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So könnte es einmal im Kirchenböbl ausschauen: Der erfolgreich betriebene Dorfladen in Farchant hat einige im Wallgauer Gemeinderat neugierig gemacht.

Auf den Geschmack gekommen

Kirchenböbl: Experten zeigen den Weg auf

Erbpacht oder Neubau, Dorfladen oder Schnapsbrennerei – oder beides? Wenn es um die Zukunft des Kirchenböbl geht, gibt es viele Planspiele. Eine richtungsweisende Entscheidung indes fehlt. Daran änderte auch die diskussionsfreudige Sitzung des Wallgauer Gemeinderats am Donnerstagabend nichts.

Wallgau – Geht’s im Wallgauer Gemeinderat um den Kirchenböbl, dann sind die ansonsten eher spärlich besetzten Zuschauerplätze im Rathaus voll. Zweieinhalb Stunden wurde diesmal über das Schicksal des verwaisten bäuerlichen Anwesens am Dorfplatz diskutiert. Ein wegweisender Beschluss? Einmal mehr Fehlanzeige.

Dabei hatten die drei geladenen Experten Klaus Ochs (Notar aus Garmisch-Partenkirchen), Wolfgang Gröll (Einzelhandelsberater) und Peter Böhmer (Geschäftsführer des Dorfladens in Farchant) die Volksvertreter mit aufschlussreichen Details gefüttert. Mehr noch: Im Grunde zeigte das fachkundige Trio dem Gemeinderat sogar einen Königsweg in der verfahrenen Sache auf. Der lautet: Der Kirchenböbl bleibt in Gemeindebesitz, wird nicht abgerissen und auf befristete Zeit via Erbbaurecht an einen privaten Investor abgegeben. Dieser soll in dem Anwesen auf eigene Kosten einen Dorfladen und oder eine Schnapsbrennerei realisieren. Heimische Landwirte könnten das neue Geschäft in altem Gemäuer mit frischen Regionalprodukten zu fairen Preisen beliefern.

Soweit die Theorie, in der Praxis tun sich die Gemeinderäte nach wie vor schwer, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Was Bürgermeister Hansjörg Zahler (CSU) gar nicht schmeckt. „Ich erwarte schon, dass wir mal voranmarschieren.“ Zumal die Zeit drängt, findet zumindest Gemeinderat Josef Berwein (Wählerverein). „Jetzt muss eine Grundsatzentscheidung her“, fordert der Landwirt, der bekanntlich mit einigen Standeskollegen im Kirchenböbl von einem Bauernladen in Eigenregie träumt. Ein zentral gelegener Nahversorger ist umso wichtiger, da Ende des Jahres der Rewe-Markt schließt – und ein Nachfolgebetrieb weit und breit nicht in Sicht ist.

Zurück zum Kirchenböbl: Dieses Anwesen in eine Stiftung zu überführen, hält Notar Ochs für wenig zielführend: „Für so ein kleines Gebäude ist dieser Weg nicht der richtige.“ Denn ein solches Konstrukt benötigt eine gewisse Barschaft, damit der Stiftungszweck überhaupt erfüllt werden kann. Fließen also Gemeindemittel in die Stiftung, wären öffentliche Gelder dauerhaft gebunden. Was im Grunde mit der Bayerischen Gemeindeordnung nicht zu vereinbaren ist.

Das Erbbaurecht hingegen empfindet Ochs als „interessante Lösung“. Denn dann gehört der Grund weiter der Kommune, das Risiko der Haussanierung trägt indes ein Investor, der sich auf einen vertraglich geregelten Zeitraum verpflichtet, den Erhalt in diesem Fall des Kirchenböbl zu garantieren. Weiterer Vorteil für die Kommune: Sie kassiert sogar noch einen jährlichen Erbauzins (drei bis fünf Prozent des Grundstücksverkehrswerts). Das wiederum schreit förmlich nach den hiesigen Gebrüdern Leismüller, die den Kirchenböbl bekanntermaßen auf eigene Kosten sanieren und darin eine Schaubrennerei errichten wollen.

Und dann gibt es ja noch die Idee mit dem Dorfladen. Ein Konzept, das laut Einzelhandelsberater Gröll seit 20 Jahren immer besser funktioniert. Das Erfolgsrezept: regionale Ware, guter Service, Bioprodukte, Erlebnis-Einkauf. „Die Kombination macht’s.“ Weitere Voraussetzung: „Dorfläden müssen bei Preisen mit Discountern mithalten können.“

Als Musterbeispiel dafür taugt der Dorfladen in Farchant. Dessen Geschäftsführer Böhmer wartete mit einigen interessanten Zahlen auf. So landete man 2016 bei einem Umsatz von 640 000 Euro bei einer schwarzen Null. 2015 wies die Bilanz noch ein Minus von 20 000 Euro aus. Die täglich bis zu 300 Kunden kaufen im Schnitt für 8,50 Euro ein, was einen Tagesumsatz von über 2000 Euro beschert.

Im Betrieb mit einer Ladenfläche von 130 Quadratmetern (900 Euro Warmmiete ohne Strom) werden zwölf Angestellte (Stundenlohn 9,45 Euro) beschäftigt. Geschaffen haben den Dorfladen 260 Anteilseigner mit einem Grundkapital von 78 000 Euro.

Wichtig laut Experten Gröll: „Je mehr Anteilnehmer, desto größer die Akzeptanz.“ Landwirte hingegen sollten sich „mehr auf die Belieferung als auf die Vermarktung konzentrieren“. Eine Botschaft, die den fünf Wallgauer Bauern gar nicht behagt. „Ich kann doch auch mit Qualität überzeugen“, hielt Sprecher Berwein Fachmann Gröll entgegen. Doch dessen Meinung steht: „Es ist leichter, eine Sache zu führen, die mehreren gehört.“

Christof  Schnürer

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