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Ein Streich, der für Gesprächsstoff sorgte: Drei Krüner Burschen stellten in der Nacht auf 2. Februar 1980 diese Freiheitsstatue auf. Wallgauer räumten sie aber sofort weg. 

20 Monate hielt die Verwaltungsgemeinschaft Krün-Wallgau

Gebietsreform vor 40 Jahren: Eine Freiheitsstatue für Wallgau

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Drei Spezl. Stets für Blödsinn zu haben. Langeweile. Die ideale Konstellation für unvergessliche Aktionen – in diesem Fall in Form einer Freiheitsstatue. Ihr Schicksal ist ungeklärt. Ihre Botschaft kennt jeder: Sie markierte 1980 die Trennung von Krün und Wallgau nach 20 Monaten Verwaltungsgemeinschaft.

Wallgau/Krün – Eine neue Lederhose hat der Krüner, heute 64, gebraucht. Also fuhr er zum Leismüller. Zu „Wallgaus grauer Eminenz“, wie der Krüner den damaligen, mittlerweile verstorbenen Chef Josef „Leisi“ Leismüller nennt. Eine Sache hat ihm keine Ruhe gelassen. Wer damals, in der Nacht auf den 2. Februar 1980, am Ortseingang von Wallgau die hölzerne Freiheitsstatue in ihrem wallenden Kleid aufgestellt hatte. Mit der Aufschrift „Freiheit für Wallgau“. Immer wieder sagte Leismüller zu dem Krüner: „Gell, das wart’s doch ihr.“ Drei Spezl, eine eingeschworene Gemeinschaft, politisch interessiert, leicht aufmüpfig, Lausbuben.

Viele hatten sie im Verdacht, gab es doch im Ort nur wenige, die für eine solche Aktion in Frage kamen. Über Jahre aber schwiegen die drei Krüner. Auch weil sie den Wallgauer Grant fürchteten. An diesem Tag im Trachtengeschäft, vielleicht 10, 15 Jahre später, brach der Mann sein Schweigen. Leismüllers Reaktion: „Hund wart’s scho.“ Die Stickerei für die neue Lederhose schenkte er dem Krüner. „Nach so vielen Jahren hat sich unser Einsatz noch bezahlt gemacht“, sagt der 64-Jährige und lacht. Dabei stand die Freiheitsstatue nicht einmal eine Stunde, Wallgauer räumten sie sofort weg.

„Die Trennung war seine vordringliche Aufgabe“

Es braucht eben keine lange Zeit, um Geschichten zu schreiben, die Jahre überdauern. Das zeigt auch der politische Hintergrund der Freiheitsstatue.

Die Vorteile einer VG sah Lothar Ragaller. Doch er unterstützte die Wallgauer – und stimmte für die Trennung.

In erster Linie wollten die drei Burschen die Wallgauer ein wenig aufziehen. Das Nachbardorf feierte an diesem Freitagabend die Auflösung der Verwaltungsgemeinschaft Krün und Wallgau. Nach nur 20 Monaten. Die bayerische Gebietsreform hatte sie mit sich gebracht, den Wallgauern um Bürgermeister Johann Höck (1978 bis 1990) gefiel sie gar nicht. „Die Trennung war seine vordringliche Aufgabe, das war sein Kind“, sagt Lothar Ragaller (77).

Der Krüner sitzt an diesem Abend mit den Wallgauern Hans Baur (69), Hans Neuner (72, Wogner) und Rudi Hirtreiter (82) im Gasthof zur Post. Sie blicken 40 Jahre zurück. Auf den Start der Verwaltungsgemeinschaft. Und auf ihr Ende. Zudem auf eine Zeit, die im Bewusstsein der Menschen heute offenbar keine Rolle mehr spielt. „Darüber redet kaum noch jemand“, sagt Baur, damals wie heute Gemeinderat. „Es gab auch nie ein Nachtarock“, bekräftigt der ehemalige Gemeindemitarbeiter Neuner. Das Thema war mit dem Freiheitsfest in Wallgau erledigt.

Dabei prägt diese Periode die Entwicklung der beiden Gemeinden. Einiges wäre wohl anders gekommen. Ist es nicht – wegen bis heute nicht ganz nachvollziehbarer politischer Entscheidungen.

Einheitsgemeinde als Horrorszenario

Zum 1. Mai 1978 lief alles so, wie es aus Sicht der bayerischen Regierung um CSU-Innenminister Bruno Merk, den Vater der Gebietsreform, laufen sollte. Wallgau und Krün wurden zur Verwaltungsgemeinschaft (VG) zusammengeschlossen. An sich ein Erfolg für die zwei Orte. Es hätte deutlich schlimmer kommen können.

Gerne feierte Hans Baur damals das Wallgauer Dorffest zur Auflösung der VG mit. Nur der Name gefiel ihm nicht.

Baur gefielen die Reformpläne nicht, stellvertretend für die Kommunalpolitiker suchte er das Gespräch mit Verantwortlichen in München. Erich Kiesl, Staatssekretär im Innenministerium, empfing Baur. Um ihm klarzumachen: Die VG ist nicht das Problem. „Schaut’s lieber, dass ihr keine Einheitsgemeinde werdet. Die geht niemals mehr auseinander.“ So galt der Wallgauer Kampf zunächst der kompletten Zusammenlegung. Für sie stand viel auf dem Spiel, nicht zuletzt der Verlust der Identität. „Der Größere schluckt den Kleinen, das ist immer so“, sagt Baur. Die Selbstständigkeit zu bewahren, „das war das Allerwichtigste für uns“, bekräftigt Hirtreiter, damals ebenfalls Gemeinderat, zwischen 1990 und 2002 Bürgermeister.

