Kein Mönch, aber Mahner: Bürgermeister Hansjörg Zahler (CSU) fordert, mit offenem Visier miteinander zu reden. 

Ort muss wissen, wohin der Weg führen soll

Bürgerversammlung Wallgau: Rathaus-Chef Zahler schwingt die Moralkeule

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Ernste Töne schlägt Wallgaus Ortschef Hansjörg Zahler (CSU) bei der Bürgerversammlung an. Er fordert ein größeres Miteinander, mehr offenen Meinungsaustausch und ein Bekenntnis zu den Zielen der Gemeinde. Denn die hat einige Aufgaben vor der Brust.

Wallgau – Zur Fastenzeit gehören Starkbieranstiche. Und das Derblecken von Politikern. Hansjörg Zahler (CSU) dreht bei der Bürgerversammlung am Donnerstagabend im Haus des Gastes den Spieß um. Wallgaus Rathauschef liest seinen Bürgern die Leviten. Ohne Pointen. Ohne auf Lacher aus zu sein. Er richtet einen ernsten Appell an die Einheimischen. „Wir müssen nachdenken“, sagt Zahler vor rund 100 Zuhörern, „wie man als Dorf miteinander und nicht gegeneinander weiterkommen kann.“

Stille herrscht im Saal. Alle Augen richten sich auf den Gemeindechef am Mikrofon, dem zuletzt häufig eisiger Wind entgegenwehte und der sich wegen kursierender Gerüchte rechtfertigen musste. „Man kann über den Bürgermeister schimpfen“, sagt Zahler und spricht von sich in der dritten Person. Das halte dieser aus. Dann aber müssen die Kritiker ihm zufolge auch Alternativen bieten. Ein Problem habe er vor allem, „wenn’s hinterfotzig wird“.

Nicht nur einmal baut der Rathauschef in seiner etwa dreieinhalbstündigen Rede, in der er erledigte, künftige und gescheiterte Projekte erläutert, Spitzen ein. Er erklärt auch, warum Ideen nicht umgesetzt wurden. Dazu zählt das Vorhaben, einen Vollsortimenter anzusiedeln. Die Voraussetzungen seien nicht gegeben. Unter anderem in Bezug auf die nötige Verkaufsfläche: 1200 Quadratmeter plus Lagerhalle, am besten an der Hauptstraße – darüber verfügt die Gemeinde nicht. Von der Nähe zu den Filialen von Lidl oder Aldi in Krün ganz abgesehen. „Die vernünftigste Lösung wäre“, sagt Zahler, wenn der Eigentümer der Immobilie, in der bis Ende 2017 Rewe untergebracht war, anbauen würde.

Kirchenböbl-Debatten mit Potenzial zum Spalten

Beispiel Nummer zwei: das Wellnesszentrum am Haus des Gastes. Zahler hatte es groß angepriesen, doch es ist still um das Thema geworden. Das blieb den Bürgern nicht verborgen. Im Hintergrund scheint aber etwas passiert zu sein. Mit vier Investoren habe es dem Bürgermeister zufolge Gespräche gegeben. „Sie fanden es interessant“, berichtet er. Sie stellen aber die Bedingung, dass es ein eindeutiges Bekenntnis zu dem Projekt gibt. Verzwickte Sache. Weil die Idee mit der künftigen Nutzung des Kirchenböbls verquickt ist. Das historische Anwesen am Dorfplatz bindet nicht nur Kräfte, die Debatten darüber hatten Zahler zufolge das Potenzial, den Gemeinderat zu spalten.

Ein solches Wellness-Angebot findet der Rathauschef aber auch heute noch richtig. Wenngleich er es als ambitioniertes Projekt bezeichnet. „Aber ich hoffe, wir haben keine Denkverbote.“ Er sieht’s als Vision, andere als Spinnerei. Ideen braucht’s, das zeigt der Blick auf die Zahlen. Das jährliche Defizit des Haus des Gastes liegt bei 60 000 Euro.

