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Blechlawine im Oberen Isartal: Mit Brandbrief und Bürgerdruck

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Steht Rede und Antwort: Katharina Zunterer (Mitte) informiert die angehenden Pflanzenökologen der Hohenheimer Universität unter Leitung von Professor Dr. Andreas Schweiger (2. v. r.) über das Leben und die Entwicklung in Wallgau.
Steht Rede und Antwort: Katharina Zunterer (Mitte) informiert die angehenden Pflanzenökologen der Hohenheimer Universität unter Leitung von Professor Dr. Andreas Schweiger (2. v. r.) über das Leben und die Entwicklung in Wallgau. © Leonhard Habersetzer

Die Tourismusorte Krün und Wallgau ächzen unter dem Dauerverkehr. 2,4 Millionen Fahrzeuge steuern jährlich von dem einen in den anderen Ort. Anwohnerin Katharina Zunterer kann ein Lied davon singen. Nun hat sie bereitwillig einer Forschungsgruppe Bericht erstattet.

Wallgau – Ihre Gruppe erforscht die zahlreichen Facetten komplexer ökologischer Reaktionen in der Epoche, in der der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Im Kern ihrer Forschung steht dabei die Wechselbeziehung zwischen Pflanzen und der sich wandelnden Umwelt. Die Rede ist von einigen angehenden Wissenschaftlern, die an der Universität Hohenheim bei Stuttgart, einem Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie, studieren.

Dort lehrt auch der aus Krün stammende Professor Dr. Andreas Schweiger, den nun eine einwöchige Exkursion mit den internationalen Studenten zu seinen Wurzeln in seine Werdenfelser Heimat geführt hat. Im gesamten Landkreis erkundeten sie zu Studienzwecken unter anderem die touristischen Einflüsse auf die Pflanzenwelt.

In Wallgau war es explizit der überschwappende Verkehrsfluss, insbesondere der zahlreichen Naherholer, der sie interessierte. Katharina Zunterer, mutige und unermüdliche Kämpferin gegen die durch den Ort führende Blechlawine (wir berichteten), gab ihnen bereitwillig Auskunft und wartete mit einigen interessanten Zahlen auf.

„2,4 Millionen Fahrzeuge fahren jährlich aus Wallgau heraus und in Krün hinein“, verdeutlichte die Wallgauerin. Das Staatliche Bauamt soll diese Zahlen 2019 ermittelt haben. Gemessen hat es auch die Lärmbelastung. „Diese lag bisweilen bei knapp 90 Dezibel“, berichtet Zunterer. Die höchsten Werte (87,5 Dezibel) verursachen Lkw. „Die Grenze der Zumutbarkeit liegt bei 70 Dezibel. Ein gesunder Schlaf ist in an der Straße liegenden Häusern häufig nicht mehr möglich.“ Einen Beweis brauchte Zunterer beim Ortstermin auf dem Rathaus-Parkplatz nicht anzutreten. Der Verkehrslärm im Hintergrund bestätigte ihre Aussagen von selbst.

Das Problem ist nicht hausgemacht, sondern hat seine Ursache hauptsächlich in Online-Routenplanern, die bei Staus am Autobahnende Eschenlohe oder von der Landesgrenze her die Autofahrer durch das Obere Isartal lotsen. Die heftigsten Ausschläge sind den Bettenwechseln am Wochenenden und im Winter Skifahrern geschuldet sowie zurzeit den vielen Badegästen und Motorradfahrern aus Tirol.

„Dort handeln die Politiker und schützen ihre Heimat“, unterstreicht Zunterer. „Mit Abfahrtsverboten von Autobahnen, Blockabfertigungen warten sie nicht, bis alles an die Wand gefahren wird, sondern werden aktiv. Das vermisse ich bei uns. Vom Bund und Land ist bis jetzt keine große Hilfe zu erwarten.“ Im Gegenteil: „Die Tunnels und größere Parkplätze stellen momentan keine Lösung dar. Sie verlagern nur.“

Seine Antwort war lediglich, dass durch Bad Heilbrunn auch täglich 18 000 Autos fahren würden.

Katharina Zunterer über Landtagsabgeordneten Martin Bachhuber

Auf einer Veranstaltung fragte die Wallgauerin den CSU-Landtagsabgeordneten Martin Bachhuber nach Lösungen bei der Verkehrsbeschränkung. „Seine Antwort war lediglich, dass durch Bad Heilbrunn auch täglich 18 000 Autos fahren würden.“

Seitens der Politik werde eher der ungehinderte Verkehrsfluss favorisiert, der in der Straßenverkehrsordnung verankert ist. Andernfalls würden sie gesetzeswidrig handeln, ließ eine Studentin einfließen. Sie wollte auch wissen, ob das 9-Euro Ticket, eine spürbare Entlastung bringt. Den beruhigenden Effekt „Es war so ruhig, wie schon lange nicht mehr“ bestätigte Zunterer.

Ein Brandbrief des Sprechers der Landkreis-Bürgermeister, Christian Scheuerer (Freie Wähler) aus Ohlstadt, über den katastrophalen Zustand der Werdenfels-Bahn mit der Forderung nach weiterem Ausbau ist unterwegs. Ob’s was hilft? Katherina Zunterer glaubt schon. „Der Bürgerdruck unsererseits muss wachsen, damit bei der notwendigen Verkehrsberuhigung etwas vorwärts geht. Sonst kann die nächste Generation die Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe an der Bundesstraße zusperren.“

Der in Krün aufgewachsene Andreas Schweiger (38), Professor für Pflanzen-Ökologie, kennt die Situation genau. Er wollte wissen, ob die Radldemos 2020 in Grainau, Garmisch-Partenkirchen, Murnau und Kochel etwas bewirkt hätten. „Das kann ich nicht sagen“, antwortete Zunterer. „In Wallgau gingen jedenfalls viele Bürger auf die Straße und brachten ihren Unmut zum Ausdruck.“

Im September wird die Ortsdurchfahrt mit breiterem Bürgersteig und Fahrradstreifen versehen. „Weiter setze ich Hoffnung in unser neu gestartetes Dorferneuerungsprogramm und den wachsenden Bürgerdruck.“ Leonhard Habersetzer

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