Mit der Verwaltungsgemeinschaft behielten die Orte jeweils ihren Bürgermeister, ihren Gemeinderat, ihren Haushalt. Doch gerade die Wallgauer wollten mehr: zurück zur kompletten Eigenständigkeit. Auch eine Frage des Stolzes. Ragaller nennt es bis heute gerne „höfisches Denken“. Er grinst, schließlich weiß er, dass er alleine dasteht mit seiner Meinung. Stand er damals schon.

„Kaum einer würde sagen, dass das eine gute Sache ist“

Eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Krüner Kollegen erlebte Hans Neuner als Gemeindemitarbeiter.

Als einer der wenigen befürwortete der ehemalige Krüner Gemeinderat die Verwaltungsgemeinschaft. Er zog Parallelen zu seinem Beruf: In seine Jahre bei der AOK in Garmisch-Partenkirchen fiel der Zusammenschluss von 38 eigenständigen Krankenkassen zu einer großen, zur AOK Bayern. Insbesondere sah er finanzielle Vorteile; manche Posten hätte man auf längere Sicht nur einmal besetzen müssen. Ragaller glaubt: Das würde auch heute helfen.

Das Sparpotenzial streiten die drei Wallgauer nicht ab. Zugleich sind sie überzeugt: Der Widerstand gegen eine Verwaltungsgemeinschaft wäre heute so groß wie damals. „Kaum einer würde sagen, dass das eine gute Sache ist“, glaubt Neuner. Wie vor 40 Jahren. Auch die Krüner sagten das nicht.

Wallgau war aktiv dagegen. „Wir haben einfach mehr verloren“, betont Hirtreiter. Den Sitz der Verwaltung zum Beispiel. Zudem befürchtete man, als der kleinere Partner über kurz oder lang noch mehr zu verlieren. Diese Sorge trieb die Krüner nicht um. Als neutral beschreibt Ragaller deren Haltung. „Ob es klappt oder nicht klappt, das war uns wurscht.“ Doch missfiel auch ihnen die Zwangssituation, sie spürten die Abneigung. „Wir wollen doch niemanden bei uns haben, der eigentlich nicht her will.“ Solche Aussagen hörte Neuner immer wieder, während er im Krüner Rathaus arbeitete. Sein Fazit: Die Trennung ging für alle in Ordnung. Gestritten wurde nie. Noch heute lobt Baur das „überaus faire Verhalten“ der Krüner. Denn hätte sich nur einer öffentlich gegen die Trennung ausgesprochen – auch Ragaller stimmte dafür –, hätte Wallgau keine Chance gehabt. Davon ist Baur überzeugt.

Gelassen verfolgten die Krüner den Befreiungskampf

So verfolgten die Krüner gelassen den Befreiungskampf der Nachbarn. Der von Erfolg gekrönt war. Aus welchen Gründen auch immer.

Die Selbstständigkeit zu bewahren, „war das Allerwichtigste für uns“, sagt der Wallgauer Rudi Hirtreiter. 

„Damit rechnen konnte man nicht“, sagt Ragaller. Zwei so kleine Orte, so nahe beieinander, in so vielem so ähnlich – sie scheinen VG-prädestiniert.

Hirtreiter sieht als Hauptgrund den Tourismus. Beide Orte verdoppelten damals im Sommer ihre Einwohnerzahl. Hirtreiter zufolge verzeichnete Krün damals etwa 400 000 Übernachtungen im Jahr, Wallgau etwa die Hälfte. Und die Infrastruktur, betont Neuner, musste auf alle – Einheimische und Gäste – ausgelegt sein. Ein nachvollziehbares Argument. Überzeugender aber erscheint ein anderes.

Bis 1978 gab es in Wallgau keine Parteien. Wohl aber einen prominenten CSU-Vertreter: Ludger Goppel, Sohn des damaligen Ministerpräsidenten Alfons Goppel, hatte ins Isartal geheiratet. Womöglich trieb er die Gründung einer CSU in seiner konservativen Wahlheimat schon länger voran, der Kampf gegen die VG dürfte sie aber beschleunigt haben. Damit wäre ihre Protest-Stimme in der Regierung sicher lauter. Von heute auf morgen zählte die Ortspartei Baur zufolge 150 Mitglieder.

Große Befreiungsfeier am 1. Februar 1980

Ob gezielte Strategie oder nicht – sie ging auf. Während die Verwaltungsgemeinschaften Unterammergau-Ettal und Bad Kohlgrub-Saulgrub-Altenau bestehen blieben, wurde jene von Wallgau und Krün zum 31. Dezember 1979 aufgelöst. Wallgaus Bürgermeister Höck ließ diesen Landtags-Beschluss, die Befreiung, entsprechend feiern.

Hunderte Leute kamen gut einen Monat später ins Haus des Gastes, es wurde geplattelt, die Blasmusik spielte. Ein richtiges Dorffest, erinnert sich Neuner. Es gefiel ihm, auch Baur feierte gerne mit. Eines aber störte ihn: Höck hatte das Ganze „Wiederauferstehungsfeier“ getauft. „Als ob wir vorher tot gewesen wären.“ Neuner empfand den Namen ebenfalls als falsch, damit sei man „über das Ziel hinausgeschossen“. Er brachte den Wallgauern so manchen Krüner Spott ein. Und eine zwei Meter hohe Freiheitsstatue samt Bettlaken, Fackel und Krone. Aufgestellt von drei Burschen Anfang 20, die ihre Namen auch nach 40 Jahren nicht in der Zeitung lesen wollen.

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