Die Finanzsituation der Kommune verdeutlicht Kämmerer Hans Zahler. Viel Zeit bleibt ihm ob des langen Vortrags seines Namensvetters nicht. Er hält sich kurz und bringt’s schnell auf den Punkt: So schlecht steht die Gemeinde nicht da. 370 000 Euro Schulden hatte sie Ende 2018. „Damit kann man leben“, betont er. Bei der Pro-Kopf-Verschuldung gehört Wallgau zu den vier besten im Landkreis. Der Kämmerer schließt seinen Bericht mit einem Bild von Kanzlerin Angela Merkel – und ihrem allseitsbekannten Satz „Wir schaffen das“.

Tourismus ist das A und O

Das hören die Bürger gerne. Vor allem angesichts der Pläne der Gemeinde. Sie will Bauland für Wohnraum schaffen. Zum Teil ist das bereits passiert, wie im Ortsgebiet Vorderbergleiten. Ein Problem taucht dennoch auf. Die Flächen im Außenbereich werden immer knapper, und die Regierung von Oberbayern weist stets darauf hin, Areale im Innenbereich des Ortes zu entwickeln. Zum Beispiel zwischen Karwendel- und Flößerstraße. Allerdings sind die wenig verfügbaren Flächen nicht immer im Besitz der Kommune. Auch in die Wasserversorgung muss Wallgau investieren. Unter anderem braucht’s eine UV-Anlage. Die Vorhaben-Liste ist lang: von der Entwicklung der zwei Gewerbegebiete, der Erweiterung des Feuerwehr-Hauses, dem Abriss des Bungalows über den Neubau des Schulhauses bis hin zu Straßensanierungen und der Anschaffung von Fahrzeugen.

Besonderes Augenmerk wird auf den Tourismus gelegt, den wichtigsten Einkommensbereich der Gemeinde. Wallgau ist auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal, das den Ort von Krün und Mittenwald unterscheidet. „Landschaft und Natur – das haben die anderen auch“, sagt der Bürgermeister. Er nutzt den Punkt, um Vergleiche zwischen seinem Dorf und dem von Amtskollegen Thomas Schwarzenberger (CSU) zu zerstreuen. Krün bekomme von einem Betrieb mehr Gewerbesteuer als Wallgau insgesamt.

Eine Unmenge an Informationen liefert Zahler an diesem Abend. Er arbeitet das Geschehene der vergangenen knapp vier Jahre ab – solange liegt die letzte Bürgerversammlung zurück. Und er blickt voraus. Seine Bewerbungsrede für eine weitere Amtszeit? Im Gegensatz zu seinen CSU-Kollegen Adolf Hornsteiner (Mittenwald) und Schwarzenberger (Krün) hält er seine eigenen Zukunftsplänen noch geheim.

„Fatale“ Außenwirkung

Die Pause nach gut zwei Stunden nutzen die ersten, um den Heimweg anzutreten. Sie verpassen die Fortsetzung. Und die Predigt. Als Unschuldslamm gibt er sich dabei nicht. Der Bürgermeister räumt Fehler ein. Zum Beispiel in puncto Kommunikation im Rahmen des Gesundheitskonzepts für den Kirchenböbl. Auf seine alleinige Kappe will er aber nicht alle Probleme nehmen. „Wir brauchen ein deutliches Bekenntnis zu unseren Entwicklungszielen.“ Um den Ort weiterzubringen. Die Signale, die derzeit nach außen dringen, seien fatal. Gerade, wenn es darum geht, Investoren zu gewinnen.

Der Rathauschef schwingt die Moralkeule. Er hält es offensichtlich für nötig. „Wir drehen uns sonst zurück“, befürchtet er. Der falsche Weg, dafür braucht man kein Orakel. Was Zahler fordert, ist eine ehrliche und andere Herangehensweise. „Wir dürfen nicht immer alles schlechtreden“, sagt er im Brustton der Überzeugung. „Sonst traut sich keiner mehr, etwas zu machen.“ Damit nimmt er den Gemeinderat nicht aus, aber in Schutz. Die Mitglieder müssen sich wie er ebenfalls der Kritik der Bevölkerung stellen. Sein Wunsch: „Lasst’ uns lieber über unsere Tugenden nachdenken.“

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