„Eine Katastrophe“: Ein Helfer hält einen verendeten Fisch in Händen.
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„Eine Katastrophe“: Ein Helfer hält einen verendeten Fisch in Händen.

“Katastrophe“

Kraftwerks-Maßnahme löst qualvolles Massensterben in der Isar aus - „Wer das erlebt hat...“

  • vonChristof Schnürer
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Ein schauriges Schauspiel: Nach Öffnung des Krüner Wehrs verschwindet die Isar in Teilbereichen im Kies. Das Todesurteil für unzählige Wasserlebewesen.

  • An der Isar hat sich ein Massensterben ereignet.
  • Nach der Öffnung des Krüner Wehrs ist die Isar an vielen Stellen im Kies versunken.
  • Tausende Fische haben die Aktion mit ihrem Leben bezahlt.
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Oberes Isartal – Öffnen sich die Schleusen am Krüner Wehr, wird’s für die Fische flussabwärts kritisch. Augenzeuge Sebastian Frölich aus Mittenwald erlebt aus nächster Nähe, als Wasserlebewesen in der trocken gefallenen Isar massenhaft krepieren. „Wer das erlebt hat, ist tatsächlich schockiert“, berichtet der Naturfotograf.

Massensterben an der Isar: Tausende Fische verenden 

Bachforellen, Koppen, Äschen, Elritzen und andere Wassertiere – alle tot, qualvoll erstickt. „Leider verenden damit schon zum 41. Mal seit 1995 zahlreiche Fische“, bedauert Hans Schanderl. Und der Mann vom Kreisfischereiverein Garmisch-Partenkirchen weiß genau, wovon er spricht. Akribisch führt der Kocheler Buch. An diesem Donnerstag tun die rund 20 freiwilligen Helfer mit Keschern, Wathosen und Elektrogeräten rund 500 Meter unterhalb des Wallgauer Isarstegs ihr Bestes, versuchen aufopferungsvoll zu retten, was noch nicht erstickt oder von Krähen und Möwen tot gepickt worden ist. „Bei zwischendurch strömendem Regen keine leichte Aufgabe“, schildert Schanderl diese Sisyphos-Arbeit.

Trocken: die Isar bei Wallgau.

Tausende Fische sterben in Isar: Fische zappeln im Kies

Teilweise werden im Trockenen zappelnde Fische unter Ausspülungen, Wurzeln und Büschen aufgesammelt. „Für viele kam die Hilfe zu spät.“ Schanderl spricht von „ein paar tausend“ Wasserlebewesen, die keine Chance haben – die kleinen Exemplare mit eingerechnet. Ein Massensterben.

Das Schlimme daran: Dieses schaurige Schauspiel wiederholt sich in schöner Regelmäßigkeit. Tierfreund Frölich bezeichnet das als „Katastrophe“ – und zwar für die komplette Artenvielfalt.

Massensterben an der Isar: Stauwehr als Ursache für Massensterben

Die Ursache liegt ein paar Flusskilometer aufwärts – an eingangs erwähntem Stauwehr bei Krün. Oberhalb der Anlage hatte sich das Flussbett und der Stauraum ununterbrochen mit Kies gefüllt. Er schwappte bereits in den Überleitungskanal Richtung Sachen- und Walchensee. Größere betriebliche Beeinträchtigungen waren zu erwarten. Dem Kraftwerksbetreiber Uniper blieb somit keine andere Wahl. Das Unternehmen veranlasste laut Schanderl „bei dem verhältnismäßig kleinen Hochwasser von zirka 25 Kubikmeter pro Sekunde“, das Wehr zu öffnen und den Kies durchzuspülen. „Das war absolut notwendig“, rechtfertigt Uniper-Sprecher Theodorus Reumschüssel diese Aktion. Er bekräftigt, dass dieser Vorgang, der ihm zufolge zwei- bis viermal pro Jahr vonstattengehen müsse, alles andere als gerne gemacht wird. „Denn damit geht ein Erzeugungsverlust einher.“ Mit anderen Worten: In dieser Phase kann kein Strom produziert werden. „Daher ist das Ganze keine billige Angelegenheit.“

Fische verenden in Isar: Kraftwerk-Aktion ist Todesurteil

Für viele Lebewesen ist es eine tödliche. Denn als das Wehr wieder geschlossen wird und die vereinbarte Restwassermenge von 4800 Liter pro Sekunde wieder fließt, verschwindet die Isar auf gut einem Kilometer Länge – ein altbekanntes Phänomen, seit der Mensch in den angeblich letzten Wildfluss Deutschlands technisch eingegriffen hat. In dem mit Kies prall gefüllten Flussbett versickert das Wasser streckenweise und fließt in der Folge unter dem Gestein. Das Todesurteil für eine Unmenge an Fischen, die plötzlich im Trockenen zappeln oder bestenfalls in kleinen Tümpeln gefangen sind. Wasser auf den Mühlen von Hans Schanderl, der seit Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten, einen Kiesfang oberhalb des Krüner Wehrs fordert. Dadurch könnte die Menge an Gestein „isarverträglich“ gestaltet werden, glaubt Schanderl. „Das Wehr müsste nur mehr bei wirklich großen Hochwässern geöffnet werden.“

Nach Horror-Szenario an der Isar: Hoffen auf Naturschutz

Der Energieriese Uniper ist durchaus gesprächsbereit. „Der Idee stehen wir grundsätzlich positiv gegenüber“, bemerkt Reumschüssel. „Eine technisch überlegenswerte Option.“ Im gleichen Atemzug stellt der Unternehmenssprecher aber klar: „Die Finanzierung und Bewirtschaftung kann nicht unser Thema sein.“ Eine Sichtweise die Kiesfang-Initiator Schanderl zur Genüge kennt. Er weiß, dass ohne Unterstützung des staatlichen Naturschutzes die Fischfalle Isar bestehen bleibt. In diesem Zusammenhang erhielt er bereits einen Dämpfer vom Landratsamt. Auf seine Anfrage wurde ihm in einem Schreiben mitgeteilt,
dass der Erhalt der aquatischen Lebensgemeinschaften für den Naturschutz selbstverständlich keinesfalls grundsätzlich nachrangig ist! Allerdings sind die aquatischen Bereiche an der Oberen Isar gegenwärtig und in absehbarer Zukunft vergleichsweise weniger stark bedroht, so dass der Naturschutz bei ,innerfachlichen Zielkonflikten‘ entsprechende Prioritäten setzen muss“.

„Da zerreißt es mich“, meint Schanderl. Er hofft dennoch auf ein Einlenken bei den Umweltbehörden. Das jüngste Massensterben könnte dazu vielleicht einen wichtigen Impuls geben.

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Für die Obere Isar gab es ein vorübergehendes Befahrungsverbot. Dieses hat das Landratsamt nun wieder aufgehoben.

Oft werden umgestürzte Bäume am Isarufer und Holz, dass einfach der Natur überlassen wird, als Unordnung empfunden. Wieso das ganz und gar nicht so ist, erklärt das Wasserwirtschaftsamt.

Er war erst ein Jahr und zwei Monate alt: Ein Hund wurde auf der B22 von einem BMW überfahren - der Fahrer ist flüchtig. Über Facebook startet man jetzt eine Suchaktion.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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