvereine gegen schwindende Besucherzahlen. In Wallgau wird es 2020 keine Veranstaltung mehr geben.

Wallgau – Drei Abende waren es heuer. Dreimal tanzten Burschen in weißen Pfoaten, Lederhose und mit forstgrünem Hut mit Flaum auf der Bühne, plattelten zu den Liedern der Musikkapelle, drehten sich mit feschen Dirndl im Scheinwerferlicht. Junge Musikgruppen präsentierten ihr Können, es wurde gespielt und gesungen. Kurzum: Es war das geballte Wallgauer Brauchtum verpackt in zwei abendlichen Stunden im Haus des Gastes. Der Dorfabend stand ganz im Zeichen der Tradition. Damit ist es jetzt – zumindest vorerst – vorbei. Der Trachtenverein D’Simetsbergler hat in seiner 99. Hauptversammlung beschlossen, im kommenden Jahr keinen klassischen Dorfabend mehr anzubieten.

Wallgau präsentiert die Tradition Urlaubern aus der ganzen Welt - seit fast 70 Jahren 

Diese Veranstaltung, besser bekannt als Heimatabend, begeistert seit bald 70 Jahren Gäste als auch Einheimische. Als nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs die zurückgekehrten Soldaten sich am 31. März 1946 im Gasthaus „Mayr“ erneut zusammenkamen, startete der 1920 gegründete Verein mit neuer Kraft in die Brauchtumspflege. Als Anfang der 1950er Jahren der Fremdenverkehr in Wallgau zunahm, veranstalteten die Trachtler die ersten Heimatabende. Sie wollten sich den Urlaubern aus aller Welt präsentieren. Zeigen, welch hohen Stellenwert die Tradition hat.

Dabei bewiesen die Trachtler im Oberen Isartal sogar noch große Ausdauer. Während andernorts die Abendveranstaltungen als Kitsch und ideologisch gegeißelt wurden, blieben die Heimatabende authentisch. In Hochzeiten sind sie mehrmals im Monat auf die Beine gestellt worden. Die Abende waren fast immer proppenvoll.

Kurgäste, Einheimische, Vermieter an Veranstaltungen kein Interesse

Zustände, von denen Vorsitzender Franz Breith in Wallgau nun aber nur mehr träumen kann. Was früher ein Publikumsgarant war, hat in den vergangenen Jahren gewaltig an Resonanz eingebüßt. Die Besucherzahlen sind für Breith „enttäuschend“. Für ihn und seine Trachtler besonders ärgerlich: Zu den immer weniger werdenden Kurgästen würden auch Einheimische und Vermieter an den Traditionsveranstaltungen „überhaupt kein Interesse mehr zeigen“.

Der Arbeitsaufwand, der von den Ehrenamtlichen für eine Handvoll Besucher betrieben werden muss, lohnt sich nicht mehr: Zumindest im nächsten Jahr. Dann feiern die D’Simetsbergler ihr großes Jubiläum: 100 Jahre alt wird der Brauchtumsverein. Vom 23. bis 26. Juli 2020 veranstaltet er eine Festwoche. Breith und sein Vorstand stecken deshalb schon jetzt mitten in den Vorbereitungen. Die Festwoche will erst einmal organisiert werden, da bleibt nur mehr wenig Zeit für anderes. Das aufgrund der schlechten Resonanz als allererstes bei den Heimatabenden gespart wird, verwundert nicht. „Wir haben kommendes Jahr sehr viel mit den Vorbereitungen für die Jubiläumsfeierlichkeiten zu tun“, sagt Breith. „Danach werden wir uns zusammensetzen und überlegen, wie es weitergeht.“ Denn ein Dorfabend könnte vielleicht stattfinden: Aber nicht wie gewohnt im Haus des Gastes, sondern am neuen Floß an der Isar. Dann hoffen Breith und seine Trachtler, dass zumindest dort die Resonanz dementsprechend höher ausfallen wird als heuer.

Isartaler Trachtenvereine versuchen seit 2018, mehr Gäste für Heimatabende zu gewinnen

Die Problematik ist nicht neu im Isartal. 2018 wurde zum ersten Mal versucht, mehr Gäste zu den Heimatabenden zu locken, in dem die drei Trachtenvereine aus Wallgau, Krün und Mittenwald an einem Strang zogen. Sie traten in den jeweiligen Orten gemeinsam auf die Bühne: Mit kleinem Festzug und kostenlosem Shuttleservice. In Mittenwald versuchten es die Trachtler mit themenbezogenen Heimatabenden. Einmal wurde die Fasnacht mit Maschkera vorgestellt, ein anderes Mal standen die Schnitzereien im Vordergrund. Die Zahlen stiegen bei jeder Sonderveranstaltung – aber nur kurz.

Der Heimatabend ist auch in Mittenwald so gut wie jedes Jahr ein leidiges Thema bei der Hauptversammlung des Gebirgstrachtenvereins. 2014 wurden die Abende nur mehr in der Ferienzeit aufgeführt. Trotzdem kamen oftmals nicht mehr als 100 Besucher. Momentan stagniert die Besucherzahl, teilt Ansager Peter Wimmer mit: „Wir sind zufrieden.“ Allerdings würde er sich wünschen, dass sich wieder mehr Musik- und Gesangsgruppen bei den Mittenwalder Trachtlern melden. Da habe die Zahl in letzter Zeit abgenommen. Allerdings lobt Wimmer, dass in Mittenwald immer noch viele Einheimische die Veranstaltung besuchen. „Fast ein Viertel der Gäste machen Mittenwalder aus.“

Auch in Krün ist die Resonanz gut, sagt Bernhard Benz, Vorsitzender der D’Soiernbergler. Bleibt nur zu hoffen, dass gleiches auch in Wallgau geschieht. Damit dort der Heimatabend nach rund 70 Jahren nach 2020 nicht gänzlich aus dem Programm verschwindet.

von JOSEF HORNSTEINER und JOSEF RAPPENSBERGER

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